„Selig, die Frieden stiften“ – ein Kommentar

4. November 2018: Licht der Zukunft anstatt Schatten der Vergangenheit

Donnerstag, 01. November 2018 | 14:23 Uhr

Bozen – Die letzte Zeit, in der nicht weniger als Allerheiligen, die hundertjährige Wiederkehr des Endes des Ersten Weltkriegs und die Landtagswahlen mit all ihren bedeutsamen politischen Auswirkungen zusammenfallen, hat es wirklich in sich. Aber die wirkliche Zäsur der Geschichte Südtirols ist der 4. November vor 100 Jahren.

Während das offizielle Italien an diesem Jahrestag der Toten des Ersten Weltkriegs gedenkt und mehr oder weniger leise einen vermeintlichen Sieg feiert, steht in Südtirol vielerorts die Erinnerung an das Auseinanderreißen des historischen Tirols im Vordergrund. So sehr sie aber auch der eigenen Sichtweise entsprechen mögen, so blenden jedoch beide Seiten das Empfinden der damaligen Bevölkerung aus.

Im Tirol des Jahres 1918 ging es fast nur mehr ums blanke Überleben. Nachdem Zehntausende von Männern – darunter auch der Urgroßvater des Schreibers dieser Zeilen – an allen Fronten des Habsburgerreichs gefallen waren, kämpften deren Witwen für ihre Kinder in erster Linie gegen den Hungertod. Hunger, Seuchen und auch der Krieg, der seit drei Jahren auch an Tirols Südgrenze tobte, forderten eine Unzahl von Toten. Die einfachen, von der Sehnsucht nach Frieden getriebenen Tiroler erlebten das Ende des Ersten Weltkriegs vor allem als Befreiung von den Schrecken der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“.

Verein zur Pflege des Soldatendfriedhofes von St. Jakob/Bozen

Die einfachen Zivilisten und Soldaten auf der anderen Seite der Schützengräben empfanden genau dasselbe. Nach drei Jahren Krieg war Italien verarmt, ausgelaugt und – passend zur heutigen Lage – hoch verschuldet. Hunderttausende Italiener hatten in einem Krieg, der gegen den Willen der Mehrheit des Landes von einigen Wenigen mutwillig losgetreten worden war, ihr Leben verloren.

Aber es war nicht vorbei. Nach der Grenzziehung am Brenner ging Südtirol über Jahrzehnte durch ein fortwährendes Stahlbad aus gewaltsamer Assimilierung, Faschismus, Option, Nationalsozialismus und dem erneuten Ende eines noch schrecklicheren Weltkrieges. Erst der Pariser Vertrag und die über mehrere Jahrzehnte hindurch erkämpfte Autonomie schufen die Grundlage für das Überleben der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler im Staate Italien.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert nach dem Inkrafttreten des Zweiten Autonomiestatuts, geht es darum für alle hier lebenden Bürger, gleich ob Deutsche, Italiener oder Ladiner, eine gedeihliche Zukunft zu schaffen. Das sehen in ihrer übergroßen Mehrheit auch die Südtiroler so. Jene, die die Zukunft in der Vergangenheit suchen, wurden am 21. Oktober vom Wähler abgestraft.

Verein zur Pflege des Soldatendfriedhofes von St. Jakob/Bozen

Hundert Jahre nach dem 4. November 2018 steht Südtirol prächtig da. Die letzten 100 Jahre, die Südtirol für immer verändert haben, haben im Herzen Europas ein einzigartiges, spannendes Land und einen heute friedlichen Begegnungsort zweier Kulturen geschaffen. Gedenken wir der Toten beider Seiten, dem Ende des Leids, betrachten wir das heutige Südtirol als Chance und bauen wir, wie es unser Bischof Muser in seinem Hirtenbrief beschreibt, Brücken für den Frieden zu den anderen Menschen im Land: „Selig, die Frieden stiften.“

Von: ka

Bezirk: Bozen

Kommentare

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12 Kommentare auf "4. November 2018: Licht der Zukunft anstatt Schatten der Vergangenheit"


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Septimus
Septimus
Superredner
12 Tage 5 h

Tja alle rufen nach Frieden…wir leben ja in Frieden,oder..?…Aber nichts desto trotz,vielleicht befinden wir uns am Vorabend eines europaweiten Bürgerkrieges…die Chancen stehen gut dafür…leider…

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
11 Tage 12 h

ja, aber nur wegen der rechtsrechten Hetzer

falschauer
falschauer
Grünschnabel
11 Tage 10 h

das sehe ich genau so und all das haben wir dem populistischem gehetze der neuen politischen riege zu verdanken

Septimus
Septimus
Superredner
11 Tage 6 h

@bon jour ..was ist mit der “Antifa”…Linksradikal…

Septimus
Septimus
Superredner
11 Tage 6 h

@falschauer…das “linke Establishment & Co” reibt sich sehr gerne an diesen “Reibeäumen”….

sakrihittn
sakrihittn
Superredner
9 Tage 19 h

@Septimus du redest gerade mit solchen Leuten, das müsstet du doch wissen.

falschauer
falschauer
Grünschnabel
9 Tage 12 h

@bon jour genauso ist es ….sie verraten sich ja selbst mit den roten 👎

falschauer
falschauer
Grünschnabel
9 Tage 10 h

@bon jour der beste beweis dafür ist, dass sich die anhänger dieser rechten front,die auf europa zukommt, hier mit ihren roten 👎selbst outen und das sind nicht wenige

Mistermah
Mistermah
Kinig
8 Tage 6 h

@falschauer und bon jour
Schuld daran ist die Politik der letzten Jahrzehnte. Jene die ihr gewählt habt. Sie haben die jetzige Situation heraufbeschworen. Sie alleine. Und jetzt wollt ihr den rechten euer totalversagen andrehen 😂 Erbärmlich. Man hatte 80 Jahre Zeit, den Reichtum gerecht zu verteilen. Was ist das Ergebnis. 5% besitzen mehr als der Rest. Man stohl den Armen all ihre Ressourcen und lässt ihre Kinder Millionen fach verhungern. Ja bravo euch. Hier seid Helden. Helden für die Elite. Soviel rote Daumen gibts gar nicht, um euch gerecht zu werden.

Gagarella
Gagarella
Universalgelehrter
12 Tage 12 h

Alle reden vom Friedlichen miteinander! Das Beste Beispiel ist der Siegesplatz, den Friedensplatz wollten sie nicht, so viel zum Frieden.

heinold
heinold
Grünschnabel
12 Tage 11 h

Süßholzgeraspel! “Selig die Frieden stiften” sagte Chamberlain. Wie es dann ausging wissen wir. Nun zur besten Autonomie der Welt: Diese hat bis dato noch keine echte Bewährungsprobe bestanden bzw. bestehen müssen und über die Werthaltigkeit von Verträgen mit Italien brauchen wir uns nicht zu unterhalten, oder? Dieses Land steht vor dem Abgrund und ist möglicherweise schon bald einen Schritt weiter. Dann hilft uns kein Bischof, sondern nur mehr der liebe Gott. 

Savonarola
Savonarola
Universalgelehrter
10 Tage 8 h

man darf aber Frieden stiften nicht mit einseitiger Verzichtspolitik verwechseln.

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