Von: ka
Bozen – Der Arbeitskräftemangel zählt zu den großen Herausforderungen unserer Zeit – in der Landwirtschaft ebenso wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen. Bei der diesjährigen Obstbautagung des Absolventenvereins landwirtschaftlicher Schulen rückte dieses Thema bewusst in den Fokus. Die bis auf den letzten Platz gefüllte Veranstaltung im Sheraton Congress Zentrum zeigte, wie groß das Interesse an diesen Zukunftsthemen ist und wie eng Obstwirtschaft, Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sind.
Deutliche Veränderungen bei Saisonarbeitskräften
In seinem Vortrag zeichnete Stefan Luther vom Arbeitsmarktservice Südtirol (AMS) ein differenziertes Bild der aktuellen Situation. Die Daten zeigen klare Trends: Saisonarbeitskräfte werden älter, die langfristige Bindung an Betriebe und Regionen nimmt ab, während die Notwendigkeit von ausländischen Arbeitskräften weiterwächst.
Der Anteil der Erntehelfer über das ganze Jahr betrachtet an der Gesamtzahl der Arbeitnehmer in Südtirol beträgt lediglich 0,7%. Während allerdings im Jahr 1999 rund 50 Prozent der Arbeitskräfte in der Südtiroler Landwirtschaft aus dem Ausland stammten, liegt dieser Anteil heute bereits bei etwa 80 Prozent. Insgesamt beträgt der Anteil auswärtiger Arbeitskräfte in Südtirol inzwischen bei rund 38 Prozent, was auch Branchen wie Tourismus, Bauwesen oder Pflege zunehmend prägt.
„Die Saisonarbeit im Obstbau ist längst Teil eines internationalen Arbeitsmarktes. Diese Realität verlangt nach vorausschauenden Strategien – von der Rekrutierung bis zu stabilen Rahmenbedingungen.“, erklärte Luther.
Besonders deutlich wurde, dass sich auch die Herkunftsländer der Saisonarbeitskräfte und deren Treue zum Bauern verändern. Von der Slowakei und Tschechien als tragende Säulen der Saisonarbeit zu Beginn des Jahrtausends, hin zu Bulgarien und Rumänien nach deren EU-Beitritt 2007. Die Folge: Die Rekrutierung wird komplexer und wettbewerbsintensiver.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich der Arbeitsmarkt weiter verändert, sondern wie gut wir darauf vorbereitet sind“, so Luther.
Europäische Perspektive auf ein gemeinsames Thema
Einen internationalen Vergleich lieferte Nicole Spieß vom Gesamtverband der deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände. Am Beispiel Deutschlands zeigte sie auf, wie sich Saisonarbeit europaweit entwickelt, aus welchen Ländern Arbeitskräfte stammen, welcher Bedarf in Deutschland besteht und welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten.
Der Blick über die Grenzen machte deutlich, dass viele Herausforderungen in den europäischen Obstanbaugebieten ähnlich sind: steigende Kosten, zunehmende Regulierung und ein wachsender Wettbewerb um verfügbare Arbeitskräfte.
„Saisonarbeit ist längst ein europäisches Thema. Nachhaltige Lösungen können nur im Zusammenspiel von Betrieben, Politik und Gesellschaft entstehen“, betonte Spieß.
Verantwortung übernehmen – Lösungen entwickeln
Die Obstbautagung verstand sich dabei nicht als reine Problemanalyse, sondern als Plattform für Weiterbildung und Lösungsansätze. Andiskutiert wurden unter anderem Möglichkeiten der Automatisierung von Arbeitsschritten, neue Zielgruppen am Südtiroler Arbeitsmarkt sowie Rahmenbedingungen, die Betriebe attraktiver für Saisons-Arbeitskräfte machen können.
„Arbeitskräfte sind ein zentraler Faktor für die Zukunft des Obstbaus. Es geht nicht nur um Verfügbarkeit, sondern um faire Bedingungen, Planungssicherheit und gesellschaftliche Verantwortung“, unterstrich Stefan Pircher, Obmann des Absolventenvereins landwirtschaftlicher Schulen.
Forschung, Digitalisierung und Klimaanpassung im Fokus
Auch das weitere Programm der Obstbautagung unterstrich die enge Verbindung von Innovation, wirtschaftlichem Erfolg und menschlicher Arbeit – etwa am Beispiel der Apfelsorte Cosmic Crisp®, die für einen modernen, qualitätsorientierten Obstbau und innovative Vermarktung steht.
Walter Guerra vom Versuchszentrum Laimburg stellte mit LIDO – Laimburg Integrated Digital Orchard ein Freilandlabor vor, in dem digitale Technologien entlang des gesamten Lebenszyklus einer Apfelanlage getestet werden. Ziel ist es, praxistaugliche und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen für den Südtiroler Obstbau zu entwickeln.
Einen internationalen Blick auf die klimatischen Herausforderungen im Apfelanbau bot Luis Gonzalez vom spanischen Forschungszentrum IRTA Mas Badia. Er zeigte auf, wie der Rückgang der Kältestunden und steigende Temperaturen Ertrag, Blüte, Qualität und Fruchtfärbung beeinflussen – und wie Forschung und Praxis gemeinsam Antworten auf den Klimawandel finden können.
Brücke zur Gesellschaft
Mit ihrem Programm schlug die 73. Südtiroler Obstbautagung bewusst eine Brücke zur nicht-bäuerlichen Bevölkerung. Der Apfel im Supermarkt ist das Ergebnis komplexer Zusammenhänge – von globalen Arbeitsmärkten über technologische Innovation, klimatischen Veränderungen bis hin zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Die Obstbautagung des Absolventenvereins landwirtschaftlicher Schulen zeigte: Die Südtiroler Obstwirtschaft stellt sich diesen Herausforderungen offen, sachlich und lösungsorientiert. „Wir verstehen Weiterbildung als Schlüssel, um Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft aktiv mitzugestalten“, betont Stefan Pircher zum Abschluss.
Die Obstbautagung ist Teil der Fachreihe „Obst & Wein 2026“, mit der der Absolventenverein seine Rolle als zentrale Weiterbildungsplattform für landwirtschaftliche Fachkräfte in Südtirol weiter stärkt.
BLITZLICHTER:
Stefan Pircher:
„Ziel der Obstbautagung ist es Impulse zu geben, um unsere landwirtschaftlichen Betriebe ökonomisch und ökologisch nachhaltig zu erhalten und weiterzuentwickeln.“
Landesrat Luis Walcher:
„Für mich bedeutet die Obstbautagung des Absolventenvereins jährlich den Beginn des Obstbaujahres. Man holt sich Inputs, Wissen und innovative Ideen; man geht mit positiver Energie nach Hause, um dort Landwirtschaft zu leben und weiterzuentwickeln.“
„Wer Landwirtschaft in Zukunft nachhaltig gestalten will, muss sowohl die Technologie, als auch Mensch und Herz auf dem eigenen Hof verbinden und klug einsetzen.“





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