Laimburg Report 2016–2017

Von Smart Farming bis hin zu invasiven Schädlingen

Donnerstag, 23. August 2018 | 19:11 Uhr

Pfatten – Am Donnerstag hat das Versuchszentrum Laimburg im Rahmen einer Pressekonferenz seinen wissenschaftlichen Jahresbericht über die Jahre 2016 und 2017 vorgestellt. Der Bericht informiert über wichtige Forschungsprojekte des Versuchszentrums in den Themenschwerpunkten „Qualität“; „Agrobiodiversität“, „Höhenlage – Berg“ und „Pflanzengesundheit“.

Die neue Ausgabe des Laimburg Reports gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsprojekte und neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung. Darüber hinaus vermittelt der Bericht grundlegende Informationen über das Versuchszentrum Laimburg: So werden die neue interne Organisationsstruktur des Zentrums nach der Reorganisation präsentiert und dessen elf Labors mit ihren Tätigkeiten und Dienstleistungen vorgestellt. Der 124 Seiten starke Report richtet sich sowohl an Fachleute als auch an alle, die sich für Landwirtschaft und Lebensmittel interessieren. Der Bericht liegt in den beiden Sprachversionen Deutsch / Englisch und Italienisch / Englisch vor.

Rund 330 Forschungs- und Versuchsprojekte pro Jahr

Am Versuchszentrum Laimburg arbeiten mehr als 150 Mitarbeiter jährlich an etwa 330 Forschungs- und Versuchsprojekten aus allen Bereichen der Südtiroler Landwirtschaft, vom Obst- und Weinbau über Sonderkulturen wie Gemüse und Beeren und der Berglandwirtschaft bis hin zu Lebensmittelverarbeitung und -qualität sowie Produktinnovation für die im Lebensmittelsektor tätigen Betriebe. Damit deckt das Versuchszentrum die gesamte Kette der Lebensmittelherstellung vom Anbau bis zum fertigen Produkt ab.

Feldversuche finden auf Versuchsflächen mit unterschiedlichen pedoklimatischen Bedingungen in ganz Südtirol statt. In elf spezialisierten Labors werden zuverlässige Analysen einerseits für Forschungsprojekte, andererseits aber auch als Dienstleistungen für Private durchgeführt.

Enge Abstimmung mit der Praxis

Wer entscheidet eigentlich, woran das Versuchszentrum Laimburg forscht? „Als Einrichtung, die auf dem Gebiet der angewandten Forschung arbeitet, legt das Versuchszentrum Laimburg besonderen Wert darauf, sicherzustellen, dass es über die konkreten Probleme der landwirtschaftlichen Praxis im Bilde ist und die erarbeiteten Lösungsansätze und Ergebnisse auch wieder da ankommen, wo sie benötigt werden“, betonte der Direktor des Versuchszentrums Michael Oberhuber. Darum wird das Tätigkeitsprogramm des Versuchszentrums jeweils im Vorjahr in einem aufwändigen Prozess in enger Abstimmung zwischen Wissenschaft und Praxis erarbeitet und definiert. Das Versuchszentrum ruft dazu über 100 Vertreterorganisationen der Südtiroler Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung dazu auf ihre Anliegen an die Forschung kund zu tun. Von 100 externen Projektvorschlägen konnten 69, und damit also mehr als zwei Drittel, bereits ins Tätigkeitsprogramm 2018 aufgenommen werden.

Bedarfsgerechte Bewässerung und Smart Farming

In Zeiten des Klimawandels und der Wasserknappheit ist eine bedarfsgerechte und an den Standort angepasste Bewässerung gefragt. Das Versuchszentrum Laimburg hat darum verschiedene Versuche zur Bewässerung in Bearbeitung, u.a. wurde in einem mehrjährigen Projekt geprüft, ob sich die unterirdische Tropfbewässerung als Bewässerungssystem für Südtirol eignet. Bei dieser innovativen Bewässerungstechnik werden die Schläuche mit integrierten Tropfventilen in ca. 20–40 cm Entfernung von der Pflanzenreihe und in einer Tiefe von ca. 30 cm eingegraben. Während die unterirdische Variante bezüglich Parameter wie der Wasserverfügbarkeit ähnliche Resultate wie die gängige oberirdische Tropfbewässerung zeigt, weist sie jedoch auch Nachteile auf: Die Tropfer verstopfen leicht, haben eine relativ hohe Ausfallquote und eine Reparatur ist aufwändig. Außerdem sind bei dem unterirdischen System die Möglichkeiten einer mechanischen Bodenbearbeitung begrenzt.

Neben der Prüfung und Weiterentwicklung effizienter Bewässerungssysteme forscht das Versuchszentrum Laimburg auch an der Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in der Landwirtschaft. So wurde am Versuchszentrum ein neuartiger optoelektronischer Sensor zur Messung des Fruchtwachstums entwickelt. Die mit dem Sensor erhobenen Daten erlauben nicht nur eine Beurteilung der allgemeinen Produktionsbedingungen im Feld, sondern können künftig auch für Schätzungen eingesetzt werden, um eine Prognose der zu erwartenden Fruchtgröße und damit der Erntemenge anzustellen. Diese Information ist beispielsweise für die Obstvermarktung von grundlegender Bedeutung. „Wenn derartige innovative Technologien gezielt eingesetzt werden, können sie einen absoluten Mehrwert nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die mit ihr in Verbindung stehenden Sektoren schaffen“, ist der Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau Walter Guerra überzeugt.

Agrobiodiversität und Sortenzüchtung

Das Versuchszentrum Laimburg verfügt über eigene Sortenzüchtungsprogramme für den Apfel und die Erdbeere. Darüber hinaus macht man sich jedoch auch heute schon Gedanken darüber, welche anderen Kulturen in Südtirol theoretisch für den Anbau geeignet wären. „Unser Ziel ist es, zu möglichen neuen Kulturen wie der interspezifischen Birne, der Haselnuss, der Tafeltraube oder der Pawpaw („Indianerbanane“) Dossiers mit praktischen agronomischen Informationen für die Landwirte anzulegen, damit sie entscheiden können, eventuell den Anbau dieser Kulturen in Angriff zu nehmen“, erklärte Walter Guerra, Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau.

Pflanzengesundheit und Bekämpfung invasiver Schädlinge

„Das Hauptaugenmerkt unserer Tätigkeiten liegt auf der Regulierung von Schadorganismen und somit auf der Ertragssicherung unserer Kulturpflanzen“, so der Leiter des Instituts für Pflanzengesundheit Klaus Marschall. Die Tätigkeiten des Instituts reichen von der Bestimmung der Schadursachen in der Diagnostik bis hin zu Versuchen im Feld. Darüber hinaus werden im Labor und im Gewächshaus verschiedene Versuche unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt. Zum Großteil liegen den Untersuchungen praktische Fragestellungen zugrunde, die in konkreten Anwendungen für die landwirtschaftliche Praxis münden. Zurzeit beschäftigt sich das Institut unter anderem mit invasiven Schädlingen wie der Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) oder der Marmorierten Baumwanze (Halyomorpha halys). Bei der Marmorierten Baumwanze handelt es sich um einen aus Asien stammenden Schädling, welcher unter anderem Stein-, Kern- und Beerenobst befällt und zurzeit im Gebiet um Verona beträchtliche Schäden in der Landwirtschaft verursacht. In Südtirol wird die Baumwanze seit 2016 beobachtet. Das Versuchszentrum Laimburg monitoriert den Schädling und untersucht dessen Biologie und Schadpotenzial, um effiziente Maßnahmen zur Bekämpfung der Wanze zu entwickeln.

Die Birkenpollenallergie mit dem Apfel heilen?

Für Pollenallergiker gibt es vielleicht bald gute Neuigkeiten: Im Interreg V-A Italien-Österreich-Projekt AppleCare entwickeln das Versuchszentrum Laimburg und der Südtiroler Gesundheitsbetrieb gemeinsam mit Partnern aus Nordtirol eine Therapie gegen die Birkenpollenallergie, die auf dem Konsum von Äpfeln beruht. „Wenn sich unser Ansatz bestätigt, könnte für diese Patienten schon bald eine relativ einfache, rezeptfreie und kostengünstige Alternative zur üblichen langjährigen Immuntherapie zur Verfügung stehen“, berichtete der Leiter des Fachbereichs „Angewandte Genomik und Molekularbiologie“ Thomas Letschka, der das Projekt koordiniert.

Nachweis der Herkunft lokaler landwirtschaftlicher Produkte

Südtirol ist mit seinen Äpfeln mit „geschützter geografischer Angabe“ einer der wichtigsten Apfelproduzenten der Europäischen Union. Um Produzenten und Konsumenten zu schützen und die Qualität der Ware zu garantieren, ist der Nachweis der Herkunft lokaler Produkte von großer Bedeutung. Im Projekt „Isotopenanalyse“ entwickeln Versuchszentrum Laimburg, Eco-Research und Freie Universität Bozen eine Technik, die es erlaubt die geografische Herkunft von Lebensmitteln nachzuweisen. Das Verfahren basiert auf dem Isotopenverhältnis des Elements Strontium (Sr). „Aktuell können wir mit unserem Ansatz bereits Äpfel aus dem Vinschgau von Äpfeln aus dem Unterland unterscheiden“, berichtete der Leiter des Instituts für Agrikulturchemie und Lebensmittelqualität Aldo Matteazzi „Wir sind aber bereits dabei unsere Untersuchungen auch auf andere Anbaugebiete Italiens und der ganzen Welt auszuweiten. Am Ende wollen wir dem Markt eine verlässliche Methode zur Verfügung stellen, um die Herkunft von Äpfeln, aber auch anderer landwirtschaftlicher Produkte nachzuweisen.“

Alte Getreidelandsorten wieder nutzbar machen

Nicht nur hierzulande sind die alten Getreidelandsorten in Gefahr. Landsorten sind traditionelle Sorten, die sich an die Anbaubedingungen ihrer Herkunftsregion angepasst haben und ein lebendiges Natur- und Kulturerbe darstellen. In Südtirol sind bereits 81 alte Kultursorten nicht mehr im Anbau. Um dieses wertvolle Kulturgut zu retten, hat das Versuchszentrum Laimburg reagiert und bereits im Jahr 1993 mit der systematischen Sammlung von Landsorten begonnen. Im Bereich Getreide wurden bis zum Jahr 2016 insgesamt 147 Landsorten aus Südtirol gesichert. Für jede gesammelte Landsorte werden die relevanten Informationen zu ihrer Herkunft, zur traditionellen Nutzung sowie Fotos in einer Datenbank dokumentiert. Um die Keimfähigkeit so lange wie möglich sicherzustellen, muss das Saatgut sachgemäß aufbewahrt werden. In den letzten Jahren hat das Versuchszentrum Laimburg die Getreide-Landsorten Roggen und Dinkel sowie Buchweizen-Landsorten agronomisch und qualitativ beschrieben, um die Grundlagen für eine erneute Nutzung dieser Landsorten zu schaffen.

Die Apfelqualität zerstörungsfrei bestimmen

„Schäden, die während der Lagerung am Obst auftreten, sind besonders qualitätsmindernd und für den Konsumenten auch sehr ärgerlich, da er den Schaden erst wahrnimmt, wenn er die Frucht aufschneidet“, erläuterte der Lagerungsexperte und Leiter des Instituts für Berglandwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung Angelo Zanella. „Darum ist es wichtig, Technologien zu entwickeln, die es erlauben die Qualität der Früchte bereits während der Lagerung zu prognostizieren, um eventuelle Lagerschäden einzudämmen.“ Im Projekt MONALISA hat das Versuchszentrum Laimburg zusammen mit Eurac Research, der Freien Universität Bozen und anderen europäischen Forschungsinstituten innovative zerstörungsfreie Methoden für die Bewertung und Vorhersage der Apfelqualität erforscht und deren Anwendungspotenzial für die Praxis geprüft. „Unser Ziel ist es die konventionellen Technologien mit zerstörungsfreien Methoden ersetzen, um die Qualität des Obstes effizienter voraussagen und bewerten zu können“, berichtet Zanella.

Von: mk

Bezirk: Überetsch/Unterland

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