Von: apa
Die Wirtschaft Osteuropas bleibt trotz der durch den Iran-Krieg bedingten Energiekrise widerstandsfähig. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) prognostiziert den dortigen EU-Ländern in seiner Frühjahrsprognose für 2026 ein Wachstum von 2,3 Prozent. Damit hängen sie die Eurozone (0,9 Prozent) weiter ab. Gleichzeitig sorgt starkes Lohnwachstum für steigenden Wohlstand, verändert aber das bisherige Erfolgsmodell der Region.
Das Modell der mittel- und osteuropäischen Staaten als günstige Produktionsstandorte für westliche Industriekonzerne steht stark unter Druck. Verantwortlich dafür ist ein massiver Verlust an Wettbewerbsfähigkeit durch gestiegene Lohnkosten. “Wir haben seit fünf Jahren in der Region ein sehr starkes Lohnwachstum gesehen, was durch den demografischen Druck angetrieben wird”, erklärte wiiw-Vizedirektor Richard Grieveson am Mittwoch bei der Präsentation der Prognose.
Region wird wohlhabender
Die Region werde dadurch wesentlich wohlhabender – in Slowenien hätten die Löhne das Niveau von Ländern wie Italien erreicht oder sogar überholt. Auch Polen holt rasant auf: “Man sieht mit der Zeit, wie Polen die alten EU-Mitglieder überholt”, sagte Grieveson und verwies darauf, dass Polen nach Griechenland, Portugal und Spanien bis 2030 wahrscheinlich auch Italien beim Pro-Kopf-BIP hinter sich lassen werde. Dieser Strukturwandel führe zudem zu einer historischen Verschiebung bei den Wachstumstreibern: Erstmals würden die Verteidigungsausgaben in der Region stärker zum Wachstum beitragen als die ausländischen Direktinvestitionen.
Ein differenziertes Bild zeigt sich in Russland, dessen Wirtschaft auf westeuropäischem Niveau wächst. Für 2026 erwartet das wiiw ein Plus von 0,9 Prozent, was genau dem prognostizierten Wert für die Eurozone entspricht. Im Jahr 2027 soll Russlands Wirtschaftsleistung mit 1,5 Prozent sogar stärker zulegen als jene der Euro-Länder mit 1,1 Prozent. Hohe Leitzinsen und ein Arbeitskräftemangel dämpfen zwar das Potenzial, jedoch bescheren die durch den Iran-Krieg stark gestiegenen Öl- und Gaspreise dem russischen Staatshaushalt unerwartete Zusatzeinnahmen. Anders stellt sich die Lage in der Ukraine dar. Der russische Luftkrieg gegen die Energieinfrastruktur drückt das Wachstum 2026 auf lediglich 1,0 Prozent.
Ungarn nach Regierungswechsel vor möglichem Umbruch
In Ungarn wiederum steht die Wirtschaft nach dem Wahlsieg von Péter Magyar gegen Langzeitpremier Viktor Orbán vor einem deutlichen Umbruch. “Dieser Regimewechsel ist natürlich positiv für die Wirtschaft, aber die Erholung wird Zeit brauchen”, betonte Grieveson, da eine rasche Erholung angesichts der Ausgangslage unwahrscheinlich sei. Der Ungarn-Experte Sándor Richter ergänzte, dass Magyar ein ambitioniertes Eurobeitrittsprogramm angekündigt habe: “Das kann die nötige Disziplin zu dieser Haushaltskonsolidierung liefern”, so Richter. Das wiiw prognostiziert für Ungarn 2026 ein Wachstum von 1,6 Prozent.
Stütze für Österreichs Exportwirtschaft
Für Österreich bleibt die Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa weiterhin eine unverzichtbare Stütze für die Exportwirtschaft. Im Jahr 2026 werden die Staaten der Region mit 0,12 Prozentpunkten den größten Außenbeitrag zum heimischen BIP-Wachstum liefern. In Osteuropa produzierende österreichische Unternehmen büßen zwar aufgrund der Lohnkosten an Wettbewerbsfähigkeit ein, laut wiiw-Direktor Mario Holzner ergeben sich daraus jedoch zeitgleich neue Potenziale. “Die österreichische Wirtschaft hat zum einen eine sehr spezialisierte Industrie, die vor allem im Maschinenbau stark ist”, erklärte Holzner. Durch den akuten Personalmangel in der Region steige der Bedarf, Fertigungen zu modernisieren: “Sie können für die Automatisierung und Robotisierung der Region ihre Maschinen dort verkaufen.”




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