Hilfe für Hinterbliebene von Suizidopfern

Caritas: Trauer nach einem Suizid

Sonntag, 09. September 2018 | 09:18 Uhr

Bozen – „Trauer nach einem Verlust durch Suizid ist besonders schwer zu bewältigen“, darauf weist Agnes Innerhofer, die neue Leiterin der Caritas-Hospizbewegung, anlässlich des bevorstehenden Welttages der Suizidprävention am 10. September hin. Zwei Angebote sollen Hinterbliebenen helfen, mit ihrer Trauer und vor allem mit den quälenden Warum-Fragen besser umgehen zu können.

„Offene Fragen, Wut, Scham, Schuldgefühle sowie Schuldzuweisungen sind häufige Merkmale der Trauer bei Verlust durch Suizid. Die Trauernden quälen sich oft mit der sogenannten Warum-Frage: Warum hat er/sie es getan? Warum habe ich es nicht verhindern können? Wie konnte er/sie mir das antun?“, sagt Agnes Innerhofer.

Über das Geschehene werde vielfach nicht gesprochen, weil Hinterbliebene und Außenstehende oft nicht wissen, wie sie darüber reden sollen, was man sagen darf und was nicht. Eine häufige negative Begleiterscheinung sei außerdem eine sogenannte Stigmatisierung der Familie, die schnell mit Schuldzuweisungen einhergehe. „All diese Umstände erschweren die Trauer und führen zur Isolation der Betroffenen“, sagt Innerhofer.

Um dieses Tabu aufzubrechen und der Stigmatisierung entgegenzuwirken, nimmt die Caritas den Welttag der Suizidprävention zum Anlass, um auf die Nöte und Sorgen der betroffenen Menschen aufmerksam zu machen. „Hier sind wir als Gesellschaft gefragt. Nicht wegschauen, sondern ein offenes und ehrliches Hinschauen und Hinhören helfen den Betroffenen. Die Trauernden brauchen Menschen, die ihnen zuhören und ihnen ein Gefühl von Sicherheit geben. Dadurch können auch die schweren Trauerreaktionen wie Wut und Schuldgefühle ausgedrückt werden“, weiß Innerhofer. „Trauernde Angehörige brauchen und wünschen sich Menschen, die präsent, interessiert und aufmerksam sind. Ein Zuhören und Begleiten des Trauerprozesses sind wichtige Säulen in der Bewältigung.“

Die Caritas Hospizbewegung bietet für Trauernde nach einem Verlust durch Suizid auch eine Trauergruppenbegleitung an. Durch die Begegnung von Menschen in ähnlichen Situationen kann Vertrauen und das Gefühl des Verstanden Werdens entstehen. Dadurch fühlen sich trauernde Menschen sicher und verstanden. Diese Gruppentreffen werden durch erfahrene Trauerbegleiterinnen geleitet. Das nächste Treffen findet am Donnerstag, den 17. September 2015 in Bozen (Haus St. Michael der Caritas, Sparkassenstr. 1) von 20.00 bis 22.00 Uhr statt. Anmeldungen bei der Caritas-Hopsizbewegung sind erwünscht (Tel. 0471 304 370 oder hospiz@caritas.bz.it).

Anonym, verschwiegen und rund um die Uhr erreichbar ist unter der Grünen Nummer 840 000 481 auch die Telefonseelsorge der Caritas. Speziell ausgebildete Freiwillige stehen dort telefonisch zur Verfügung, wenn Trauernde – vielleicht auch in schlaflosen Nächten oder weil man mit niemandem in der Umgebung reden kann oder möchte – eine Aussprachemöglichkeit suchen.

Darüber hinaus hat die Caritas noch zwei spezielle Angebote für Hinterbliebene: Einmal ist dies ein Wochenende für trauernde Eltern, die ein Kind durch Suizid verabschieden mussten. Dieses dreitägige kostenlose Seminar findet vom 26. bis zum 28. Oktober in der Lichtenburg in Nals statt und zwar mit der erfahrenen Trauerbegleiterin und Juristin Freya von Stülpnagl. Das zweite Angebot ist eine Autorenlesung mit eben wieder Freya von Stülpnagl und zwar am Abend des 27. Oktober in Bibliothek von Lana (Beginn 20.00 Uhr).

Ein Wochenende für trauernde Eltern, die ein Kind durch Suizid verabschieden mussten

Organisation: Caritas Hospizbewegung
Referentin: Freya von Stülpnagel
Datum: 26.10. bis 28.10.2018
Beginn: 26.10.2018 um 17.00 Uhr
Ort: Lichtenburg in Nals

Jugendanwältin Ladstätter: „Wir müssen über Depression und Suizid reden!“

Die Themenpalette der Schwierigkeiten, die sich der Kinder- und Jugendanwaltschaft täglich darlegen, ist breit. Depression und suizidale Gedanken junger Menschen gehören dazu. Dann gilt es, schnell und kompetent zu handeln. Jugendliche melden sich, weil sie dem Druck in der Schule nicht mehr standhalten, weil sie den ständigen Streit daheim nicht mehr aushalten, weil sie gemobbt werden und die Schwere im Leben nicht mehr ertragen. „Lasst uns reden“, fordert Paula Maria Ladstätter anlässlich des Welttages der Suizidprävention auf. Sie ist dankbar für das landesweite Netzwerk zur Suizidvorbeugung, für die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Meran und ruft die Südtirolerinnen und Südtiroler auf, genau hinzuschauen: Meistens senden Menschen in suizidalen Krisen Warnzeichen aus.

Über Suizid gebe es eine Reihe von Vorurteilen, sagt Paula Maria Ladstätter. Dazu gehöre die irrtümliche Meinung, dass Menschen, die Suizid andeuten, nur Aufmerksamkeit wollten. Wer wirklich daran denke, so heißt es oft, spreche nicht darüber:
“Es gibt zwar Menschen, die sagen, dass ihre Angehörigen ohne sie besser dran seien, sagt die Kinder- und Jugendanwältin. Aber in vielen Fällen seien solche Aussagen ein Signal dafür, dass jemand Suizidgedanken in sich trage. „Diese Menschen haben auf jeden Fall Probleme, die Aufmerksamkeit verdienen“, betont Paula Maria Ladstätter.

Genauso sei es ein Irrtum, dass das Gespräch über den Suizid einen Suizid auslösen könne. Das Gegenteil ist der Fall: Suizidgedanken zu thematisieren und offen darüber zu reden, sei eines der wirkungsvollsten Mittel, um Suizid zu verhindern, unterstreicht die Kinder- und Jugendanwältin. Das wirke für alle Beteiligten entlastend. Einem Suizid gehen immer Vorzeichen voraus. Suizid könne verhindert werden. Auch schwer depressive Menschen – junge wie erwachsene – schwankten häufig zwischen dem Wunsch zu leben und zu sterben. Die meisten möchten nicht sterben, sondern nur, dass ihr Leiden aufhöre, erklärt Paula Maria Ladstätter. Der Impuls, unter allem einen Schlussstrich ziehen zu wollen, gehe vorbei. Sie hat von jungen Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben, mitgeteilt bekommen, dass sie froh seien, weiterleben zu können.

Wenn junge Menschen sich verschließen, nicht mehr reden wollen, Freundschaften aufgeben, sich zu ritzen beginnen, dann sei Gefahr in Verzug, warnt die Kinder- und Jugendanwältin. Sie hört von Hilfesuchenden, dass sie es daheim nicht mehr aushalten, dass sie dem ständigen Streit der Eltern das Leben in einer geschützten Einrichtung vorziehen, dass Schule sie krank mache, Mobbing und Übergriffigkeiten nicht mehr zu ertragen seien. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft ist dann gefordert, schnell die richtigen Schritte zu ergreifen: Sie arbeitet mit Sozialassistentinnen und -assistenten, Jugendstaatsanwaltschaft, Jugendgericht und Familienberatungen zusammen, ist mit Psychologinnen und Psychologen sowie Psychiaterinnen und Psychiatern in Kontakt. Eine gut abgestimmte Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Diensten sei das Um und Auf in solchen Fällen.

Paula Maria Ladstätter appelliert gleichzeitig an die Bevölkerung, sich der Not junger Menschen nicht zu verschließen, nicht zu glauben, dass Leute, die an Suizid denken, keine Hilfe annehmen wollten.
Allein seien sie nicht mehr imstande, nach Wegen aus der Krise zu suchen, sagt die Kinder- und Jugendanwältin. Darum denken sie in der akuten Situation, Suizid sei die einzige Lösung. Es fehle ihnen die Kraft, von sich aus mit Menschen in Kontakt zu treten, die sie unterstützen könnten. „Schauen wir hin. Reden wir mit den jungen Leuten. Fragen wir nach und haben wir keine Angst davor, schwierige Themen anzusprechen.“ Besser sei es nachzufragen, als gar nicht zu reagieren. Sie kann mit dem Vorurteil, wer sich töten wolle, müsse verrückt sein, nichts anfangen: Suizidgedanken seien eine menschliche Reaktion auf große oder lang andauernde seelische Schmerzen und auf einen hohen Leidensdruck.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft ist für Minderjährige in schwierigen Situationen da. Sie ist unter Tel. 0471 946 050 und per Mail unter info@kinder- jugendanwaltschaft-bz.org zu erreichen.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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17 Kommentare auf "Caritas: Trauer nach einem Suizid"


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peterle
peterle
Superredner
11 Tage 20 Min

Und wenn man professionelle Hilfe wie Psychiater sucht wird einem wohnortsnah welche/r zugewiesen mit dem man leider keinen Draht findet. Alles Andere muss privat bezahlt werden, was sich Manch Einer nicht leisten kann.

Albert
Albert
Grünschnabel
10 Tage 20 h

leider grausame Wahrheit!

Eppendorf
Eppendorf
Superredner
10 Tage 14 h

Du kannst dir eigentlich in ganz Südtirol einen der Sanität suchen.

Blaba
Blaba
Grünschnabel
10 Tage 12 h

@Eppendorf
Dann teile mir bitte, mit, wie das geht? Braucht’s da ein Einschreiben, Empfehlung oder sonst was? Die Psychologen und Psychiater wechseln (zumindest in letzter Zeit) relativ oft und es wird mitgeteilt, dass man sich an das Fachpersonal, das grad in dem Sprengel zuständig ist, wenden soll, auch wenn man z.B. mit dem vorhergehenden Psychologen gut gearbeitet hat… Was für eine patientennahe Betreuung ist das denn??? Wenn grad beide Fachärzte zugleich wechseln, kann das bei manchen Menschen eine Krise auslösen, wenn zwei wichtige Bezugspersonen zeitgleich von der Bildfläche verschwinden…

peterle
peterle
Superredner
10 Tage 12 h

@Eppendorf
Nein, frag nach Psychologe muss wohnornah angenommen werden. Kann sein dass sich ein weieres Manco in der Sanität aufmacht. Kein Wunder denn auch will man in der Politik zudecken welchen im wachsen ist.

Septimus
Septimus
Superredner
10 Tage 11 h

@peterle
Ich bezweifle ob Psychater und Psychologen heut zu Tage eine “professionelle” Hilfe auch anbieten…denn das Mysterium des menschlichen Geistes ist auch für jene,immer noch eine “Terra incognita”…

Eppendorf
Eppendorf
Superredner
10 Tage 3 h

@peterle
Dass in dem Bereich nicht alles in Ordnung ist, sehe ich auch so.
Trotzdem kannst du einen Termin bei einem anderen Therapeuten machen, sofern er dich nimmt.
Wobei privat meistens besser ist, auch wenn es kostet.

Sag mal
Sag mal
Universalgelehrter
10 Tage 23 h

solange nur die Sympome und nicht die Ursache angegangen Wird wirds nicht b e s s e r.Daran ist aber nichts zu verdienen.Leider Realität.Alles Korrupt.

peterle
peterle
Superredner
10 Tage 16 h

Das erkennt man dann, wenn man zur Kommission für die Invaliden kommt und dabei in 3 Minuten abgehandelt ist, obwohl Psychiater in der Komm. Sitzen aber dazu nur lächeln und wahrscheinlich an den eigenen Reibach denken.

denkbar
denkbar
Kinig
10 Tage 15 h

@Sag mal. Solange psychisch Kranke mit Ausgrenzungen rechnen müssen und Depressionen und Psychosen nicht als Krankheit verstanden werden. Wir sich nichts ändern.

Eppendorf
Eppendorf
Superredner
10 Tage 14 h

@denkbar
Werden ja als Krankheit gesehen und behandelt. Wie es die Gesellschaft sieht, hat mit dem erstmals gar nichts zu tun.

peterle
peterle
Superredner
10 Tage 12 h

@Eppendorf
Man sucht die labil Gesunden um Sie krank und abhängig machen dass der Moloch Pharmaindustrie ein weiteres Standbein hat.

Martha
Martha
Tratscher
10 Tage 21 h

Prävention ist in Südtirol ein Fremdwort!!!

Sag mal
Sag mal
Universalgelehrter
10 Tage 23 h

die Hinterbliebenen verstehen den Menschen und Sein Leid meist nicht.Überall Druck.Die soziale Ungerechtigkeit und Familienproblematik..

Reini62
Reini62
Grünschnabel
10 Tage 15 h

UNSERE Druck und Leistungsgesellschaft sollte überdacht werden! Vor allen in den Schulen! Das hällt ja bald niemand mehr aus! Vor allen die Jugend fühlt sich total überfordert und sehen keinen Sinn mehr im LEBEN! Was hilft da ein Psychater oder Psychologe!

wuestenblume
wuestenblume
Superredner
10 Tage 14 h

Nur alle 3 bis 4 monate bekommt man einen Termin beim Psychologen oder Psychiater wenn überhaupt…fas ist keine genügende Hilfe

Eppendorf
Eppendorf
Superredner
10 Tage 14 h

Privat gehen, auch wenn es kostet, ist irgendwie besser als sterben.
Das Problem ist eher, dass die Betroffenen die Krankheit nicht akzeptieren wollen.

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