Von: mk
Bozen – Mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 33,1 Milliarden Euro und über 61.000 Euro pro Kopf bleibt Südtirol eine der wohlhabendsten Provinzen Italiens. Doch woher kommt dieser Wohlstand – und profitieren jene, die ihn erwirtschaften, tatsächlich davon? Diesen Fragen geht der erste Bericht der Beobachtungsstelle „UIL Economia“ nach, den Dr. Marco Pugliese für die UIL-SGK Südtirol verfasst hat und der das BIP des Landes nach Sektoren aufschlüsselt.
Das Bild zeigt eine starke, aber unausgewogene Wirtschaft. Der Dienstleistungssektor erzeugt rund zwei Drittel der Wertschöpfung, getragen vom Tourismus. Die verarbeitende Industrie macht etwa ein Viertel aus, ist aber der eigentliche Motor des Exports, der 2024 mit 7,4 Milliarden Euro einen Rekord erreichte.
Die verarbeitenden Industrie weist außerdem die höchste Arbeitsproduktivität Italiens auf (87,8 Tausend Euro je Beschäftigtem). Die Landwirtschaft schließlich ist prozentual zwar klein, verzeichnet aber die höchste Wertschöpfung pro Einwohner des Landes.
„Die Gesamtzahl zeigt eine reiche Provinz, doch unsere Aufgabe als Gewerkschaft ist es, in diese Zahl hineinzuschauen“, erklärt Dr. Marco Pugliese, Autor des Berichts. Ein hohes BIP bedeute nicht automatisch angemessene Löhne. Die Industrie mit hoher Produktivität könne würdige Gehälter tragen. Der Tourismus hingegen, der wirtschaftlich stark ins Gewicht falle, setze die Löhne Tausender Saisonkräfte unter Druck, erklärt Pugliese.
Das Beobachtungsstelle „UIL Economia“ ist ein ständiges Analyseinstrument, das in Südtirol einzigartig ist: Es ist die erste gewerkschaftlich geführte Beobachtungsstelle, die die Wirtschaft im Land systematisch aus der Perspektive der Arbeit untersucht. Während die verfügbaren Wirtschaftsanalysen von Handelskammer-, Arbeitgeber- oder Statistikinstituten stammen, verfolgt die Beobachtungsstelle einen anderen, ergänzenden Ansatz: Es liest die Daten zu BIP, Wertschöpfung, Export und Produktivität mit Blick darauf, was sie für die Löhne, für die Qualität und Stabilität der Beschäftigung und für das Wohlergehen der Arbeitenden bedeuten.
Das Observatorium wird monatlich einen Bericht zu Wirtschafts- und Gewerkschaftsthemen veröffentlichen und dabei jeweils einen anderen Aspekt der Südtiroler Wirtschaft und ihrer Auswirkungen auf die Arbeitswelt beleuchten: von den Sektorlöhnen bis zu den Lebenshaltungskosten, vom Tourismus zur Industrie, von der Infrastruktur bis zur Beschäftigungspolitik.
„Bisher haben die Arbeitenden die Südtiroler Wirtschaft mit der Brille jener gelesen, die sie von oben steuern. Mit diesem Observatorium stellen wir dem Land eine unabhängige Analyse zur Verfügung, die von unten ansetzt, beim Wert, den jene schaffen, die diesen Wohlstand täglich erarbeiten. Jeden Monat bringen wir ein neues Thema in die öffentliche Debatte: Es ist ein Wissensinstrument im Dienst der Tarifverhandlungen und der Arbeitspolitik“, so Pugliese.
Der erste Bericht beleuchtet auch den schwachen Punkt Forschung und Entwicklung (rund 0,76 Prozent des BIP) und enthält mehrere Vorschläge: die produktionsstarke Industrie stärken; die Arbeitsqualität im Dienstleistungssektor – beginnend beim Tourismus – neu ausbalancieren; in technische Ausbildung investieren; die Landwirtschaft aufwerten und die Arbeitskräfte schützen; ein gemeinsames sektorales Monitoring einrichten.




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