Industrie 4.0

“Assist for work” schafft alters- und behindertengerechte Arbeitsplätze

Donnerstag, 21. Februar 2019 | 21:00 Uhr
Exoskelett. unibz

Bozen – Kick-off für das Forschungsprojekt „Assist 4 work”, das heute im Smart Mini Factory Lab in der Rosministraße in Bozen vorgestellt wurde. Drei Jahre lang werden Forscher der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik der unibz gemeinsam mit Partnern daran arbeiten, Arbeitsprozesse für Menschen mit Beeinträchtigungen oder in fortgeschrittenem Alter zu erleichtern.

Soziale Anliegen mit technologischem Know-how verwirklichen – das ist die Besonderheit des Gemeinschaftsprojekts „Assist 4 work”, an dem Forscher der unibz gemeinsam mit den externen Projektpartnern Fraunhofer Italia Research, lvh Wirtschaftsverband für Handwerk und Dienstleister und den Sozialgenossenschaften gwb und Independent L. zusammenarbeiten.

Das Forschungsprojekt, das von Prof. Dominik Matt und dem Forscher und Dozenten Erwin Rauch geleitet wird, zielt auf eine erhöhte soziale Nachhaltigkeit der industriellen Produktion. Erreicht werden soll dies durch eine Arbeitsgestaltung, die mittels Assistenzsystemen auch Menschen mit Beeinträchtigungen eine Teilhabe am Arbeitsmarkt sowie ein alterns- und altersgerechtes Arbeiten ermöglicht. Gemeinsam mit den Projektpartnern werden die Forscher der unibz in einem ersten Teil des Projekts erheben, welche Bedürfnisse und Schwierigkeiten für die Zielgruppen in Südtiroler Betrieben bestehen, um dann in einem zweiten Schritt Lösungen dafür zu suchen und sicherzustellen, dass auch ältere Arbeitnehmer und Menschen mit Beeinträchtigungen von der technologischen Revolution der Industrie 4.0 profitieren können.

Bei der Pressekonferenz führten die Forscher einige der derzeit dafür in Frage kommenden Technologien vor, deren Eignung im Rahmen des Projektes überprüft werden soll. Dazu gehört beispielsweise ein sogenanntes Exoskelett, also eine mechanische Unterstützung für den menschlichen Körper, wodurch anstrengende körperliche Tätigkeiten wie das Hochheben schwerer Lasten oder Überkopf-Arbeiten in der Montage erleichtert werden. In den kommenden drei Jahren werden die Forscher solche und ähnliche Technologien testen, um dann Unternehmen die besten Lösungen für die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen zu empfehlen bzw. für eine qualitativ hochwertige Arbeitsplatzgestaltung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in fortgeschrittenem Alter empfehlen zu können.

“Industrie 4.0 wird oft als Synonym für eine Revolution gesehen, die veraltete Arbeitsplätze wegfegt”, erklären Dominik Matt und Erwin Rauch vom Smart Mini Factory Lab. „Wir hingegen möchten demonstrieren, welch enormes Potenzial dieser technologische Wandel für eine größere soziale Nachhaltigkeit der Produktionsprozesse hat.“ Ziel des Projektes sei deshalb auch die Schaffung eines Prototyp-Arbeitsplatzes, der lokalen Betrieben sowie Sozialgenossenschaften und Werkstätten vor Augen führt, wie Menschen mit Leistungsminderung problemlos arbeiten können.

Wie Enzo Dellantonio, von der Sozialgenossenschaft independent L., hervorhebt, ist das Projekt „Assist 4 work” die Fortsetzung einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen der Genossenschaft und der Freien Universität Bozen und Fraunhofer Italia, um das Angebot der technologischen Unterstützung am Arbeitsplatz für Menschen mit Beeinträchtigung auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verbessern und zu professionalisieren. Seit der Gründung von independent L von einer Gruppe Rollstuhlfahrern im Jahr 1997 habe die Sozialgenossenschaft immer wieder neue Aktivitäten und Dienste entwickelt, um auch für Menschen mit schweren motorischen Behinderungen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und ihre Unabhängigkeit umzusetzen.

Für die Sozialgenossenschaft gwb steht die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Menschen mit Beeinträchtigungen seit 38 Jahren im Zentrum aller Aktivitäten, erzählten deren Vertreterinnen, Geschäftsleiterin Sara Rabensteiner und Sozialpädagogin Esther Degasperi, im Rahmen der Pressekonferenz. Umso glücklicher sei man deshalb bei der Genossenschaft über diese einzigartige Zusammenarbeit mit der unibz und den anderen Projektpartnern, die neue Möglichkeiten schaffe, dieses Ziel mit innovativen Technologien, neuartigen Instrumente und Maschinen zu erreichen. „Menschen brauchen Arbeit und wollen arbeiten, dies können wir mit Gewissheit bezeugen“, so Rabensteiner und Degasperi, „alle Mittel und Wege, die autonomes und sicheres Arbeiten ermöglichen, sind ein Gewinn für Menschen mit Beeinträchtigungen, für jene die mit ihnen arbeiten und schlussendlich für unsere gesamte Gesellschaft.“

„Konzepte zur Technologieimplementierung in produzierenden Unternehmen sind nur dann erfolgreich und nachhaltig, wenn sie den Menschen beziehungsweise Mitarbeiter mit seinen ganz individuellen Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellen“, unterstrich  Michael Riedl von Fraunhofer Italia Research. Intelligente Assistenz, sei es in Form informationstechnischer oder physischer Unterstützung, mache komplexe oder schwere Arbeitsprozesse einfacher und weniger fehleranfällig. „Der integrative Ansatz von ‘Assist for work’ zeigt sehr schön, welche positive gesellschaftliche Relevanz intelligenter Technologieeinsatz für die Arbeitswelt von morgen haben kann“, so Riedl.

Darauf zählt auch der geschäftsführende lvh-Präsident Martin Haller. Für die Betriebe im Land sei es dafür aber wichtig, die Möglichkeiten digitaler Assistenzsysteme zu verstehen und dann auch zu nutzen, um den Mitarbeitern das Arbeiten in verschiedenen Situationen zu erleichtern, erklärt er die Unterstützung des Projektes durch seinen Verband. „Davon profitieren können nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch das Unternehmen“, so Martin Haller.

 

 

Von: bba

Bezirk: Bozen

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