AFI-Barometer zur Halbzeit

“Löhne und Gehälter hecheln den Lebenshaltungskosten hinterher”

Donnerstag, 18. Juli 2019 | 10:53 Uhr

Bozen – Zur Halbzeit 2019 befindet sich die Südtiroler Wirtschaft nach wie vor auf Wachstumskurs. Erste Abschwächungen zeigen sich allerdings bei Exportzahlen und Nächtigungen. Auch das Stimmungsbild der Südtiroler Arbeitnehmerschaft ist stabil bis gut – besonders die Aussichten bei einem Jobwechsel. Beunruhigend sind hingegen die „harten Fakten“: Trotz steigender Arbeitsproduktivität lag die Entwicklung der effektiven Bruttolöhne von Arbeitnehmern in der Privatwirtschaft im Zeitraum 2010-2017 unter jener der Inflationsrate.

Zur Jahresmitte 2019 bleibt die Wirtschaft in der Europäischen Union auf Wachstumskurs. Aktuell ist keine akute Rezessionsgefahr zu erkennen. Allerdings: Neben führenden Forschungsinstituten hat auch die EU-Kommission jüngst ihre Wachstumsprognosen für 2019 nach unten korrigiert. Dies gilt insbesondere für Märkte, die für die Südtiroler Wirtschaft besonders wichtig sind (Italien, Deutschland, Österreich). Belastend auf die internationale Konjunktur wirken schwelende Handelskonflikte, das derzeit angespannte politische Klima (sichtbar an der schwierigen Wahl der EU-Kommission), die Niedrigzinspolitik der EZB und der allmählich schwächelnde Außenhandel.

Stimmung der Südtiroler Arbeitnehmer bleibt aufwärtsgerichtet

Das Stimmungsbild der Südtiroler Arbeitnehmerschaft bleibt insgesamt recht positiv. Erwähnenswert ist, dass die gesamtwirtschaftlichen Aussichten für die nächsten zwölf Monate weiterhin im positiven Bereich liegen. Das Risiko, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, wird von den Arbeitnehmern letzthin wieder etwas höher empfunden. Dennoch gestaltet sich die Suche nach einem gleichwertigen Arbeitsplatz unproblematisch wie noch nie seit Beginn der Erhebung.

Erste Anzeichen der Abkühlung

Die Zwischenbilanz 2019 kann sich sehen lassen: Der Jobmotor läuft auf hohen Touren (+2,2 Prozent zum Vorjahr), die Erwerbbeteiligung liegt auf Höchstniveau (74,1 Prozent), die Arbeitslosenrate bei 2,9 Prozent, die Inflation im Rahmen (+1,7 Prozent), die Versorgung der Unternehmen und Haushalte mit Krediten dehnt sich kräftig aus (+4,6 Prozent). Neu ist, dass seit einigen Monaten die unbefristeten Verträge zunehmend die befristeten ersetzen (ein zeitweiliger Effekt des “Decreto-Dignità”). Der im Vergleich zum BIP überdurchschnittliche Ausbau der Beschäftigung schlägt sich in eine Senkung der Arbeitsproduktivität nieder. Wie vom AFI nachgewiesen, wurde Südtirols Wirtschaftswachstum im langen Beobachtungszeitraum (1995-2016) hauptsächlich vom Beschäftigungszuwachs angetrieben, im kurzen Zeitraum (2010-2016) vom Produktivitätszuwachs.

Allerdings machen einige Indikatoren im AFI-Barometer jetzt die konjunkturelle Abschwächung deutlich. Die Südtiroler Exporte schwächen sich seit vier Quartalen in Folge ab. Die touristischen Nächtigungen brechen in den ersten fünf Jahresmonaten deutlich ein (-5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Zeitverzögert dürfte die konjunkturelle Abschwächung also auch auf Südtirol abfärben. Die BIP-Prognosen für das Jahr 2019 der drei lokalen Statistik- bzw. Forschungsinstitute (AFI: +1,4 Prozent; ASTAT: +1,6 Prozent; WIFO: +1,3 Prozent) liegen nach aktuellem Wissensstand wohl eher am oberen Rand.

Lebenshaltungskosten machen den Südtirols Arbeitnehmern das Leben schwer

Seit geraumer Zeit liegt die Inflationsrate von Bozen systematisch über dem gesamtstaatlichen Wert. Wie neue Berechnungen des AFI zeigen, haben die Lebenshaltungskosten in Südtirol mittlerweile ein Niveau erreicht, das – abhängig von der Berechnungsmethode – zwischen 21 und 23 Prozent über dem gesamtstaatlichen Wert liegt. Die Kluft zwischen Löhnen und Preisen wird immer wieder als problematisch gesehen. Knapp sechs von zehn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind der Auffassung, dass die Gehälter nicht mit den Südtiroler Lebenshaltungskosten im Verhältnis stünden – sowohl die Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft als auch die im öffentlichen Dienst.

2017: ein schwarzes Jahr für die Gehaltsentwicklung

Begleitend zu den laufenden Kollektivvertragsverhandlungen im öffentlichen Dienst hat das AFI auch die Lohnentwicklung in der Südtiroler Privatwirtschaft ab 2010 auf Grundlage von Daten aus dem Data-Warehouse von INPS beleuchtet. Vorneweg: Die Bruttolöhne der Südtiroler Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft liegen im Schnitt sieben Prozent über dem gesamtstaatlichen Wert. Insgesamt lag die Lohnentwicklung 2010-2017 in Südtirol unter der Inflationsrate, trotz steigender Arbeitsproduktivität. Besonders nachteilig war sie im Jahr 2017 mit einem rechnerischen realen Verlust von -3,5 Prozent (nur Vollzeitbeschäftigte: -2,8 Prozent). Im öffentlichen Dienst stiegen die Kollektivlöhne im Zeitraum 2010 bis 2019 (je nach Funktionsebene) nominal zwischen +2,9 und +5,6 Prozent, wobei die Inflationsrate im selben Zeitraum genau +16 Prozent betrug (die realen Lohneinbußen liegen also zwischen minus zehn und -13 Prozent). Im öffentlichen Dienst konnten nur jene Bediensteten ihr Gehalt über die Inflation hinaus entwickeln, die von den relativ hohen Vorrückungen der ersten acht Jahre profitieren konnten. Alle andere haben einen realen Lohnverlust hinnehmen müssen.

 

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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23 Kommentare auf "“Löhne und Gehälter hecheln den Lebenshaltungskosten hinterher”"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
alles oder nichts
alles oder nichts
Grünschnabel
1 Monat 3 Tage

Ober Hauptsoch mir hoben a tripple A Bewertung…Die Politik hat schon lange vergessen wer den wagen antreibt😵

Septimus
Septimus
Superredner
1 Monat 3 Tage

…und die Steuerbelastung nimmt auch noch ständig zu…

peterle
peterle
Superredner
1 Monat 3 Tage

Triple A ubd die Bankenwelt in Südtirol bleibt bei ihren hohen Zinssätzen.

Rechner
Rechner
Superredner
1 Monat 3 Tage

Der Haken an der ganzen Sache ist, die höhe der Löhne entscheidet nicht das Land. In der Privatwirtschaft jedenfalls nicht. 

Gredner
Gredner
Superredner
1 Monat 3 Tage

Die Wahrheit: Südtirol hat gar kein AAA bekommen, sondern ein A- mit negativem Ausblick!!! Siehe https://www.fitchratings.com/site/pr/10082159

Urlauberpaar
Urlauberpaar
Grünschnabel
1 Monat 2 Tage

@Septimus Ja und dann kommt noch die CO2 Steuer.Dann heißt es nicht bis mitte Juli sondern bis ende Juli also 7 Monate für den Staat arbeiten bis man selbst dran ist.

LaLuna
LaLuna
Grünschnabel
1 Monat 3 Tage

Also in meinem Umfeld ist die Stimmung der Arbeitnehmer alles andere als aufwärtsgerichtet…

alpenfranz
alpenfranz
Tratscher
1 Monat 3 Tage

ich denke dass sie Arbeitnehmern keine Angst haben morgen arbeitslos zu sein, aber mit dem Gehalt nicht zufrieden sind

denkbar
denkbar
Kinig
1 Monat 3 Tage

… und die Renten umso mehr!

Savonarola
1 Monat 3 Tage

und dann kommt der SVP Arbeitnehmervertreter daher und behauptet allen Ernstes, dass die von der Landesregierung angebotene Gehaltserhöhung für die öffentlichen Bediensteten mehr als 11% beträgt und das Angebot anzunehmen sei. Nur schade, dass diese “Erhöhung” unter anderem Essensgutscheine im Wert von 7Euro und ein höheres Einstiegsgehalt vorsieht, was den allermeisten nicht zugute kommt, da sie schon länger im Dienst sind und bereits Essensgutscheine von fast 5Euro beziehen.
Redet der Arbeitnehmer jetzt im Sinne der Wirtschaft in dieser Partei oder was?

giftzwerg
giftzwerg
Universalgelehrter
1 Monat 3 Tage

und wer bezieht diese gutscheine ?

LaLuna
LaLuna
Grünschnabel
1 Monat 2 Tage

Savonarola
Diese Gehaltsverhandlungen sind ein Witz. Viele Angestellte werden wieder nur über den Tisch gezogen

Aurelius
Aurelius
Universalgelehrter
1 Monat 3 Tage

und die Rente nicht vergessen. das weiss man schön lange, Hauptsache die Politiker haben alle ihre Posten bekommen, danach ist so gut wie nichts passiert

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
1 Monat 3 Tage

letztes jahr habe ich noch was gelesen wegen „33% teuere Lebenshaltungskosten, 11% mehr lohn“ im vergleich mit dem restlichen Italien… was war dass denn für ein quatsch?

ExSuedtiroler
ExSuedtiroler
Tratscher
1 Monat 3 Tage

DAs mit 11% mehr Lohn war sicher ein SVP-Versprechen..

alpenfranz
alpenfranz
Tratscher
1 Monat 3 Tage

ehrlich?…wusste ich gar nicht. Weiss nicht wohin mit dem Geld. Wenn einer braucht…..nur melden😅😅 Ironie off

amme
amme
Superredner
1 Monat 3 Tage

iats werd ausigezögert bis zur nächsten Krise😂

wouxune
wouxune
Superredner
1 Monat 3 Tage

Und für des brauchts a Studie?🤔 (die se wor sicho Gratis)

sakrihittn
sakrihittn
Universalgelehrter
1 Monat 3 Tage

Interessiert niemand, da müsste man schon der Bauern oder Hotelierlobby angehören und das winseln in die Wiege gelegt bekommen haben, damit sich etwas bewegt.

So ist das
So ist das
Universalgelehrter
1 Monat 3 Tage

…die Lebenshaltungskosten in Südtirol mittlerweile ein Niveau erreicht, das … zwischen 21 und 23 Prozent über dem gesamtstaatlichen Wert liegt…
Das muss geändert werden, aber leider stellen die Arbeitnehmer keine Lobby dar, damit nachhaltige Massnahmen getroffen werden.

suppo
suppo
Neuling
1 Monat 3 Tage

Komisches Land, die einen können und lassen sich bedienen und die Anderen müssen halt schauen wie sie weiterkommen und nehmen was für sie übrigbleibt……..

Gredner
Gredner
Superredner
1 Monat 3 Tage

Wer sind die Preistreiber bei den Lebenshaltungskosten?!?
– die Wohnungen werden teurer, dank Klimahaus-Zwang (Politik ist Schuld)
– die Treibstoffe werden teurer (Politik ist Schuld)
– die Bürokratie nimmt zu (Politik ist Schuld)
– internationale Grosskonzerne zahlen keine Steuern, also müssen jene der Kleinen angehoben werden (Politik ist Schuld)
– andere Gründe? (wo nicht die Politik Schuld ist?)

hundeseele
hundeseele
Tratscher
1 Monat 21 h

…kein Wunder bei so einer Politik!
…es wird nur den Großen Lobbys geholfen,aber dem Arbeiter immer mehr aufgehalst.Irgendwann bricht das zusammen,dann Gnade euch Gott….

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