Grundoptimismus bei Südtirols Arbeitnehmern trotz geopolitischer Spannungen

Zuversicht auf dünnem Eis

Donnerstag, 22. Januar 2026 | 10:59 Uhr

Von: mk

Bozen – Unbeschadet zunehmender geopolitischer Spannungen setzt die Weltwirtschaft ihren Wachstumskurs fort. Für den Euroraum weist die OECD rückblickend für 2025 ein Wirtschaftswachstum von +1,3 Prozent aus, für 2026 sind +1,2 Prozent prognostiziert. 2025 war für Südtirols Wirtschaft einmal mehr ein gutes Jahr. Die Stimmung bei Südtirols Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist zu Jahreswechsel hinsichtlich der erwarteten Entwicklung der Gesamtwirtschaft verhalten positiv. Mit Blick auf die eigene finanzielle Situation bleibt die Lage hingegen angespannt. AFI-Direktor Stefan Perini regt an, den Blick auf die mittelfristigen Herausforderungen zu schärfen: „Wenn Südtirols Wirtschaftsstruktur in den letzten 50 Jahren ein Erfolgsmodell war, heißt dies nicht automatisch, dass man auch die nächsten 20 Jahre gut damit fahren wird.“

Wer geglaubt hatte, 2026 würde auf geopolitischer Bühne ein ruhigeres Jahr werden, als es 2025 war, wurde bereits in den ersten Tagen eines Besseren belehrt: Schlagzeilen machten die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro, die Annexionsbestrebungen Donald Trumps in Bezug auf Grönland, der Bürgeraufstand gegen das Regime in Iran, aber auch Massenproteste in den USA gegen Trump und die ICE-Politik. Die Auswirkungen der Umbrüche in der neuen politischen Weltordnung halten sich mit Blick auf die Weltwirtschaft noch in Grenzen. Die Weltwirtschaft schwächte sich 2025 zwar ab, bewies aber allgemein ein sehr hohes Maß an Resilienz. Die Effekte der US-Zollpolitik haben sich bislang nicht im erwarteten Ausmaß durchgeschlagen. Die Aktienmärkte boomten, angetrieben von den Technologieaktien. Die EZB-Leitzinsen liegen seit Juni 2025 bei 2,15 Prozent – kurzfristig ist keine Korrektur erwartet. Die Erdöl- und Erdgaspreise sinken – ein Szenario, das sich durch ganz 2026 durchziehen soll.

Für 2026 wird ebenfalls ein mäßiges Wachstum der Weltwirtschaft erwartet. Für den Euro-Raum wird ein Wirtschaftswachstum von +1,2 Prozent prognostiziert. Aktuell profitiert Italien (Prognose 2026: +0,6 Prozent) hauptsächlich von der politischen Stabilität – ein Umstand, der sich in der finanziellen Bonität des Landes und im Haushaltsdefizit widerspiegelt. Laut Banca d’Italia verbesserte sich die Wettbewerbsposition Italiens gegenüber den Hauptreferenzländern in Europa in den letzten zehn Jahren. Deutschland kämpft sich nach sechs Jahren Rezession aus der Krise (2026: +1,0 Prozent, Stichwort „Sondervermögeneffekt“). Die Inflation dürfte 2026 moderat bleiben. Dafür sprechen der Erzeugerpreisindex, der starke Euro und die verstärkte Präsenz chinesischer Ware auf den europäischen Märkten.

Die Risiken 2026 stehen in Zusammenhang mit der erratischen US-Handelspolitik, zunehmenden geopolitischen Spannungen, dem Umbau von Handelsbeziehungen, der Verschlechterung der öffentlichen Finanzen in vielen der fortgeschrittenen Volkswirtschaften sowie einem möglichen Platzen der Technologieblase.

Fast alle Kennzahlen 2025 positiv

Da die meisten Daten bereits das gesamte Jahr abdecken, lässt sich eine vorläufige Endbilanz der Südtiroler Wirtschaft für das abgelaufene Jahr ziehen. Das quantitative Wachstum am Südtiroler Arbeitsmarkt setzte sich auch 2025 fort. Neue Rekordmarken verzeichneten die Zahl unselbständig Beschäftigter (235.074 Personen im Jahresschnitt, +1,9 Prozent zu 2024), beim Teilzeit-Anteil an der Gesamtbeschäftigung (nun 29,0 Prozent), in der ausländischen Beschäftigung (nun 17,2 Prozent), sowie beim Anteil der Über-50-Jährigen (nun 34,7 Prozent). Die Erwerbstätigenquote erreichte im 3. Quartal 2025 hohe 74,7 Prozent, die Arbeitslosenrate niedrige 1,8 Prozent. Im Tourismus wurde 2025 nun auch die Marke von 38 Mio. Nächtigungen geknackt (+2,9 Prozent). Die Inflation blieb in Bozen im abgelaufenen Jahr im Normalbereich (2,2 Prozent – das sind 0,7 Prozentpunkte mehr als für Italien). Im Jahresverlauf drehte die Kreditdynamik ins Positive um (+0,5 Prozent im Jahresschnitt im Vorjahresvergleich). Einziger, aber signifikanter Wermuttropfen: der Außenhandel. Die Exporte brachen um -0,3 Prozent ein, während die Importe um +10,3 Prozent zulegten.

Zuversicht für die Südtiroler Wirtschaft, Sorge um die eigene Brieftasche

Südtirols Arbeitnehmende starten vorsichtig optimistisch ins Jahr 2026. Für die Südtiroler Wirtschaft erwarten 31 Prozent eine Verbesserung der Situation, 54 Prozent eine gleichbleibende, 15 Prozent eine Verschlechterung. Der Vertrauensindex liegt mit +9 im positiven Bereich. Des Weiteren wird kurzfristig sogar mit einem leichten Abbau der Arbeitslosenzahlen gerechnet. Das Risiko, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, bleibt auch in der Winterbefragung kaum präsent. Die Perspektiven, einen gleichwertigen Job zu finden, werden von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern diesmal wieder besser bewertet als in den vorhergehenden Umfragewellen. Angespannt bleibt die finanzielle Situation von Arbeitnehmer-Familien: 33 Prozent geben an, Schwierigkeiten zu haben, mit dem Lohn über die Runden zu kommen (Index: -6). Hinsichtlich der Sparmöglichkeiten in den nächsten zwölf Monaten gehen 41 Prozent der Befragten davon aus, keine Rücklagen bilden zu können (Index: +11). Dieser Anteil war in den vorhergehenden Befragungen allerdings stets höher und übertraf zuweilen 50 Prozent.

BIP-Prognose: Mit +0,9 Prozent auch 2026 moderates Wachstum für Südtirols Wirtschaft

Viele Rahmenbedingungen gestalten sich für die Südtiroler Wirtschaft 2026 günstig – darunter der solide Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung sowie eine Inflationsrate, die sich auf „Unbedenklichkeitsniveau“ hält. Die Kreditdynamik zog 2025 wieder an und dieser Trend dürfte sich auch 2026 fortsetzen. Der erwartbare Olympia-Effekt erzeugt zusätzliche Wachstumsimpulse für Südtirols Wirtschaft. Ein gut dotierter Landeshaushalt (8,8 Mrd. Euro) stützt Südtirols Wohlstand. Ein Grundoptimismus von Südtirols Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Blick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2026 ist erkennbar.

Die Risiken resultieren aus einer schwächeren Exportdynamik, verbunden mit zunehmenden Absatzschwierigkeiten in den Dollar-Raum. Frühindikatoren deuten auf eine nachlassende Auftragslage in der Bauwirtschaft hin. Eine schleichende Deindustrialisierung Südtirols droht, abgeleitet aus der schwierigen Wettbewerbsposition Europas, z.B. gegenüber der Konkurrenz aus China. Hinzu kommt eine schwache Wettbewerbsposition Südtirols im europäischen Fachkräftewettbewerb.

Für 2026 prognostiziert das AFI ein Wirtschaftswachstum von +0,9 Prozent für Südtirol. Die AFI-Schätzung entspricht exakt jener des WIFO (+0,9 Prozent) und liegt leicht unter jener des ASTAT (+1,1 Prozent).

Arbeitslandesrätin Magdalena Amhof erklärt: „Südtirols Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer blicken zum Jahreswechsel 25/26 mit solidem Grundoptimismus in die Zukunft. Der anhaltend positive Arbeitsmarkt, die niedrige Inflation und eine wieder anziehende Kreditdynamik geben Sicherheit. Als Land setzen wir verstärkt auf gute Arbeit, hohe Beschäftigungsfähigkeit und soziale Absicherung, um diesen Optimismus nachhaltig zu stärken.“

Bezirk: Bozen

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