Caritas stellt Wirkungsbericht 2018 vor

„Das andere Südtirol“

Freitag, 22. März 2019 | 12:13 Uhr

Bozen – Trotz Arbeit keine feste Bleibe – das trifft in Südtirol auf immer mehr Menschen zu. „Es gibt zwar genug Arbeit, aber es ist nicht für alle einfach, eine Wohnung zu finden. Ganz zu schweigen von jenen Personen, denen das Schicksal oft nicht gut mitspielt oder die aufgrund besonderer Umstände benachteiligt sind – eben dieses ,andere Südtirol‘“, sagt Caritas-Direktor Paolo Valente im Rückblick auf das Jahr 2018, in welchem die Wohnproblematik in verschiedenen Caritas-Diensten deutlich sicht- und spürbar war. Auffallend dabei: Zunehmend mehr junge Menschen und immer mehr Frauen sind von der Wohnungsnot betroffen.

„Südtirol ist ein Wohlstandsland und viele haben hier, im Gegensatz zu anderen Regionen, die Möglichkeit zu arbeiten. Ganz anders indes verhält es sich bei der Wohnungssuche: Die Mieten sind teilweise so hoch, dass sie sich viele nicht leisten können, besonders wenn sie geringe Löhne haben, alleinstehend oder getrennt sind“, sagt Caritas-Direktor Paolo Valente. „Um ein Vielfaches schwieriger ist es nochmal für Personen fremder Herkunft, eine annehmbare und erschwingliche Unterkunft zu finden, auch wenn sie eine feste Arbeit haben. Es wurde schon mehrfach und von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen: Für viele Menschen in Südtirol, nicht nur für Zuwanderer, ist das Grundbedürfnis Wohnen eine kaum bezwingbare Herausforderung.“

Die Folgen können dramatisch sein: „Die Betroffenen verlieren ihren Job oder finden keinen neuen, rutschen ins soziale Abseits und damit auch nicht selten in Abhängigkeitserkrankungen oder andere psychische Probleme“, sagt Danilo Tucconi, der Leiter des Bereiches „Wohnen“ bei der Caritas. In den neun Einrichtungen der Caritas für wohnungs- und obdachlose Menschen sei dieses Phänomen im vergangenen Jahr deutlich zu beobachten gewesen. „Es haben immer mehr Personen in prekären Arbeitsverhältnissen bei uns um Obdach angefragt, unter ihnen auch Personen die ihr Zuhause aufgrund einer Zwangsdelogierung verloren haben. Zudem trifft es zunehmend junge Menschen und ehemalige Bewohner von Flüchtlingseinrichtungen“, sagt Tucconi. Insgesamt hat die Caritas im Jahr 2018 828 Personen ein Dach über dem Kopf geboten, 596 Männer und 232 Frauen. 59 von ihnen waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. „Insgesamt ist die Zahl der Nächtigungen im Vergleich zu 2017 um fast 6 Prozent angestiegen, dabei ist in den meisten unserer Einrichtungen die Aufenthaltsdauer im Durchschnitt länger geworden. Einerseits wegen der schwierigen Suche nach einem alternativen Wohnplatz, andererseits weil wir viel Zeit investieren müssen, damit unsere Gäste wieder ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen können. Dieser zukunftsorientierte Ansatz ist uns als Caritas sehr wichtig.“

Matteo Contegiacomo, Koordinator der Caritas-Einrichtung Haus Freinademetz in Bozen, bestätigt: „2018 ist bei uns die Zahl der Anfragen stark gestiegen, vor allem von Personen, die zwar ein Arbeitsverhältnis haben, jedoch mit ihrem meist sehr niedrigen Lohn sonst nirgendwo unterkommen. Von 200 interessierten Personen konnten wir im vergangenen Jahr jedoch nur 41 davon bei uns aufnehmen. 80 Prozent unserer Gäste (insgesamt 77) gehen einer Arbeit nach, der Rest bildet sich beruflich weiter oder ist auf Arbeitssuche. Alle sind auf der Suche nach einer Wohnung oder warten seit über einem Jahr auf einen Platz im Arbeiterwohnheim“, berichtet Contegiacomo. „Das Haus Freinademetz ist für sie nur eine Zwischenlösung. Daher versuchen wir, unsere Gäste individuell und zielorientiert zu begleiten mit dem Ziel, sie sobald wie möglich erfolgreich in einer autonomen Wohnsituation unterzubringen. Bei fast zwei Drittel von ihnen ist uns dies innerhalb eines Jahres nach dem Einzugsdatum gelungen, obwohl es nach wie vor sehr schwierig ist, eine Wohnung zu finden, sei es weil das Einkommen für die Miete zu gering ist oder weil die Vermieter Vorbehalte haben“.

Aus diesem Grund hat die Caritas im vergangenen Jahr ihren Einsatz bei der Wohnungssuche verstärkt. „Ich begleite seit ein paar Monaten ca. 60 Personen, darunter zahlreiche Familien, die in Caritas Unterkünften in Brixen und Kaltern leben“, sagt die Caritas-Mitarbeiterin Ruth Hartmann. Für diese eine alternative Wohnmöglichkeit auf dem normalen Mietmarkt zu finden, gestaltet sich äußerst schwierig und nur wenige erfüllen die Voraussetzungen für eine Wohnung des Instituts für sozialen Wohnbau (WOBI). Dort kommen Nicht-EU-Bürger nämlich mittlerweile nur zum Zuge, wenn sie während der vergangenen fünf Jahre für mindestens drei Jahre ein Arbeitsverhältnis vorweisen können. „Auch daher setzen wir verstärkt auf die Mithilfe der Bevölkerung bei der Bereitstellung von Wohnraum. Viele Vermieter versuchen zu Recht, ein problemloses, sicheres Mietverhältnis sicherzustellen und reagieren anfangs oft skeptisch. Daher ist es uns wichtig zu betonen, dass die Caritas den Übergang in die neue Unterkunft so intensiv wie nötig begleitet und die Personen gut darauf vorbereitet. Außerdem haben die meisten von ihnen Anrecht auf finanzielle Sozialhilfe sowie den Mietbeitrag des Landes“, erklärt Ruth Hartmann.

Immer wieder klopfen bei der Caritas auch Personen an, die ihre Wohnung aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten nicht verlieren wollen. Sie finden bei der Caritas Sozial- und Schuldnerberatung Gehör und Hilfe: Bei letzterer ging es bei rund 40 Prozent aller Anfragen 2018 um finanzielle Unterstützung bei Mietrückständen, Kondominiumsspesen sowie Strom- und Gasrechnungen. Insgesamt wurden allein in diesem Caritas-Dienst 94.060 Euro an Unterstützung dafür ausgegeben, das sind 17 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

In vielem, was die Caritas im Bereich Wohnen und darüber hinaus tut, ist die Freiwilligenarbeit von unschätzbarem Wert. „Ohne die Zusammenarbeit und Unterstützung unserer zahlreichen freiwilligen Helferinnen und Helfer in allen unseren Diensten wäre das schlicht unmöglich. Sie wenden eines ihrer kostbarsten Güter auf, nämlich Zeit, um für andere Menschen da zu sein“, hebt Direktor Paolo Valente die wertvolle Arbeit der Ehrenamtlichen hervor. „Die Pfarreien als lokales Bindeglied innerhalb der Gesellschaft spielen dabei eine wichtige Rolle.“

„Unvorstellbar wäre die Hilfe der Caritas auch ohne die großzügige finanzielle Unterstützung der Südtiroler Bevölkerung. 2018 haben 6.570 Spenderinnen und Spender die Arbeit der Caritas unterstützt: Fast 700.000  Euro wurden für Not in Südtirol gespendet und 1,8 Millionen Euro (inklusive der Landesbeiträge in Höhe von 300.000 Euro) für Hilfsprojekte außerhalb des Landes. „Die Freiwilligen und die große Solidarität der Südtirolerinnen und Südtiroler sind die tragenden Säulen unseres Wirkens. Dafür danken wir von Herzen und hoffen auch weiterhin auf das Wohlwollen und die Unterstützung der Bevölkerung gegenüber ihren Mitmenschen und gegenüber dem Tun der Caritas “, schließt Valente den Wirkungsbericht 2018 ab.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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10 Kommentare auf "„Das andere Südtirol“"


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puschtro
puschtro
Grünschnabel
29 Tage 3 h

Stimmt! Die Mieten und auch sonst die Kosten sind für Alleinstehende und junge Menschen oft kaum zu tragen! Von älteren Mitmenschen rede ich gar nicht, weil deren Rente zum Teil ja ein ganz schlechter Scherz ist.

Aber wir sind die beschtigsten!

GermanWunderkind
GermanWunderkind
Grünschnabel
29 Tage 3 h

Wichtig ist das man dauernd erzählt wie toll alles ist. Wird ja kein Politiker müde zu erwähnen das man im Schlaraffenland wohnt und im Vergleich sooo gut dasteht.  Die Realität schaut für die meisten anders aus. Aber als Hotelier oder Politiker kann man sich die ganzen Nachteile wie nicht existentes Gesundheitssystem, überteuerte Preise ja leicht daleisten…

heinold
heinold
Tratscher
29 Tage 1 h

Die Caritas löst nicht das Problem sondern ist das Problem! Dadurch daß diese öffentlich finanzierter Wohnraum für prekäre Arbeitskräfte anbietet, zieht sie prekäre Arbeit an. Wir kamen früher gut aus ohne Zeitungsverkäufer-, Prospektverteiler-, Einkaufswagenschieber Autoscheibenputzer Besenverkäufer u.a.m.

silas1100101
silas1100101
Superredner
29 Tage 3 h

Das Land müsste viel mehr Sozialwohnungen bauen!

Staenkerer
28 Tage 16 h

naaaaa, nit neue bauen sondernde mieter besser kontroliern, damit nit ban ausziechn holbe ruienen hintnbleibn de man, wenn überhaub, noch longer zeit mit viel geld und aufwond saniern muaß, sondern de man, wie ba jedn wohnungwechsel verlong werd, nahtlos weitergebn konn! iöcht nit wissn wieviel “verlottert” hinterlossn wern, de nor a johr und länger unbewohnt bleibn müßn!
nix mit ollm neu und bauen! de mieter verpflicht auf de wohnungen aufzupassn oder de nochn auszug auf eigenregie herrichtn lossn mochn!

Rosenrot
Rosenrot
Grünschnabel
29 Tage 18 Min

In meiner Heimatgemeinde stehen seit 3 Jahren 4 Sozialwohungen leer, alle renovierungsbedürftig. Das Wohnbauinstitut ist nicht im Stande, sich darum zu kümmern, obwohl es seine Aufgabe wäre. Bereits mehrere Familien warten darauf, eine dieser Wohungen zugewiesen zu bekommen, weil sie sich die hohen Mieten fast nicht  mehr leisten können, es passiert aber nichts. So etwas darf es nicht geben.

Sag mal
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Kinig
28 Tage 21 h

fakt ist dass Es sehr ungerecht zugeht .Paradies nur für Bauern,Hoteliers.

Sag mal
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Kinig
29 Tage 3 h

bevor Sie auf der Strasse leben Wird was getan,,erster nicht.Auf 1 Raum mit 20 qm “hausen”mit Verhältnissen ohne Hausordnung,geschweige denn Mauern dass nicht rein Alles zu hören ist .FürEinen gesunder Mensch mit Einkommen unvorstellbar…aber Realität!!!!!!Nach 20 !Jahren Hoffnung auf Sozialwohnung Wird ein Mensch irgendwann nicht mehr daran glauben.Hauptsache nach Aussen passts.

peterle
peterle
Superredner
29 Tage 1 h

Da man wieder das Einkommen der Arbeitnemer erwähnt kommt für mich unweigerlich die öffentliche Hand und deren Angestellte im unteren Einkommensbereich in den Sinn. Bei der Landesregierung herrsch die Einstellung der Vollbeschäftligung vor, man hat aber die ganzen Teilzeitstellen vergessen. Das Einkommen der dortigen Kräfte ist kein Rumesblatt von Arno und Co.

So ist das
So ist das
Universalgelehrter
28 Tage 9 h

Man kann nur hoffen, dass verantworliche Politiker diesen Bericht genau lesen und sich ein Bild des realen Lebens ausserhalb des Landtages machen und darauf nachhaltig reagieren werden.

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