Der Weg aus den Fängen einer Terror-Sekte

Er wollte töten und dankt jetzt den Richtern

Donnerstag, 19. Februar 2026 | 05:10 Uhr

Von: mk

Bozen – Im Februar vor einem Jahr hat ein heute 16-Jähriger aus dem Eisacktal für Schlagzeilen gesorgt: Er stand unter Verdacht, Mitglied einer neonazistischen und satanistischen Bewegung zu sein und hatte offenbar einen Terroranschlag geplant. Nun befindet sich der Jugendliche auf einen gänzlich anderen Pfad. Wegen guter Führung hat das Gericht beschlossen, das Verfahren gegen ihn vorerst aufzuheben.

Nach seiner Festnahme war der damals 15-Jährige in die Jugendhaftanstalt nach Treviso überstellt worden. Derzeit ist er in einer Jugendhaftanstalt in Süditalien untergebracht.

Die Ermittlungen hatten schon Monate vor dem Februar 2025 begonnen, als die Polizei auf verdächtige Aktivitäten in Online-Chats aufmerksam geworden war. Nach einer ersten Hausdurchsuchung sicherten die Beamten des italienischen Staatschutzes DIGOS zwei Computer, ein Smartphone sowie eine Axt. Zudem fanden sie belastendes Material, das die Zugehörigkeit des Jugendlichen zu der extremistischen, international agierenden Gruppierung belegen sollte. Dabei hatte er sich offenbar insbesondere auf der Plattform Telegram mit Gleichgesinnten ausgetauscht.

Die Internetsekte plante offenbar eine „Woche des Terrors“, in der gezielt Menschen angegriffen und die Taten gefilmt werden sollten. Das Material sollte anschließend auf einer Plattform im Darknet veröffentlicht werden. Die Polizei ging davon aus, dass der Jugendliche aktiv an der Planung eines solchen Angriffs beteiligt gewesen war. Als potenzielles Anschlagsziel wurde ein Sportgelände in der Region identifiziert. Dort sollte ein Ritualmord an einen Obdachlosen begangen werden, um die Loyalität zur Gruppe unter Beweis zu stellen.

Die internationale Gruppierung hatte den Ermittlungen zufolge schon mehrere Anschläge inklusive eines Mordes in Bozen und Umgebung geplant.

Die Ermittlungen hatten zudem ergeben, dass der Jugendliche bereits mit der Herstellung von Sprengsätzen experimentiert hatte. Ein Video, das auf seinem Smartphone gefunden wurde, zeigte ihn beim Testen eines selbst gebauten Sprengsatzes. Zudem soll er intensiv im Internet nach Informationen über Sprengstoffe gesucht und sich entsprechende Materialien beschafft haben.

Auf dem Smartphone des Jugendlichen fanden die Ermittler neben Gewaltvideos und Darstellungen von Amokläufen auch kinderpornografisches Material. Zudem stießen sie auf radikale Inhalte extremistischer Gruppen, darunter Propagandavideos der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Auffällig war auch, dass der Jugendliche intensiv nach psychologischen Aspekten von Attentätern suchte.

Kurz vor der Festnahme konnte der damals 15-Jährige noch eine letzte Nachricht in einem Telegram-Chat absetzen: „I have the fed on the door“ – zu Deutsch: „Ich habe die Polizei an der Tür.“ Die Ermittler gingen davon aus, dass er bis zuletzt in engem Kontakt mit anderen Mitgliedern der Gruppe stand.

Etwa zur selben Zeit hatte die Polizei in Großbritannien bereits ein führendes Mitglied derselben extremistischen Gruppierung festgenommen. Der Mann hatte laut den Ermittlungen versucht, ein Lager von Obdachlosen anzugreifen. Die Sextorsion-Gruppierung 764 wird auch vom amerikanischen FBI als Terrororganisation eingestuft.

Wende um 360 Grad

Nun scheint das Leben des 16-Jährigen eine Wende um 360 Grad erfahren zu haben. Der Jugendliche hat eine landwirtschaftliche Ausbildung in Angriff genommen. Im Kurs, den er belegt, ist er Klassenbester. Sein Einsatz scheint die Richter dermaßen überzeugt zu haben, dass diese das Strafverfahren gegen ihn vorübergehend aufgehoben haben. Wie italienische Medien berichten, wurde eine neue Anhörung im September anberaumt.

Bei der letzten Anhörung, die erst vor wenigen Tagen stattgefunden hat, bedankte sich der 16-Jährige selbst bei der Justiz und bei den Ordnungshütern, die ihn noch „rechtzeitig aufgehalten“ hätten.

Auch wenn die Anschuldigungen gegen den Jugendlichen weiterhin schwer wiegen, hat das Gericht festgelegt, dass der Jugendliche seinen mittlerweile eingeschlagenen Weg 18 Monate lang weiter verfolgen muss. Wichtig sei es laut den Richtern, dass er sich von seinen alten Bekanntschaften im Darkweb fernhält und er einen neuen Gemeinschaftssinn entwickle, den er zuvor noch nicht an den Tag gelegt habe.

Wie sein Verteidiger Karl Schwienbacher betont, habe der 16-Jährige mehrfach glaubwürdig erklärt, dass er seine Taten bereue. Bereits bei seinem Verhör vor dem Staatsanwalt hatte der Jugendliche damals gesagt, er sei froh, aus seiner misslichen Lage herausgeholt und verhaftet worden zu sein. Nun wolle er laut Schwienbacher seinen neu eingeschlagenen Weg weiter fortsetzen – fern von all dem Übel, das ihn bislang begleitet habe. Offenbar bestehen gute Aussichten auf eine Kurskorrektur.

Bezirk: Eisacktal

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