Von: apa
Die Sperre der Tiroler Fernpassstraße (B179), einer stark frequentierten Nord-Süd-Verbindung, wegen zweier Protestversammlungen einer Bürgerinitiative gegen das “Fernpasspaket” der ÖVP/SPÖ-Landesregierung hat am Samstag kurz vor 10.00 Uhr begonnen und wie vorgesehen um 12.00 Uhr geendet. Laut Polizeiangaben insgesamt bis zu 700 Teilnehmer versammelten sich bei Protestmärschen auf Reuttener und Imster Seite. Die Verkehrslage stellte sich entspannt dar, ein Chaos blieb aus.
Nach erfolgter Sperre setzten sich auf beiden Seiten des Fernpasses die Protestmärsche bei heißen Temperaturen in Bewegung. Die Demo-Teilnehmer machten sich in Reutte und in Imst auf den Weg, um ihren Unmut über das “Fernpasspaket” und die generelle Verkehrssituation auf der wichtigen (Transit)-Route zum Ausdruck zu bringen. Auf Reuttener Seite trafen sich etwas mehr als 300 Personen, darunter viele Junge, zuerst beim Parkplatz der Burgruine Ehrenberg, um dann gemeinsam die Bundesstraße entlang in Richtung Salzsilo zu gehen. Im Bezirk Imst starteten wiederum rund 360 Bürger bei Nassereith-Rastland Richtung Parkplatz Fernstein. Der dazwischen liegende Straßenabschnitt zwischen den “Bezirks-Standorten” umfasst 34 Kilometer und wurde für den gesamten Verkehr gesperrt.
Lautstarke Sprüche wurden auf der kleinen Wanderung zum Salzsilo in Reutte keine skandiert, die Transparente mussten für sich sprechen. Lediglich Musikuntermalung aus Lautsprechern begleitete den Zug zum Demo-Ziel, wo schließlich Reden gehalten werden sollten – zuerst von Seiten der Organisatoren, ehe dann die Teilnehmer am Wort waren. Auf den Transparenten “unterwegs” war etwa zu lesen, dass sich der “Außerferner Zwerg” nunmehr wehre. “Die Maut trennt Familie und Freunde”, hieß es weiters auf einem ebensolchen oder “Wer Tunnel sät, wird Transit ernten.” Auch wurde “schriftlich” kundgetan, dass man weder “Tunnel noch Maut” wolle, sondern sich vielmehr “Zug statt Zölle” wünsche. Unter die Demonstranten mischten sich dabei auch Landespolitiker der Opposition. Sie marschierten gemeinsam mit in Richtung Salzsilo, wo beispielsweise schon ein Plakat mit der Aufschrift “ÖVP, wollt ihr auch das Außerfern zerstören” auf die Teilnehmer “wartete”.
Maut und “Scheinheiligkeit” bei Reden im Visier
Die Reden auf dem Platz rund um das Salzsilo drehten sich schließlich ebenso um das kritisierte “Fernpasspaket” der schwarz-roten Landesregierung. Rhetorisch in die Mangel genommen wurden vor allem Verkehrslandesrat René Zumtobel (SPÖ) und Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (ÖVP). Diese werkelten mit dem Paket klammheimlich an “einer Entlastungsstrecke für den Brenner”, kritisierte Organisator Hans Dreier die Fernpass-Pläne und polterte: “Wer Maut kassiert, hat kein Interesse an weniger Verkehr.” Das Vorgehen von Schwarz-Rot sei insgesamt “scheinheilig” und “hinterfotzig”.
Auch in Nassereith ging es teils hoch her und in Sachen Transparent-Sprüchen ging man ebenfalls nicht gerade schonend mit der Landesregierung um. “Die feigen Betonierer sind heute in Innsbruck”, war etwa zu lesen. Auch eine junge Familie, inklusive Kinderwagen und Baby, ging mit den Plänen per Transparent hart ins Gericht: “Ich mach noch in die Windel, aber das Fernpasspaket stinkt mehr.”
Verkehrs-“Run” blieb aus – Land, Polizei und ÖAMTC zufrieden
In puncto Verkehr führte die Sperre am Fernpass – sowie die aus Kapazitäts- und Versorgungssicherheitsgründen ebenfalls gesperrte, enge Hahntennjochstraße (L246) – jedenfalls nicht zu gröberen Problemen oder gar einem Chaos. Weder davor noch in den ersten Stunden danach. Größere Staus waren Fehlanzeige. Sowohl auf der Fernpassroute als auch auf den potenziellen Ausweichrouten habe es “kein übermäßiges Verkehrsaufkommen” gegeben, hatte ÖAMTC-Sprecher Harald Lasser gegenüber der APA bereits am Vormittag erklärt: “Es läuft alles sehr gut.” Die Situation auf der Fernpassstraße, die normalerweise vor allem von deutschen Urlaubern stark frequentiert wird, blieb auch nach der Aufhebung sehr ruhig: “Der Run ist ausgeblieben.” Etwas mehr Verkehr als üblich verzeichnete man nach 12.00 Uhr hingegen interessanterweise auf der Seefelder Straße (B177) bei Scharnitz sowie Zirl Richtung Deutschland, so Lasser. Etwas “zähflüssiger Kolonnenverkehr” war dort zu bemerken, allerdings auch kein klassischer, kilometerlanger Megastau. Insgesamt stellten sich die Verkehrsteilnehmer bestens auf die Situation ein. Man habe aber eigentlich auch kein größeres Verkehrschaos erwartet, schließlich handle es sich um kein klassisches Reisewochenende, betonte der ÖAMTC-Sprecher.
Auch Land und Polizei – zahlreiche Exekutivbeamte aus den Bezirken Reutte und Imst standen im Einsatz – zogen in einer Aussendung zufrieden Bilanz. Das Behördenkonzept habe sich bewährt, die Sperre sei geordnet verlaufen. “Das Verkehrsaufkommen war auf beiden Seiten sehr gering”, unterstrich der Reuttener Bezirkspolizeikommandant Michael Eder. Die Straßenaufsichtsorgane des Landes waren indes zur Kontrolle der Fahrverbote für den Ausweichverkehr auf dem niederrangigen Straßennetz an Ort und Stelle, die im Sommer jedes Wochenende von 7.00 bis 19.00 Uhr gelten. Diese würden auch in den kommenden Stunden weiterhin streng kontrolliert, um Ausweichverkehr zu verhindern, hieß es am Nachmittag.
Das Land Tirol hatte im Vorfeld an Reisende appelliert, aufgrund der zweistündigen Sperre die Fernpassroute am Samstag generell zu meiden bzw. diese großräumig zu umfahren. Zwischen den beiden Straßensperren bei Reutte bzw. Nassereith konnte die B179 indes ohne Einschränkungen genutzt werden. Eine An- und Abreise aus der Region Zwischentoren war außerdem über die Ehrwalder Straße (B187) oder die Berwang-Namloser Straße (L21) möglich. Auch der ÖAMTC hatte im Verlauf der Woche dazu geraten, nötige Fahrten zu verlegen. Eine Umfahrung sei nur sehr großräumig über Rosenheim (A93), über die bei Kufstein über die Tiroler Inntalautobahn (A12) führende Brennerroute oder alternativ über den Achenpass (B181) möglich.
Zuletzt hatte es in Tirol am 30. Mai über den Großteil des Tages verteilt eine Totalsperre der Brennerautobahn (A13) bzw. des Brennerkorridors aufgrund einer Demo gegeben. Von der Dimension her – was die Dauer der Sperre, die damit einhergehenden Maßnahmen sowie die Auswirkungen auf den Reise- und Güterverkehr betrifft – galt die vergleichsweise kurze Fernpass-Sperre aber als damit nicht vergleichbar. Zumal für den Fernpass eben auch mehrere weiträumige Ausweichalternativen bestehen. Auch im Zuge der Brenner-Demo blieb jedenfalls das befürchtete Verkehrschaos aus.
“Fernpasspaket” als Dauerbrenner, Land betont Wichtigkeit des Projekts
Seit Jahrzehnten leiden die Menschen in den Bezirken Reutte und Imst unter dem überbordenden (Transit)-Verkehr auf der für den Durchreise- und Urlauberverkehr wichtigen Fernpassroute. Über 20.000 Fahrzeuge werden an einem durchschnittlichen Samstag auf dem auf 1.216 Meter Seehöhe gelegenen Alpenpass gezählt. Ende Jänner 2024 stellte die ÖVP/SPÖ Landesregierung die Pläne für das “Fernpasspaket” vor. Durch dieses soll der Bezirk Reutte bzw. das Außerfern besser an den Tiroler Zentralraum angebunden werden. Zudem soll die Verkehrssicherheit auf der viel befahrenen Strecke erhöht und für einen flüssigeren Verkehr gesorgt werden. Das Projekt mit einer Investitionssumme von 500 Millionen Euro und einem Haftungsrahmen von 600 Millionen Euro umfasst unter anderem den neuen Fernpassscheiteltunnel, eine zweite Röhre beim Lermooser Tunnel und ein neues Mautsystem samt Stationen und Lärmschutzmaßnahmen.
Seit Verkündung des Projekts laufen Bürgerinitiativen dagegen Sturm, ist der Unmut in der Region teils groß. Die Kritiker sehen ein “Fernpass-Beschleunigungspaket”, das noch mehr Verkehr zur Folge haben werde. Man lehne “jeden weiteren Ausbau von Straßen- und Transitkapazitäten am Fernpass ab – insbesondere den geplanten Scheiteltunnel – sowie jede Form von Mautbelastungen, die die regionale Bevölkerung und Wirtschaft unverhältnismäßig treffen würden, ohne den Transitverkehr wirksam zu steuern”, wurde in der “Fernpasserklärung” verlautet. Es brauche einen sofortigen Baustopp. Verlangt wird unter anderem eine Reduktion des Schwerverkehrs auf maximal 250.000 Fahrten pro Jahr, eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene durch Ausbau und Attraktivierung der Außerfernbahn als “nachhaltige Alternative” und dadurch einen Schutz von Gesundheit und Lebensraum der Anrainer.
Das Land hatte indes im Vorfeld in einer Stellungnahme gegenüber der APA einmal mehr die Wichtigkeit des Pakets betont. Man wolle die Strecke sicherer und verlässlicher machen, “ohne den Fernpass auszubauen.” Der Fernpass werde auch künftig eine alpine Passstraße sein, auf der ein 7,5-Tonnen-Fahrverbot für Lkw gelte. Viele von der Bürgerinitiative geforderten Maßnahmen würden durch das “Fernpasspaket” umgesetzt. Bei der Demonstration werde das Land jedenfalls “nicht vertreten sein.”




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