Verbraucherschützer nehmen Pestizidrückstände in Lebensmitteln ins Visier

Doppelmoral der EU beim Export von Pestiziden erweist sich als Bumerang

Mittwoch, 26. August 2026 | 12:34 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Anfang Mai 2026 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ihren Bericht über die im Jahr 2024 durchgeführten Pestizidanalysen in Lebensmitteln veröffentlicht. Zwei Wochen später berichtete die Verbraucherschutzorganisation foodwatch über Rückstände von nicht zugelassenen Pestiziden in Reis, Gewürzen und Tee, und im Juli veröffentlichte PAN Europe einen Bericht über Pestizidrückstände in europäischen Erdbeeren. Die Verbraucherzentrale Südtirol (VZS) ordnet die Ergebnisse ein.

Das Wichtigste in Kürze

➢ 38,3 Prozent der im Raum EU/Island/Norwegen analysierten Proben wiesen laut EFSA Pestizidrückstände unterhalb, 3,3 Prozent Pestizidrückstände oberhalb der Grenzwerte auf. 25,5 Prozent der Proben wiesen Mehrfachrückstände auf.
➢ Bei den EU-weiten Kontrollen häufig konsumierter Lebensmittel stieg der Anteil der Proben mit Grenzwertüberschreitungen von 1,4 Prozent (2018) auf 2,4 Prozent (2024) an.
➢ Im Rahmen einer Untersuchung von foodwatch wiesen 70,3 Prozent der Proben von Tee, Reis und Gewürzen Rückstände von Pestiziden auf, die in der EU wegen inakzeptabler Umwelt- und Gesundheitsrisiken gar nicht zugelassen sind.
➢ Laut einer Untersuchung von PAN Europe wiesen mehr als die Hälfte der Erdbeerproben Rückstände von PFAS- sowie von besonders gefährlichen Pestiziden auf.

Ergebnisse von 125.882 analysierten Proben aus drei verschiedenen Kontrollprogrammen – nationale Kontrolltätigkeiten, EU-weit koordinierte Probenahmen und Einfuhrkontrollen – sind in den Bericht der EFSA für das Bezugsjahr 2024 (EFSA, Medina Pastor et al. 2026) eingeflossen.

Nationale Kontrollen: Mehrfachrückstände in über einem Viertel der Proben

Die EU-Mitgliedstaaten, erweitert um Island und Norwegen, haben 2024 insgesamt 86.449 Proben von 1.140 verschiedenen Lebensmitteln analysiert, einschließlich der 9.842 Proben aus den EU-weit koordinierten Kontrollen häufig konsumierter Lebensmittel. 91 Prozent der Proben waren unverarbeitete, neun Prozent verarbeitete Lebensmittel.

58,4 Prozent der Proben waren frei von Pestizidrückständen oder die Rückstände blieben unterhalb der Bestimmungsgrenze (das ist die kleinste Konzentration, die mittels chemischer Analyse exakt quantitativ bestimmt werden kann).

38,3 Prozent der Proben enthielten einen oder mehrere quantifizierbare Pestizidrückstände unterhalb der gesetzlich zulässigen Höchstwerte.

In 3,3 Prozent der Proben überschritten die Rückstände die zulässigen Höchstwerte.
1,8 Prozent der 86.449 Proben wurden als nicht-konform eingestuft.

Bei den unverarbeiteten Erzeugnissen waren Granatäpfel, Passionsfrucht und Grünkohl am häufigsten von Überschreitungen betroffen, bei den verarbeiteten Produkten Weinblätter, eingelegtes Gemüse, getrocknete Petersilie und Honigmischungen. Laut EFSA war der Anteil der Proben mit Grenzwertüberschreitungen bei den Proben aus Drittstaaten (8,3 Prozent) rund vier Mal höher als bei den Proben aus dem Raum EU/Island/Norwegen.

25,5 Prozent aller Proben wiesen Mehrfachrückstände, vulgo Pestizid-Cocktails, auf: Rückstände von zwei oder mehr verschiedenen Wirkstoffen in einer Probe. 2023 hatte dieser Anteil 24,8 Prozent betragen. Bei den unverarbeiteten Lebensmitteln traten Mehrfachrückstände am häufigsten in Orangen, Tafeltrauben, Erdbeeren und Äpfeln auf, bei den verarbeiteten Lebensmitteln in Rosinen, Wein, Paprikapulver und Weizenvollkornmehl. Den traurigen Rekord erzielten Trockenfrüchte aus Vietnam mit einem Cocktail aus 36 verschiedenen Pestiziden.

Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft weisen eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit einer Belastung mit Pestizidrückständen auf, das zeigt dieser Bericht einmal mehr. 6,9 Prozent der 86.449 Proben stammten aus biologischer Landwirtschaft. Rückstände von chemisch-synthetischen Pestiziden in Bio-Lebensmitteln können auf Abdrift, Umweltkontamination oder Verunreinigungen entlang der Lieferkette zurückgehen, darauf weisen die Autoren hin.

EU-weit koordinierte Kontrollen – über die Hälfte der Proben mit Pestizidrückständen

Im Rahmen der EU-weit koordinierten Probenahmen analysierten die nationalen Behörden im Jahr 2024 9.842 Proben von 12 häufig konsumierten Lebensmitteln (Auberginen, Bananen, Broccoli, Zuchtpilze, Grapefruits, Melonen, Paprika, Tafeltrauben, natives Olivenöl, Weizenkörner, Rinderfett und Hühnereier). Die Ergebnisse sind repräsentativ für den EU-Markt.

43,1 Prozent der Proben waren frei von Pestizidrückständen oder die Rückstände blieben unterhalb der Bestimmungsgrenze.

54,5 Prozent und damit über die Hälfte der Proben enthielten einen oder mehrere quantifizierbare Pestizidrückstände unterhalb der gesetzlich zulässigen Höchstwerte.

In 2,4 Prozent der Proben überschritten die Rückstände die zulässigen Höchstwerte.
1,2 Prozent der 9.842 Proben wurden als nicht-konform eingestuft.

Besorgniserregend ist aus Sicht der VZS, dass der Anteil der Proben mit Rückständen über den Grenzwerten bei diesen häufig konsumierten Erzeugnissen seit Jahren ansteigt. 2018 lag dieser Anteil für die gleichen zwölf Erzeugnisse noch bei 1,4 Prozent, 2021 bei 2,1 Prozent und jetzt bei 2,4 Prozent. Am häufigsten waren Überschreitungen bei Paprika, Tafeltrauben, Grapefruits und Olivenöl. Laut EFSA war der Anteil der Proben mit Grenzwertüberschreitungen bei den Proben aus Drittstaaten (4,8 Prozent) rund drei Mal höher als bei den Proben aus dem Raum EU/Island/Norwegen.

Einfuhrkontrollen: Importware häufiger mit Grenzwertüberschreitungen

Von bestimmten importierten Lebens- und Futtermitteln sowie Erzeugnissen aus bestimmten Ländern geht ein größeres Risiko aus. Daher wurden 2024 im Rahmen der verstärkten Einfuhrkontrollen 39.433 Lebensmittelproben an den EU-Außengrenzen genommen und analysiert, bevor diese Erzeugnisse auf den EU-Markt kamen.

38,3 Prozent der Proben waren frei von Pestizidrückständen oder die Rückstände blieben unterhalb der Bestimmungsgrenze.

56,2 Prozent und damit über die Hälfte der Proben enthielten einen oder mehrere quantifizierbare Pestizidrückstände unterhalb der gesetzlich zulässigen Höchstwerte.

In 5,5 Prozent der Proben überschritten die Rückstände die zulässigen Höchstwerte.
3,6 Prozent der Proben wurden als nicht-konform eingestuft und aus dem Verkehr gezogen.

Unter den nicht-konformen Erzeugnissen stach eine stark belastete Charge Kreuzkümmel aus Indien hervor: 19 der in der Probe nachgewiesenen Wirkstoffe überschritten den EU-Grenzwert.

Risikobewertung: EFSA berücksichtigt keine Mehrfachrückstände

Laut den Berechnungen der EFSA gehe von den nachgewiesenen Pestizidrückständen in den untersuchten Lebensmitteln nur ein geringes Risiko für die Gesundheit der Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU aus. Zugleich räumen die Autorinnen und Autoren aber ein, dass die Wahrscheinlichkeit, über Lebensmittel mehr als die Akute Referenzdosis eines Wirkstoffes aufzunehmen, ausgerechnet für Pestizide, die in der EU nicht (mehr) zugelassen sind, am höchsten sei. Die Akute Referenzdosis ist jene Menge, die ein Mensch im Laufe eines Tages ohne erkennbares Gesundheitsrisiko mit der Nahrung aufnehmen kann.

Das Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN Europe bemängelt, dass die EFSA bei ihren Berechnungen Mehrfachrückstände nicht berücksichtige – obwohl sie seit 2005 dazu verpflichtet sei, eine Methodik genau dafür zu entwickeln. Wenn ein Lebensmittel Rückstände von zwei oder mehr verschiedenen Pestizidwirkstoffen enthält, könnten sich deren Wirkungen addieren oder gegenseitig verstärken.

PAN Europe weist zudem darauf hin, dass in der EU verbotene Pestizide wie Chlorpyrifos und Imidacloprid – beide sind neurotoxisch und schädlich für die embryonale Gehirnentwicklung – zu den am häufigsten nachgewiesenen und am häufigsten über Grenzwert liegenden Wirkstoffen zählten.

foodwatch: Rückstände von nicht zugelassenen Pestiziden in Reis, Tee und Gewürzen

Die Verbraucherschutzorganisation foodwatch hat im März 2026 in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Österreich insgesamt 64 Produkte der Kategorien Reis, Tee und Gewürze auf 736 verschiedene Pestizidwirkstoffe untersuchen lassen. Die Ergebnisse (foodwatch International, Cingotti et al. 2026) sind alarmierend, daran haben offenbar auch die verstärkten Einfuhrkontrollen der EU nichts geändert.

76,6 Prozent der 64 Proben wiesen quantifizierbare Pestizidrückstände auf. 64 Prozent der Proben wiesen Rückstände von zwei bis 22 verschiedenen Wirkstoffen, also Mehrfachrückstände, auf.

54 verschiedene Pestizidwirkstoffe wurden nachgewiesen. 27 davon sind in der EU nicht zugelassen.

70,3 Prozent der Proben waren mit mindestens einem und bis zu neun in der EU nicht zugelassenen Wirkstoffen belastet. Nicht zugelassene Wirkstoffe, darunter bienengiftige Neonikotinoide, fanden sich in allen Proben von Paprikapulver, Chili und Kreuzkümmel sowie in nahezu allen Proben von grünem Tee.

In 21,9 Prozent der Proben, großteils Gewürzproben, überschritten die Rückstände die zulässigen Höchstwerte.

Obwohl zahlreiche Pestizide wegen inakzeptabler Gesundheits- und Umweltrisiken in der EU verboten oder nicht (mehr) zugelassen sind, produzieren Bayer, BASF, Corteva und andere Agrochemiekonzerne die Substanzen nach wie vor in der EU und exportieren sie in andere Regionen der Welt, wo die Umweltauflagen weniger streng sind. Dort gefährden die häufig nicht sachgemäß verwendeten Chemikalien die Gesundheit der Menschen, schädigen die Umwelt – und landen über importierte Lebensmittel am Ende des Tages trotzdem auf den Tellern der EU-Bürger. Ganz legal, denn für Rückstände von verbotenen Pestiziden in Lebensmitteln gelten in der EU aus handelspolitischen Erwägungen Toleranzgrenzen. Recherchen der Menschenrechtsorganisation Public Eye und des Investigativ-Journalismus-Projekts Unearthed zufolge stiegen die Exporte von verbotenen Pestiziden „Made in EU“ zwischen 2018 und 2024 von 81.000 Tonnen (damals noch mit Großbritannien) sogar auf 122.000 Tonnen (ohne Großbritannien) an.

„Zwar konsumieren die meisten Menschen Gewürze und Tee nur in kleinen Mengen“, resümiert Silke Raffeiner, die Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Südtirol. „Dennoch zeigt die foodwatch-Analyse in erschreckender Weise auf, dass der derzeitige Rechtsrahmen der EU für Pestizide massive Lücken aufweist und die Menschen nicht ausreichend vor besonders gefährlichen Wirkstoffen schützt, die in der EU gar nicht mehr verwendet werden dürfen.“ foodwatch fordert seit Jahren ein vollständiges Exportverbot für Pestizide, die in der EU nicht mehr zugelassen sind, sowie Nulltoleranz für Rückstände dieser Pestizide in importierten Lebensmitteln – bislang vergebens.

PAN Europe: Rückstände von PFAS- und hormonwirksamen Pestiziden in Erdbeeren

Zwischen April und Juni 2026 hat das Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN Europe in Zusammenarbeit mit 11 lokalen Umweltschutzorganisationen 41 Erdbeerproben aus 11 EU-Mitgliedstaaten analysieren lassen. 36 Proben stammten aus konventioneller, vier aus ökologischer Landwirtschaft, und eine weitere Probe war als „pestizidfrei“ ausgelobt.

78 Prozent der 36 konventionellen Proben wiesen quantifizierbare Pestizidrückstände auf. In den Bio-Proben und der „pestizidfreien“ Probe waren keine messbaren Rückstände enthalten.

61 Prozent der konventionellen Proben wiesen Rückstände von zwei bis neun verschiedenen Wirkstoffen (Mittelwert: 3,5 Wirkstoffe pro Probe), also Mehrfachrückstände, auf. Insgesamt fand man Rückstände von 22 verschiedenen Pestizidwirkstoffen.

58,3 Prozent der konventionellen Proben waren mit Rückständen von einem bis drei PFAS-Pestiziden belastet. Die „Ewigkeitschemikalien“ PFAS sind für die Umwelt höchst problematisch.

56 Prozent der Erdbeerproben enthielten mindestens einen jener 44 Wirkstoffe, die in der EU aufgrund ihrer besonderen Gefährlichkeit für Umwelt und Gesundheit als „Substitutionskandidaten“ klassifiziert sind. Dazu zählen fatalerweise auch die zwei in der Untersuchung am häufigsten nachgewiesenen Wirkstoffe, die Fungizide Fludioxonil und Cyprodinil. Beide Substanzen hat die EFSA als endokrine Disruptoren (Substanzen, die den menschlichen Hormonhaushalt negativ beeinflussen) eingestuft.

Zwischen den einzelnen Ländern zeigten sich große Unterschiede: während Erdbeeren, die in Slowenien, Belgien und Irland gekauft wurden, im Mittel 7 bzw. 6,3 bzw. 5 Wirkstoffe pro Probe enthielten, waren es bei jenen, die in Italien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden gekauft wurden, im Mittel 2,4 bzw. 1 bzw. 0,9 bzw. 0,3 Wirkstoffe pro Probe.

Da besonders Kinder gerne Erdbeeren essen, werten die elf Umweltorganisationen die Ergebnisse als sehr besorgniserregend. In Bezug auf die Substitutionskandidaten seien die EU-Mitgliedstaaten mehr als säumig und kämen ihrer Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen, nicht nach. Bereits seit 2011 wären die EU-Länder dazu verpflichtet gewesen, diese Pestizide schrittweise durch weniger giftige Alternativen zu ersetzen. Stattdessen nehme die Belastung von Obst und Gemüse mit diesen gefährlichen Pestiziden zu. Mit dem „EU-Vereinfachungsomnibus der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit“ gehe die Reise der EU-Kommission und vieler Mitgliedstaaten derzeit sogar in Richtung einer massiven Aufweichung der Pestizidregulierung.

Die Zusammenfassung der Ergebnisse des EFSA-Berichts in deutscher Sprache ist hier verfügbar, die Zusammenfassung der Ergebnisse der foodwatch-Untersuchung in deutscher Sprache hier.

Bezirk: Bozen

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