Maria-Christina Kastlunger über Dankbarkeit, das Leben als Lehrmeister und den Tod

Traumberuf Bestatterin

Mittwoch, 25. Februar 2026 | 07:00 Uhr

Von: mk

Brixen – Maria-Christina Kastlunger und Tanja Wachtler führen das Bestattungsunternehmen „gratiam vitae“ in Brixen und stellen damit italienweit eine Ausnahmeerscheinung dar: Einerseits handelt es sich wohl um das einzige Unternehmen im Sektor, das rein von Frauen geleitet wird und nur Frauen als Mitarbeiterinnen hat. Anderseits ist ihr Zugang zu den Themen Trauer, Tod und Begräbnis ein sehr persönlicher. Im Interview mit Südtirol News verrät Maria-Christina Kastlunger, warum sie das Wort „Loslassen“ nicht mag und warum das Alter von Verstorbenen nicht zählt.

Südtirol News: Mit der Führung eines Bestattungsunternehmens ist für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Das klingt im ersten Moment eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

Maria-Christina Kastlunger (links im Bild): Das war schon so, seit ich ein Kind war und Beerdigungen gespielt habe. Vor allem als Menschen in meinem näheren Umfeld verstorben sind, habe ich gemerkt, wie wichtig das Thema für mich ist. Besonders berührt hat mich auch der plötzliche Tod von Persönlichkeiten wie Stefano Casiraghi, der Mann von Caroline von Monaco, am 3. Oktober 1990 oder nur wenige Jahre später von Ulli Maier. Ich habe mir schon damals überlegt, welche Worte Menschen in so einer Situation helfen könnten.

Ihre Trauerzeremonien zeichnen sich durch einen sehr persönlichen Zugang aus. Wie begleiten Sie Angehörige in der wohl schwierigsten Phase ihres Lebens?

Besonders wichtig ist für uns das bewusste Zuhören. Wir gehen in erster Linie voll auf die Wünsche der Angehörigen ein und vor allem versuchen wir über die Angehörigen herauszufinden: Was hätte sich der Verstorbene gewünscht? Es gibt Verstorbene, die ganz eine traditionelle Trauerfeier wollen und manche Familien bevorzugen eher etwas Persönliches. Wir erfüllen beide Wünsche. Wenn es sich um einen persönlichen Abschied handelt, liebe ich es, zu schreiben (lacht), zuzuhören und zu fühlen – und daraus gestalten wir die Rosenkränze.

Ihre Partnerin Tanja Wachtler ist Sängerin, die ihre Lieder während der Trauerzeremonien singt. Inwiefern ist Musik noch einmal eine weitere Bereicherung für ihre Tätigkeit?

Das ist für uns natürlich ein großes Geschenk. Tanja ist eine Super-Sängerin, die ihre Gefühle zum Ausdruck bringt. Ihre Stimme berührt einfach. Lieder selber gemeinsam zu schreiben, ist etwas Wunderschönes. Tanja singt aber auch Lieder, die sich die Familienangehörigen wünschen. Das ist für uns ebenfalls sehr wertvoll.

Was schätzen Sie noch an ihrer Arbeit?

Wir haben ein Mega-Team. Derzeit sind wir zu viert und es herrscht eine Super-Harmonie zwischen uns. Jede von uns erledigt ihre Aufgabe mit besonders viel Liebe – gerade auch, wenn es um den Umgang mit dem Körper eines Verstorbenen geht. Das ist für mich sehr wichtig, weil wir uns mit etwas beschäftigen, das sich auf lange Sicht nicht verdrängen lässt. Irgendwann wird jeder mit dem Tod konfrontiert.

Horst Oberrauch

Weinen Sie manchmal mit den Angehörigen, etwa in besonders schweren Fällen, wenn eine Mutter ihr Kind verliert oder ein Mann seine über alles geliebte Ehefrau?

Mitfühlen ist das Schönste, was man für einen anderen Menschen tun kann. Mitleiden hilft dagegen niemandem. Die Menschen kommen zu uns, um Halt in einer schwierigen Zeit zu finden. Klar bewegen dich Sachen. Aber das ist bei jedem Todesfall so, weil es immer um eine Seele und einen Menschen geht. Ob das jetzt ein Kind oder ein 90-Jähriger ist – ich glaube, da kann man keine Unterscheidung treffen. Jeder Mensch steht in Beziehung zu anderen. Er hat seine Zeit und leistet seinen Beitrag auf dieser Erde.

Steht das Festhalten an Erinnerungen nicht im Widerspruch zum Loslassen?

Ich mag den Begriff „Loslassen“ nicht. Wie kann ich jemanden loslassen, den ich liebe? Ich kann jemanden ziehen lassen, aber ich behalte die Person auch dann im Herzen, wenn sie nicht mehr unter uns weilt. Erinnerungen sind das Fenster, durch das wir schauen können, wann immer wir wollen. Sie können Menschen extrem stärken, indem sie Freude auslösen – etwa, wenn ich ein Foto anschaue und lächeln muss, weil ich an gemeinsame schöne Zeiten denke.

In ihrem gemeinsamen Lied „Du bist“ sprechen Sie die Worte: „Du bist so viel mehr als dein Körper. Du bist das Göttliche, das Ewige“. Woher stammt ihre innere Überzeugung?

Für mich ist das einfach ein Gefühl, das wahrscheinlich auf viel Lebenserfahrung beruht.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie merken, dass Verstorbene und/oder die Hinterbliebenen mit sich selbst oder untereinander nicht im Reinen sind und wenn es noch Unausgesprochenes gibt?

Zunächst achten wir darauf, ob der Angehörige bereit ist, da hinzuschauen. Meistens äußern sich Angehörige ja selbst in diese Richtung. Hier hilft mir die Erfahrung, die ich als Lebensberaterin sowie als Sterbe- und Trauerbegleiterin gesammelt habe, um Menschen in solchen Situationen aufzufangen. Und ja: Manchmal darf man über Verstorbene auch ein bisschen schimpfen.

Sie befassen sich beruflich ständig mit dem Tod. Was lernt man da über das Leben?

Dass Erfahrungen auf dieser Erde extrem kurz und ein Geschenk sind. Dass man die Möglichkeit hat, aus dieser kurzen Zeit das Beste zu machen. Das bedeutet nicht, dass man keine Hindernisse überwinden muss und auf keine Probleme trifft. Im Gegenteil: Das Leben ist der größte Lehrmeister, oft wird man geschliffen wie ein Diamant. Wir sind auf dieser Erde, um zu wachsen – und das geschieht nun mal durch Herausforderungen. Doch trotz aller Prüfungen hat man die Möglichkeit zu erkennen, wie wertvoll dieses Leben ist, das wir täglich mit unseren Sinnen erfahren.

Bezirk: Eisacktal

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