Von: ka
Lonate Pozzolo – Ein tödlicher Einbruch in Lonate Pozzolo erschüttert die italienische Öffentlichkeit und entfacht die nie ganz verstummte Polemik um Mord oder Notwehr erneut.
Der 33-jährige Jonathan Rivolta befand sich im Haus seiner Eltern in Lonate Pozzolo bei Varese, als die Einbrecher, die aus einem Nomadenlager bei Turin stammen, am Mittwochvormittag die Scheibe einschlugen und in die Villa eindrangen. Als Jonathan Rivolta von Geräuschen erschreckt, die Räuber überraschte, kam es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf der 33-Jährige den 37-jährigen Adamo Massa zweimal mit einem Messer verletzte.
Die Räuber ergriffen die Flucht und brachten ihren schwer verletzten „Kollegen” ins Auto. Im verzweifelten Versuch, sein Leben zu retten, unterbrachen sie nach 20 Minuten ihre Flucht und luden ihn vor der Notaufnahme des Krankenhauses von Magenta aus. Für Adamo Massa kam jedoch jede Hilfe zu spät.
Nun gilt es, den genauen Tathergang zu rekonstruieren. Die Aussage von Rivolta erschien den Ermittlern im Einklang mit der Notwehr. Der Fall löste eine heftige politische Polemik aus. Die Mitterechts-Parteien sprachen Jonathan Rivolta ihre Solidarität aus.

Es ist noch nicht einmal 11.00 Uhr am Mittwochvormittag, als ein dunkler Audi mit geklonter Kenntafel vor einer kleinen Villa im Zentrum von Sant’Antonino, einer Fraktion der Gemeinde Lonate Pozzolo bei Varese, hält. Die Kriminellen sind zu dritt. Während einer am Steuer sitzen bleibt, fällt die „eigentliche Arbeit” Massa und seinem Komplizen zu.
Sie klingeln mehrmals beharrlich, erhalten jedoch keine Antwort. Da sie vermuten, dass niemand im Haus ist, schleichen sie sich durch einen Hintereingang, der von einer Nische entlang der Straße fast vollständig verdeckt ist, in den Garten. Sie klettern über das Tor. Sie „umgehen” das erste Fenster und seine Gitter. Dann schlagen sie die Scheibe der Küchentür ein.
Die verdächtigen Geräusche nach dem Klingeln machen Jonathan, der als Forscher tätig ist, sofort misstrauisch. Er befindet sich in diesem Moment in seinem Zimmer im Obergeschoss. Der 33-Jährige greift sich ein Messer – „Es gehört zu einem Überlebenskit, das ich bei meinen Trekkingtouren benutze“, wird er den Ermittlern später berichten – und geht die Treppe hinunter, um nachzusehen. Als er in der Küche den Eindringlingen gegenübersteht und Adamo Massa sich auf ihn stürzt, „habe ich instinktiv die Hand mit dem Messer erhoben“.
Während des Kampfes wird Jonathan wiederholt ins Gesicht geschlagen. Zudem schlägt er mit dem Kopf gegen einen Türrahmen. Als er benommen ist, ergreifen die Räuber die Flucht.

Als der 37-Jährige mit seinem Komplizen in den Audi steigt, der mit laufendem Motor draußen auf sie gewartet hat, rast das Auto mit voller Geschwindigkeit davon. Doch der Zustand des verletzten Räubers ist zu ernst, um mit ihm nach Turin zurückzukehren. Nach 20 Minuten wilder Fahrt unterbrechen sie ihre Flucht und legen ihn vor der Ersten Hilfe des nur einen Steinwurf von der Autobahn Mailand-Turin entfernten Krankenhauses von Magenta ab. Sein Zustand ist jedoch hoffnungslos. Die Ärzte haben nicht einmal mehr Zeit, eine Notoperiation vorzunehmen. Adamo Massa, ein 37-jähriger Sinti aus einem Nomadenlager in Turin mit einer langen Liste von Vorstrafen vor allem wegen mehrerer Eigentumsdelikte, stirbt noch in der Notaufnahme.
Unterdessen treffen am Tatort die von einer Nachbarin alarmierten Carabinieri aus Busto Arsizio und Varese sowie die Eltern des 33-Jährigen ein, die inzwischen von ihrem Sohn benachrichtigt worden waren. Die Carabinieri sichern Blutspuren auf dem Boden, die von Jonathan Rivolta stammen. Kurz darauf finden sie auch Blutspuren von Massa.
Die Ermittlungen zu dem tragischen Einbruch wurden von Staatsanwältin Nadia Calcaterra aus Busto Arsizio übernommen. Sie hat bereits eine Autopsie der Leiche des 37-Jährigen angeordnet. Mithilfe der Videoüberwachungsbilder versuchen die Ermittler, die beiden Komplizen ausfindig zu machen. Die Aufnahmen zeigen die Route des Audis – von den Kameras in der Nähe des Hauses über die des Krankenhauses bis hin zu den Autobahnkontrollstellen. In der Zwischenzeit wurde der Angegriffene vernommen. Es gilt, den Tathergang im Detail zu rekonstruieren und seine Schilderung zu bewerten. Die Darstellung von Rivolta erscheint den Ermittlern im Einklang mit der Notwehr zu stehen. Bis weitere Ermittlungsergebnisse vorliegen, ist derzeit nur ein Verfahren wegen versuchten Raubes bei der Staatsanwaltschaft anhängig.
Nachdem die Nachricht vom Tod Adamo Massas bekannt geworden war, kam es vor dem Krankenhaus zu spannungsgeladenen Situationen. Etwa zweihundert aus Turin und der Gegend von Abbiategrasso angereiste Freunde und Familienangehörige drangen gewaltsam in die Notaufnahme ein und brachen die Eingangstür auf. Die alarmierten Streifen der Carabinieri aus Abbiategrasso und Magenta hatten alle Hände voll zu tun, um die Menge zu beruhigen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Massas Mutter, die unter Tränen in einem Rollstuhl saß, wurde von der Menge umringt und aus der Abteilung begleitet. Schreie, Weinen und Wut prägten diese dramatischen Minuten, bevor sich die Lage langsam wieder normalisierte.
Der tödliche Einbruchsversuch entfachte erneut die nie ganz verstummte Debatte über Notwehr. Es ist ein Thema, das insbesondere den italienischen Mitterechts-Parteien am Herzen liegt. Dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Matteo Salvini von der Lega genügen wenige Zeichen eines (ehemaligen) Tweets, um Stellung zu beziehen: „Solidarität mit demjenigen, der in seinem Haus angegriffen wurde und sich verteidigt hat”, tippt er mit einem Ausrufezeichen am Ende auf „X”.
Vor Ort räumt „seine” Bürgermeisterin, die Lega-Politikerin Elena Carraro, ein, dass auch in Lonate Pozzolo „ein Sicherheitsproblem” besteht. „Wir brauchen mehr Polizeikräfte vor Ort”, fordert sie.
Auch die Partei der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Fratelli d’Italia, liegt auf derselben Linie. „Ich bekunde meine uneingeschränkte Verbundenheit und Solidarität mit dem Hausbesitzer“, kommentiert der FdI-Abgeordnete Riccardo De Corato. „Er hat sich lediglich gegen einen Einbruchs- und Überfallversuch in seinem eigenen Haus verteidigt.“




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