Von: APA/Reuters/dpa/sda
Nach der Brandkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana befinden sich 80 bis 100 Verletzte in kritischem Zustand. Das sagte der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer am Freitag dem französischen Radiosender RTL. Die schreckliche Bilanz von 40 Todesopfern könne sich daher noch verschlimmern. Alles deute darauf hin, dass das Feuer von Sprühkerzen ausging, die die Decke der Bar in Brand setzten, bestätigte indes die Generalstaatsanwaltschaft bisherige Vermutungen.
Von den beim Brand in Crans-Montana verletzten 119 Personen sind bisher 113 identifiziert. 71 von ihnen stammen aus der Schweiz, 14 aus Frankreich, elf aus Italien, vier aus Serbien. Aus Bosnien, Polen, Belgien, Luxemburg, Polen und Portugal stammt je eine verletzte Person. Das gab der Kommandant der Walliser Kantonspolizei, Frédéric Gisler, am Freitag in einer Pressekonferenz bekannt. Er sagte auch, es habe 40 Todesopfer gegeben. Bisher hatten die Behörden im Kanton Wallis von rund 40 Todesopfern gesprochen.
Die Identifizierung der Opfer werde noch Zeit in Anspruch nehmen, sagte der Regierungspräsident des Kantons Wallis, Mathias Reynard, gegenüber dem Schweizer Sender RTS. Die Arbeiten dauerten an. Die Leichen seien so stark verbrannt, dass es Tage dauern könnte, bis die Namen aller Opfer festgestellt würden, teilten die Behörden mit. Reynard erklärte, Experten nutzten für die Identifizierung Zahn- und DNA-Proben. Man müsse sich “100-prozentig sicher” sein, bevor man die Familien informiere. “Das erste Ziel ist es, allen Leichen Namen zuzuordnen”, sagte der Bürgermeister von Crans-Montana, Nicolas Feraud.
Spitäler unter Druck
Der Walliser Regierungspräsident Reynard sprach von einer “äußerst angespannten Lage” in den Spitälern. “Einige Personen, die eigentlich frei gehabt hätten, sind zur Arbeit gekommen, um ihre Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen”, erklärte er. Zudem gebe es Gespräche über medizinische Zusammenarbeit. Französische Spezialisten für schwere Brandverletzungen könnten in den Kanton Wallis kommen.
In der Universitätsklinik Lausanne wurden allein etwa 13 erwachsene und acht minderjährige Brandverletzte aufgenommen, “deren Körperoberfläche zu mehr als 60 Prozent verbrannt ist”, wie der Chefarzt des Spitals Morges, Wassim Raffoul, dem Sender RTS sagte. Raffoul erklärte weiter, es handle sich um sehr schwere Verletzungen, deren Behandlung sehr lange dauern werde. Hinzu könne kommen, dass die Verletzten auch Rauchgasvergiftungen, Quetschungen sowie Knochenbrüche durch das Gedränge erlitten hätten. Durch das Verbrennen von Kunststoff könnten sehr giftige Dämpfe entstanden sein.
Junge und ausländische Opfer
Die 22 Brandopfer aus Crans-Montana, die in einer Schweizer Spezialklinik in Lausanne behandelt werden, wurden inzwischen identifiziert. Das sagte die Direktorin des Universitätsklinikums Waadt (CHUV), Claire Charmet, gegenüber RTS. Viele Familien hatten in sozialen Medien verzweifelte Aufrufe gepostet, weil sie nicht wussten, ob ihre Kinder unter den Verletzten oder Toten waren. In den ersten Stunden nach dem Unglück war aber die höchste Priorität der Kliniken, das Leben der Patienten zu retten, nicht die Identifizierung. Alle 22 seien schwerstens verletzt, sagte Charmet: “Die Prognosen sind für jeden dieser Verletzten, die alle schwere Verbrennungen erlitten haben, sehr ernst.”
Nach bisherigen Erkenntnissen stammten viele der Opfer aus Frankreich und Italien. Denkbar ist, dass sie in ihre Heimat gebracht werden, um näher bei ihren Familien zu sein. Beide Länder haben selbst Spezialkliniken für Brandverletzungen. Laut Medienberichten sind viele Verletzte junge Menschen. “Es handelt sich um junge Patienten. Im Durchschnitt sind sie zwischen 16 und 26 Jahre alt”, sagte die Direktorin des Universitätsspitals Lausanne dem Nachrichtenportal “24 Heures”.
Wie das österreichische Außenministerium am Freitag auf APA-Anfrage mitteilte, gebe es weiterhin keinerlei Informationen, dass auch Österreicher unter den Toten und Verletzten sind. Ausländische Botschaften versuchen zu klären, ob ihre Staatsangehörigen von einer der schwersten Tragödien in der jüngeren Geschichte der Schweiz betroffen waren.
Verlegungen in andere Länder
Vier weitere schwer verletzte italienische Jugendliche sollten indes in das Niguarda-Krankenhaus in Mailand verlegt werden. Der erste Patient, ein 15-Jähriger aus dem Krankenhaus in Bern, wird per Hubschrauber nach Mailand gebracht, sofern es die Wetterbedingungen zulassen. Im Laufe des Nachmittags sollten – ebenfalls wetterabhängig – drei weitere 15-jährige Jugendliche folgen, zwei aus Lausanne und einer aus Genf. Damit würden bis zum Abend insgesamt sieben verletzte junge Menschen aus Crans-Montana im Niguarda-Krankenhaus behandelt, einschließlich der drei Patienten, die bereits dort aufgenommen wurden.
Weitere sechs italienische Verletzte befanden sich weiterhin in Schweizer Kliniken, vor allem in Bern und Zürich. Sie sind wegen schwerster Verbrennungen derzeit nicht transportfähig. Mehrere der zahlreichen Brandopfer aus dem Schweizer Skiort werden zudem in Deutschland behandelt. Weitere drei Verletzte wurden nach Frankreich verlegt, 14 sollten nach Polen zur Behandlung gebracht werden.
Österreich bot Hilfe an
Österreich bot der Schweiz im Rahmen der Katastrophenhilfe über das Innenministerium die medizinische Betreuung von vorerst fünf schwer verletzten Personen an. Weitere medizinische Kapazitäten würden derzeit überprüft und im Fall umgehend den zuständigen Schweizer Behörden übermittelt, teilte das Innenministerium der APA mit.
Angesichts des Ausmaßes der Tragödie war auch die Bergwacht aus dem Aostatal in Italien zu Hilfe geeilt. Daneben haben auch Schweden und Nordmazedonien ihre Hilfe angeboten. Auch die Europäische Union bot Unterstützung an. “Wir stehen mit den Schweizer Behörden in Kontakt, um über den EU-Katastrophenschutzmechanismus medizinische Hilfe für die Opfer bereitzustellen”, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf X mit.
“Flashover” als mögliche Ursache
Das Feuer war in der Silvesternacht in der Bar “Le Constellation” in Crans-Montana ausgebrochen. Medienberichte und in sozialen Medien verbreitete Aufnahmen deuteten darauf hin, dass Lärmschutzmaterial an der Decke im Keller der Bar Feuer gefangen haben könnte, als feiernde Menschen mit auf Champagnerflaschen gesteckten Wunderkerzen hantierten.
Die Kantonsregierung des Wallis schrieb in einer Mitteilung von einem “Flashover” in der Bar – ein Brandphänomen, das eine Brandschutzexpertin mit einer Art Feuerwalze verglich. Das passiert durch riesige Hitze, die brennbares Material so zersetzt, dass es bestimmte Gase bildet und dann auch ohne Flammenkontakt sekundenschnell in Brand gerät. Ohne Schutzkleidung sei das kaum zu überleben, sagte die Brandschutzsachverständige Sandra Barz dem deutschen Rundfunk ARD.
“Unsere Hauptthese ist, dass der gesamte Raum Feuer gefangen hat, und das zu einer Explosion geführt hat”, sagte die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Beatrice Pilloud. Wie viele Menschen in der Bar waren, für wie viele Besucher sie zugelassen war, ob die Notausgänge funktionierten oder die Treppe, die nach Angaben von Besuchern zu eng war, um sich schnell vor den Flammen zu retten, regelkonform war – Pilloud machte dazu auch knapp 18 Stunden nach der Tragödie noch keine Angaben. Ob Kerzen oder ein Feuerwerkskörper den Brand auslösten, wie etwa Gäste mutmaßten – man wisse es noch nicht. Sie wolle Handys auswerten, die am Unglücksort sichergestellt wurden.
Gedenken an Opfer
Am Donnerstagabend hatten sich Hunderte Menschen in der Nähe des Unglücksortes versammelt, um den Opfern die letzte Ehre zu erweisen. Vor der Bar wurden zahlreiche Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. “Man denkt, man ist hier sicher, aber das kann überall passieren”, sagte der 18-jährige Piermarco Pani, der die Bar gut kannte.
Am Neujahrsabend beteten außerdem 400 Gläubige in der Kirche von Crans-Montana in einer Messe mit dem Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, für die Opfer. Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin sprach von einer der schlimmsten Tragödien, die es in der Geschichte der Schweiz je gegeben habe. Die Flaggen am Parlament würden für fünf Tage auf halbmast gehängt.
Auch der Papst trauerte um die Opfer. Leo XIV. schließe sich der Trauer der Familien und der gesamten Schweizerischen Eidgenossenschaft an, geht aus einem Beileidstelegramm hervor, das Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Namen des Papstes an den Bischof von Sitten gerichtet hat. Der Papst möchte “den Familien der Opfer seine Anteilnahme und seine Sorge ausdrücken”, hieß es darin.




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