Zurück zum einfachen Leben

Überlebenskampf: Alpenhütten müssen simpler werden

Donnerstag, 01. Januar 2026 | 07:41 Uhr

Von: idr

Bozen – Keine warme Dusche nach der Bergtour, kein Drei-Gänge-Menü, keine breite Speisekarte – was für viele Urlaub nach Verzicht klingt, könnte auf Almhütten in den Alpen bald wieder Normalität werden. Ende November haben 87 Prozent der Delegierten bei der Hauptversammlung des Deutschen Alpenvereins in Passau den „Wegweiser Hütten 2030“ verabschiedet, der die Zukunft der Berghütten radikal verändert. Damit reagieren die Betreiber auf die sich drastisch verändernden klimatischen Bedingungen in den Alpen.

Die Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol, die gemeinsam 575 bewirtschaftete Hütten betreiben, sind gezwungen, Konsequenzen aus dem Klimawandel zu ziehen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Hütten sollen einfach bleiben, Erweiterungen vermieden werden, Ersatzbauten nur bei absoluter Notwendigkeit erfolgen. Luxusbauten wie jene, die in den vergangenen Jahren mancherorts entstanden sind, wird es nicht mehr geben.

Klimawandel besonders in den Alpen zu spüren

„Der gesamte Wasserhaushalt im Gebirge ist gefährdet“, erklärt Sebastian Magin, Leiter des Geschäftsbereichs Alpine Raumordnung beim DAV. Die meisten der 325 DAV-Hütten beziehen ihre Energie aus Wasserkraft. Doch die Gletscher schmelzen, Quellen versiegen, und in den Sommermonaten herrscht zunehmend Wasserknappheit. „Deshalb müssen wir den Strom- und Wasserverbrauch auf unseren Hütten drastisch reduzieren, Energie anders und umweltfreundlich gewinnen, Wasser sammeln und das wenige Wasser nicht für Duschen oder Klospülung verschwenden“, so Magin.

Der Leitfaden wird konkret: Trockentoiletten statt Wasserspülung, eingeschränkte Speisekarten, regionale und emissionsarme Verpflegung. Selbstversorgung in Gasträumen soll immer möglich sein. Die Energieversorgung muss ausschließlich aus regenerativen Quellen stammen. Photovoltaikanlagen, Windkraft oder moderne Wasserkrafttechnik sollen fossile Brennstoffe ersetzen.

Luxusurlaub vs. Klimaschutz

Doch der Plan trifft auf Widerstand – zumindest indirekt. Denn viele Bergtouristen haben sich an einen Standard gewöhnt, der mit der neuen Philosophie nicht vereinbar ist. Warme Duschen nach anstrengenden Touren, üppige Mahlzeiten und komfortable Zimmer sind für viele selbstverständlich geworden. „Der Wandel ist wahrscheinlich erstmal schwierig“, räumt Magin ein. Doch der Klimawandel mache ein Umdenken unumgänglich.

Ein weiterer Aspekt des Leitfadens betrifft die Wege. Wenig begangene und schwer zu erhaltende Wege müssten unter Umständen künftig aufgegeben werden – zumindest ihre Pflege. Auch hier spielt der Klimawandel eine Rolle: Permafrostböden tauen, Hänge werden instabil, Steinschlag und Muren nehmen zu. Manche Routen sind schlicht nicht mehr sicher zu bewirtschaften.

Der „Wegweiser Hütten 2030“ ist mehr als ein Papier. Er ist ein Kulturwandel, der die Frage stellt: Wie viel Komfort brauchen wir wirklich? Und sind wir bereit, auf Annehmlichkeiten zu verzichten, wenn es ums Überleben geht? Die Antwort wird sich in den kommenden Jahren zeigen – auf den Hütten, in den Tälern und in den Köpfen der Bergtouristen.

 

Bezirk: Bozen

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