Zwei Wienliebhaber unter sich: Willem Dafoe und Gaston Solnicki

Willem Dafoe arbeitet gerne mit “echten Menschen”

Samstag, 07. Februar 2026 | 05:00 Uhr

Von: apa

Im vergangenen Jahr war Willem Dafoe zu Gast bei der Viennale, um die Österreichpremiere von Gastón Solnickis Wien-Liebesbrief “The Souffleur” zu feiern, der ab 13. Februar im Kino läuft. Der Hollywoodschauspieler spielt darin einen Hotelmanager, der versucht, den Abriss des Intercontinental zu verhindern. Die APA traf damals den 70-Jährigen und den Regisseur, um über den “Verlust von sich selbst”, die “Wiener Dunkelheit” und die Kunst des Improvisierens zu sprechen.

APA: Herr Solnicki, das Bild, das Sie von Wien zeichnen, entspricht nicht gerade jenem, das wohl die meisten Touristen von dieser Stadt haben. Viele Menschen verbinden damit Walzerseligkeit und Johann Strauss.

Gastón Solnicki: Wenn Sie mich auf die gegenteilige Seite von Johann Strauss stellen, nehme ich das als Kompliment.

APA: Im Film heißt es, dass Ihre ersten Erinnerungen an Wien aus Urin und Butter bestehen. Stimmt das?

Solnicki: (lacht) Ich habe mir ein wenig dichterische Freiheit erlaubt, aber als wir auf einer Familienreise von Wien nach Budapest fuhren, war es wegen des Eisernen Vorhangs verboten, anzuhalten. Ich war fünf Jahre alt und ich musste aufs Klo, also habe ich in ein Sandwichsackerl gepinkelt.

APA: Herr Dafoe, ist Ihre erste Erinnerung an Wien vielleicht ein wenig angenehmer?

Willem Dafoe: Ich glaube, ich war vor vielen Jahren zum ersten Mal hier, für die Wiener Festwochen mit der Wooster Group, aber meine Erinnerung an Wien wurde wirklich durch die Arbeit an diesem Film geprägt.

APA: Die Bilder im Film erinnern an die Einsamkeit in den Gemälden von Edward Hopper.

Solnicki: Absolut. Ich nehme das als Kompliment.

Dafoe: Das ist ein großes Lob!

APA: Springt dieses Gefühl der Melancholie auch auf Sie selbst über, Herr Dafoe?

Dafoe: Nicht so sehr. Ich habe mehr darüber nachgedacht, wie ich mit den verschiedenen Persönlichkeiten umgehen soll. Das hat mich wirklich gereizt, weil man in diesen Interaktionen Beziehungen aufbaut. Das ist sozusagen der menschliche Teil des Dilemmas. Es war eine interessante Art zu arbeiten.

APA: Es geht um die Endlichkeit der Dinge, oder nicht?

Dafoe: Es geht um die Veränderung der Identität und darum, dass Menschen an bestimmten Traditionen festhalten – im Guten wie im Schlechten. Aber im Grunde geht es um einen Mann, der sich ein Leben aufgebaut hat, das nun bedroht ist, sodass er in Panik gerät – und diese Panik führt schließlich zu einer Art Befreiung. Wir alle können uns mit diesem Festhalten an etwas identifizieren und haben das Gefühl, dass wir sterben würden, wenn wir es nicht täten. Ein Theaterregisseur sagte einmal zu mir: “Es geht nicht so sehr darum, was wir im Leben wollen, sondern darum, was wir zu verlieren fürchten – das motiviert uns wirklich.”

APA: Wenn man etwas zu verlieren hat …

Dafoe: So ziemlich jeder hat ein gewisses Selbstempfinden, es sei denn, er ist ein erleuchteter Mensch, der über uns allen steht. (lacht) Wenn dieses Selbstgefühl bedroht wird, geht es nicht nur um die Frage der Sterblichkeit. Man hat keine Kontrolle. Viele Menschen haben den Luxus, sich von diesem Gefühl abzuwenden. Aber in diesem Fall hat dieser Mann keine Wahl, weil er so viel in seine Arbeit investiert hat, dass es ihm zu schaffen macht – und deshalb ist es wie eine schwarze Komödie, weil man die Angst vor dem Verlust von sich selbst erkennen kann.

APA: Herr Solnicki, wie haben Sie Willem Dafoe dazu gebracht, in Ihrem Film mitzuspielen?

Solnicki: Es begann als Freundschaft – und wir haben uns gegenseitig dazu überredet. Willem hat immer noch dieses Feuer, das ich selbst zu verlieren fürchte. Er ist so offen und engagiert. Ich meine, es ist ein Wunder, dass dieser Film überhaupt existiert. Irgendwann habe ich ihn angesprochen und ihm gesagt, dass ich dachte, es sei ein guter Zeitpunkt für dieses Projekt, und die Dinge begannen sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln, was mich zurück nach Wien brachte. Ich meine, so viele Filme werden geschrieben und dann nicht gedreht. Dieser Film wurde gedreht und nicht geschrieben.

APA: Was meinen Sie damit, dass er nicht geschrieben wurde?

Solnicki: Es gibt kein Drehbuch. Versuchen Sie das nicht zu Hause! (lacht) Das hat seine Herausforderungen, aber auch viele Möglichkeiten.

APA: Das heißt, Sie improvisieren viel?

Dafoe: Nicht wirklich. Ich glaube, wenn die Leute an Improvisation denken, denken sie an Schauspieler, die sich clevere Dialoge ausdenken. Das ist fatal. Man muss uns allen, mich eingeschlossen, eine sehr kreative Welt geben, die sehr klare Absichten hat. Es geht darum, Möglichkeiten zu finden und ihnen nachzugehen und auch die Situation zu sich sprechen zu lassen. Darin ist Gastón sehr gut, weil er eine poetische Sensibilität hat.

APA: Stimmt es, dass viele der Menschen in Ihrem Film hier im Hotel arbeiten?

Solnicki: Oh ja! Wissen Sie, wenn man aus Argentinien nach Wien kommt, spürt man eine dichte Dunkelheit und eine Anspannung. Deshalb kann ich mich sehr gut mit der Zärtlichkeit und Sensibilität bestimmter Menschen identifizieren. Da steckt eine Zärtlichkeit drinnen. Normalerweise übertönt der Lärm des Kinos diese Dinge.

Dafoe: Wir haben es hier nicht mit Archetypen, sondern mit echten Menschen zu tun. Das ist es, worauf man wirklich zugreift, man lässt es geschehen, man erfindet eine Situation, in der etwas wahr sein kann, es hat eine Art Kontakt mit der Realität. Man zeigt nicht auf sie, man lässt sie geschehen.

(Das Gespräch führte Marietta Steinhart/APA)

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