MCS-Multiple Chemical Sensitivity: Selbsthilfegruppe wird gegründet

Wenn chemische Substanzen und Duftstoffe krank machen

Donnerstag, 11. Januar 2018 | 11:52 Uhr

Burgstall – Eine Chemikalien-Unverträglichkeit hat das Leben einer 68-jährigen Frau aus Burgstall stark eingeschränkt. Erst seit kurzem weiß sie, sie leidet an MCS. Das bedeutet, ihr Körper reagiert sehr heftig auf bereits geringste Mengen an Schadstoffen – Konzentrationen, bei denen ein gesunder Mensch keine messbaren Reaktionen zeigt. Nun sucht die Südtirolerin nach weiteren Betroffenen.

Schon von klein auf leidet Marta Mur immer wieder unter Bauchkrämpfen. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren Übelkeit, Magenschmerzen, brennendes Stechen im Kopf, plötzliche Müdigkeit, ausgetrocknete Schleimhäute. Die Beschwerden treten immer wieder auf und verschwinden dann wieder. Kein Arzt, kein Heilkundiger kann ihr sagen warum. Je älter sie wird, umso schlimmer wird es. So bleibt Marta Mur nichts anderes übrig, als selbst auf die Suche zu gehen. Erst im Laufe vieler Jahre kommt sie dahinter, warum es ihr so schlecht geht, und dass sie bestimmte Stoffe nicht verträgt. Stück für Stück lernt sie, welche Chemikalien ihr zu schaffen machen. Und seit kurzem ist der 68-jährigen Frau aus Burgstall klar: Sie leidet an MCS – Chemikalien-Unverträglichkeit.

Der Körper von Marta Mur reagiert bereits mit schlimmen Schmerzen, wenn die Wirkstoffkonzentrationen weit unter denen liegen, die in der übrigen Bevölkerung toxische Effekte auslösen. „Normale“ Grenzwerte für Chemikalien, etwa in einem Klebestreifen, im Waschmittel, in der Seife oder im Duschgel genügen. Auch ein Deodorant oder Zahnpasta lösen bei ihr schlimme Schmerzen aus. Erst in einem lebenslangen Prozess des Erforschens ist sie drauf gekommen, was ihr gut tut und was nicht. Manchmal reichen schon Düfte und Gerüche aus, um bei ihr Übelkeit und Schmerzen zu verursachen. Vom Kochen etwa, aber auch der Duft bestimmter Blumen, Sträucher, Bäume. Auch Bücher und Zeitungen machen ihr wegen der Druckerschwärze Probleme. Damit kann sie inzwischen umgehen, sie legt zum Lesen einfach eine Klarsichtfolie darüber, dann geht es.

Diese überhöhte Sensibilität hat natürlich dramatische Auswirkungen auf ihr Leben. Sie muss sich von der Gesellschaft zurückziehen, kann nicht mehr so viel unter Leuten sein. „Ich musste vieles, was mir so gut getan hat aufgeben“, erzählt sie mit Bedauern: Karten spielen, Ausflüge mit Freunden machen, wandern, einen gemütlichen Einkaufs-Stadtbummel machen? Undenkbar für Marta Mur. Sie muss Geschäfte meiden. „Am schlimmsten ist Sportbekleidung“, erzählt sie. Aber auch Handystrahlen, Radio- und Fernsehgeräte machen ihr das Leben schwer. Tragen kann sie nur Kleider aus reiner Baumwolle. Oft sieht man Marta Mur jetzt mit einer Schutzmaske vor dem Mund spazieren gehen. Im Alltag nutzt sie für bestimmt Situationen einen aufgeblasenen Gummireifen. Damit kann sie beim Sitzen den Bodenkontakt der Füße vermeiden und dadurch ist es für sie wieder möglich zu telefonieren, TV zu schauen und Radio zu hören, ohne Schmerzen zu bekommen.

Manche Menschen, die nichts von MCS wissen, reagieren z.T. mit Unverständnis. Seit Marta Mur selbst besser Bescheid weiß und es besser erklären kann, reagiert ihr Umfeld auch verständnisvoller. „Ich möchte mich bei allen recht herzlich bedanken, die mich ernst nehmen, mich verstehen und mir Kraft geben“, sagt sie.

Jetzt möchte Marta Mur mit anderen Betroffenen von MCS Kontakt aufbauen, Informationen und Erfahrungen austauschen. „Miteinander reden, gemeinsam lernen, trotz der Krankheit das Leben genießen zu können“, sagt Marta Mur. Betroffene mit MCS, die daran interessiert sind, sich in einer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen auszutauschen, können sich unter der Telefonnummer 339 4892017 (mittags oder abends) melden.

Das erste Treffen zur Gründung einer Selbsthilfegruppe von Menschen mit MCS findet am Dienstag, 23.01.2018 um 14.30 Uhr im Stadtzentrum von Bozen statt. Das Treffen findet bei Bedarf in deutscher und italienischer Sprache statt – jeder spricht in der von ihm bevorzugten Sprache.

Chemikalien-Unverträglichkeit

Die Abkürzung „MCS“ bedeutet „Multiple Chemikalien Sensitivität“. Menschen, die an dieser Umweltkrankheit leiden, werden von unterschiedlichen chemischen Substanzen und/oder Duftstoffen krank und können dann oft kein normales Leben mehr führen, da diese Stoffe in unserer Gesellschaft nahezu überall vorkommen. Auffällig ist, dass MCS Betroffene schon auf kleine und kleinste Dosierungen chemischer Substanzen reagieren – Konzentrationen, bei denen ein gesunder Mensch keine messbaren Reaktionen zeigt.

Von: mk

Bezirk: Burggrafenamt

Kommentare

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8 Kommentare auf "Wenn chemische Substanzen und Duftstoffe krank machen"


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Sag mal
Sag mal
Universalgelehrter
7 Tage 1 h

das wird noch dauern bis geglaubt oder verstanden wird.

iuhui
iuhui
Superredner
6 Tage 23 h

das wird wohl nie und niemand verstehen, denn wir sind jede Minute mit hunderte Substanzen in Kontakt. Wir atmen sie ein, wir putzen uns damit die Zähne, wir sprühen uns damit ein, wir waschen uns damit, wir essen sie, wir rauchen sie, wir trinken sie, wir kleiden uns damit ein, … und was noch schlimmer ist: man kennt nicht alle Wirkungen dieser Substanzen, aber man kennt noch weniger die Wechselwirkungen wenn mehrere Substanzen gleichzeitig im Körper wirken… also ist ALLES möglich. Zurück zur Natur, alles andere ist nur blabla!

typisch
typisch
Superredner
6 Tage 20 h

ob da auch der bauer wieder schuld ist?

Blaba
Blaba
Grünschnabel
7 Tage 18 Min

Was es nicht alles gibt…
Zurück zur Natur, würd ich mal sagen- dann würde es mit den ganzen Allergien und Unverträglichkeiten auch besser…

Staenkerer
6 Tage 23 h

tjo, guat gsog! de orme frau verträgt a den duft von blumen nit, wenn i richtig verstonden honn!

Staenkerer
6 Tage 23 h

i glab nit das man alls “normal”resistenter mensch den leidensweg der ormen frau nochvollziehen konn, mir tuat sie vom herzen leid!
des zoag ober a auf wieviel chemie mir täglich ausgsetzt sein,
ober a wie oft man wegen kloanigkeiten jammert
und wie froh man sein sollte “resistent” zu sein und wegn jedem haarl des man findet zu jammern!
a chemie und strahlenfreie welt werds nimmer gebn!
jeder “fort”schritt hot seinen preiß, leider, und leider für de frau an zu hohen!
i wünsch ihr viel kraft und viel mut zum weitermochn!

OrB
OrB
Superredner
6 Tage 23 h

Wenn ich mir nur vorstelle wieviele im Auto und Haus chemische Duftstoffe herumhängen haben und abgesehen vom Gift das man dadurch einatmet, stinkt das ganze auch noch fürchterlich.

Spritzendorfer
6 Tage 1 h

Leider sieht es mit der öffentlichen Anerkennung von MCS auch in Österreich und Deutschland nicht besser aus – aufgefordert wäre die Politik, hier endlich die Grundlagen zu schaffen, Umwelterkrankten generell die Unterstützung zukommen zu lassen, die ihnen eine Teilnahme am öffentlichen Leben zumindest teilweise ermöglichen würde. (UN Behindertenrechtskonvention).
http://www.eggbi.eu/fileadmin/EGGBI/PDF/Umwelterkrankungen_und_Umweltmedizin_EGGBI_Statement.pdf 

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