Von: idr
Völs/Terlan – Mit 24 Jahren rechnet kaum jemand mit einer lebensverändernden Diagnose. Man plant Reisen, denkt an Karriere, vielleicht an Familie. Für Martina Messner kam all das im Jahr 2019 abrupt ins Wanken. Nach einer Sehnerventzündung im Auge erhielt sie zwei Monate nach der Heilung die Diagnose Multiple Sklerose, kurz MS – eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Heute engagiert sich Messner für andere MS-Patienten bei der MS-Vereinigung und gibt mit Freude das weiter, was sie selbst nicht hatte.
„Ich bin davon ausgegangen, dass alles wieder gut ist“, erzählt Martina im Gespräch mit Südtirol News. Die Symptome der Sehnerventzündung waren abgeklungen. „Das kann bei jungen Menschen schon mal passieren“, sagte ihr ein Arzt. Umso größer war der Schock, als die Ärztin ihr plötzlich zwei Monate später die Diagnose mitteilte. „Ich saß da und konnte irgendwann gar nicht mehr folgen. Es war, als würde ein Film vor mir ablaufen.“ Der Fehler, den Messner rückblickend bereut: Zu schnell die falschen Quellen konsultiert zu haben. „Unheilbar, Rollstuhl, schlimme Verläufe“, das war das Erste, was man las. „Das macht Angst.“

Frühzeitige Erkennung von Symptomen
Heute weiß Messner: Die Krankheit hatte sich schon früher angekündigt. 2017, beim Jobwechsel, plagten sie kribbelnde Beine und Taubheitsgefühle in der Hand. „Ich dachte, das ist der Stress.“ Magnesium, Urlaub – die Symptome verschwanden wieder. „Damals wusste ich noch gar nicht, was MS ist. Rückblickend ist man schlauer.“
Multiple Sklerose ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem das zentrale Nervensystem angreift. In Südtirol sind rund 600 Menschen von MS betroffen. Die Symptome sind individuell verschieden, je nachdem, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind – von Sehstörungen über Taubheitsgefühle bis hin zu Gleichgewichtsproblemen. Darum nennt man sie auch “die Krankheit der tausend Gesichter“.
Medizinisch gilt MS heute zwar als nicht heilbar, aber gut behandelbar. Frühzeitige Diagnosen und moderne Medikamente können den Krankheitsverlauf oft deutlich bremsen. Dennoch hinterlässt die Diagnose Spuren. „Am Anfang ist man schnell in einer Negativspirale“, sagt Martina. Sie habe sich zunächst keine professionelle Hilfe geholt, heute würde sie das anders machen. Erst Gespräche mit einem Arzt aus der Familie hätten ihr geholfen, die Krankheit einzuordnen und etwas Ruhe zu finden.
Auch im Alltag verlangt MS Aufmerksamkeit. Stress gilt als möglicher Trigger für neue Symptome. Martina spürt das vor allem an den Augen, dort, wo ihr erster Schub auftrat: in den Augen. „Wenn zu viel los ist, meldet sich der Körper. Dann weiß ich, ich muss langsamer machen.“ Kurze Pausen, Meditation in der Mittagspause und bewusstes Abschalten nach dem Alltag helfen ihr dabei.
Südtiroler MS-Vereinigung und Young MS
Trotz – oder gerade wegen – dieser Erfahrungen engagiert sich Martina heute im Vorstand der Südtiroler MS-Vereinigung. Besonders am Herzen liegt ihr der Austausch unter jungen Betroffenen. „Ich habe mir damals gewünscht, jemanden in meinem Alter zu treffen, der das Gleiche erlebt.“ Daraus entstand die Gruppe „Young MS“, die Treffen, Vorträge oder einfach gemeinsame Ausflüge organisiert. Es gehe darum, sich nicht allein zu fühlen und über Themen zu sprechen, die Gleichaltrige bewegen.

Ein großes Missverständnis rund um MS möchte Martina klarstellen: „Viele denken sofort an den Rollstuhl. Dieses Bild ist überholt.“ Die Krankheit verlaufe sehr unterschiedlich, und viele Betroffene könnten heute über Jahre ein weitgehend problemarmes Leben führen. Offenheit helfe – sowohl im Umfeld als auch im Umgang mit sich selbst.
Das ist auch das, was Martina frisch Betroffenen am ehesten rät: „Nicht zu viel googeln – und sich trauen, Hilfe anzunehmen“ – zum Beispiel von der MS-Vereinigung. Eine realistische und hilfreiche Quelle kann auch die Webseite „trotz MS“ sein.
Alle zwei Jahre Führerscheinerneuerung
Kritisch sieht Martina vor allem bürokratische Hürden. Lange Wartezeiten auf Physiotherapie oder jährliche MRT-Termine seien belastend. Zum Beispiel müsse sie den jährlichen MRT-Termin bereits ein Jahr im Voraus anmelden. Besonders ärgerlich sei die Führerscheinregelung: Alle zwei Jahre müsse dieser erneuert werden, inklusive mehrerer fachärztlicher Gutachten – auf eigene Kosten. „Da kommen schnell rund fünfhundert Euro zusammen. Viele erfahren das erst sehr spät.“
Heute lebt Messner gut mit ihrer MS. „Kein Mensch weiß, was in fünf Jahren ist. Die Krankheit verleitet dazu, mehr im Jetzt zu bleiben“, sagt sie. Es ist ein Satz, der nachhallt. MS habe ihr viel abverlangt, aber auch den Blick geschärft – für den eigenen Körper, für Grenzen und für das, was wirklich zählt. Dass sie heute anderen Betroffenen Orientierung geben kann, empfindet sie nicht als Belastung, sondern als Sinn. „Man kann mit MS gut leben“, sagt sie. „Es hilft, zu wissen, dass man nicht allein ist.“
Betroffene können sich bei der MS-Vereinigung Südtirol und den Young MS melden.




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