Von: apa
Zwei Erdstöße haben am Mittwoch das südamerikanische Land Venezuela erschüttert. Tausende Todesopfer werden befürchtet, das Ausmaß der Zerstörung ist dramatisch. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen versucht, den Betroffenen vor Ort zu helfen. In der ersten Phase komme es auf jede Stunde an, betonte Marcus Bachmann, der als Einsatzleiter in Krisengebieten arbeitet, in einem Gespräch mit der APA. “Es gebe nur ein sehr, sehr enges Fenster für die Menschenrettung”, sagte er.
Entscheidend seien die Maßnahmen in den ersten 72 Stunden nach einer solchen Naturkatastrophe, auch “goldene Frist” der Rettung genannt. In der ersten Phase gehe es eben um die Menschenrettung, in einer zweiten Phase müssten die Grundversorgung und die Gesundheitsversorgung für die Menschen gewährleistet werden. Dazu zählen etwa die Versorgung mit sauberem Wasser, einem Obdach und Sanitäreinrichtungen. Außerdem sei die rasche medizinische Hilfe wichtig, dazu gehören laut Bachmann auch Operationen von Verletzten.
In der dritten Phase der Katastrophenhilfe müsse vor allem verhindert werden, dass Epidemien ausbrechen. “Oft ist Trinkwasser verschmutzt”, erinnert Bachmann an mögliche Folgen von Erdbeben. “Und Menschen leben dann auf engem Raum zusammen.” Da brauche es nicht nur eine gesicherte Wasserversorgung, sondern auch eine geregelte Abwasserentsorgung, so der humanitäre Berater bei Ärzte ohne Grenzen. Die vierte Phase beinhalte eine langfristige medizinische und psychologische Betreuung der Betroffenen. Denn “Erdbeben-Hilfe ist ein Marathon und kein Sprint”, weist Bachmann darauf hin, dass die Einsätze und das Leid der Menschen länger andauern würden als die Medienberichte über die Beben.
Viel Verzweiflung in Erdbebengebieten
Er selbst sei nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 im Einsatz gewesen und beim Erdbeben in der Türkei im Jahr 2023. “Man begegnet einem hohen Maß an Verzweiflung bei solchen Einsätzen”, erinnert sich der Naturwissenschafter an diese Zeit in den Krisengebieten. Für ihn seien das noch immer “sehr bedrückende Erinnerungen”, berichtete er.
In Haiti brach nur wenige Monate nach dem Erdbeben mit hunderttausenden Todesopfern eine Cholera-Epidemie aus. Viele Menschen starben an einer Sepsis, Frauen hatten Geburtskomplikationen, so Bachmann. “Man arbeitet unermüdlich, Tag und Nacht – und trotzdem hat man das Gefühl, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein”, sagte er. Trotzdem habe er auch positive Erinnerungen an seine Einsätze in den Erdbebengebieten, nämlich “Momente der Solidarität”.
“Noch kein gutes Lagebild” in Venezuela
Ärzte ohne Grenzen ist im krisengebeutelten Venezuela vor Ort und in Kontakt mit den Behörden, um rasch mit der Hilfe beginnen zu können. “Die Lage ist sehr unübersichtlich”, bedauerte Bachmann. Auch die Kommunikationsstruktur sei betroffen, der Zustand von Straßen und Brücken sei schlecht. “Wir haben noch kein gutes Lagebild”, sagte er.
In einem ersten Schritt werden Krankenhäusern Notfall-Kits zur Verfügung gestellt, damit möglichst viele Patientinnen und Patienten behandelt werden können. Laut Bachmann ist damit zu rechnen, dass Gesundheitseinrichtungen zerstört wurden und nicht benützt werden können. “Das Ausmaß der Zerstörung ist sicher dramatisch”, ist sich Bachmann sicher. Die Erdstöße in Venezuela hatten eine Stärke von 7,2 und 7,5. “Das sind sehr, sehr schwere Erdbeben”, so der Experte. “Das ist schon richtig massiv.” Das Beben in Haiti hatte im Vergleich dazu eine Stärke von 7,0.
Prägendste Erinnerungen aus den Beben-Einsätzen
Für Bachmann selbst ist eine der prägendsten Erinnerungen aus seinen Einsätzen die plötzliche Unsicherheit. In der Türkei spürte er zahlreiche Nachbeben und kann dadurch nachvollziehen, was das mit den Menschen macht. “Das, was man für selbstverständlich hält – fester Boden, festes Dach -, funktioniert auf einmal nicht mehr und das ist extrem verunsichernd”, erinnerte sich Bachmann. “Das vergessen der Körper und das Gedächtnis nicht so schnell!”
Die betroffenen Menschen würden dann in einen Überlebensmodus schalten, alles andere werde ausgeblendet. Und nach einer ersten Beruhigung komme dann die Schockphase. “Erst dann wird den Menschen die volle Tragweite bewusst”, sagte Bachmann. Erst dann komme das Realisieren, etwa dass Familienmitglieder gestorben sind oder Angehörige dauerhaft pflegebedürftig sind. “Die Schockphase ist ganz, ganz dramatisch”, berichtete Bachmann und verwies darauf, dass immer auch Psychologinnen und Psychologen im Team seien, die unterstützen und begleiten.
Nachbetreuung für Traumatisierte
In Haiti waren die Einsatzkräfte von Ärzte ohne Grenzen nach dem Erdbeben in der unmittelbaren Nachbetreuung zwei Jahre lang tätig. Fast alle Gesundheitsstrukturen in dem Inselstaat waren betroffen. “Kein einziges Krankenhaus im Epizentrum stand mehr”, so Bachmann. Die Hilfsorganisationen hätten dann Feldspitäler aufgebaut, erzählte der Experte. “Die Leute waren so traumatisiert, die wären auch gar nicht in ein festes Gebäude gegangen.”
Venezuela hat ähnlich wie Haiti seit mehr als zehn Jahren mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. “Ein großer Teil der Bevölkerung ist verarmt”, erklärte Bachmann. “Die Menschen haben ihre Ressourcen aufgebraucht, auch die staatlichen Ressourcen sind ausgezehrt.” Das Gesundheitssystem funktionierte nur sehr schlecht, bereits vor dem Erdbeben. Ein Beben sei dann natürlich “ein Krisenverstärker”, betonte Bachmann. Familien und Systeme seien komplett überfordert. “Auf die Menschen in Venezuela kommen jetzt sehr, sehr schwierige Jahre zu.”
(S E R V I C E: Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist bei ihrer Arbeit auf Spenden angewiesen. Mehr Infos dazu auf https://go.apa.at/dEXcNA9b)




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