Angebote für die Zeit nach dem stationären Aufenthalt fehlen

Psychiatrie-Patienten werden oft zur falschen Zeit entlassen

Mittwoch, 11. März 2026 | 12:20 Uhr

Von: apa

In Österreich wird ein Drittel der Patientinnen bzw. Patienten von psychiatrischen Krankenhäusern und Abteilungen zur falschen Zeit entlassen. Das stellte sich bei einem Prüfschwerpunkt der Volksanwaltschaft heraus, die das Entlassungsmanagement geprüft hat. Die Betroffenen müssten etwa länger als notwendig im Spital bleiben, weil Angebote für die Betreuung danach, etwa spezialisierte Wohngruppen, fehlen. Dafür wurden 56 psychiatrische Abteilungen unangemeldet besucht.

Der Grund für den Schwerpunkt war, dass “sehr oft festgestellt” worden sei, dass Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Spitälern “sehr häufig” für kurze, stationäre Behandlungen erscheinen, dann wieder entlassen werden, aber innerhalb relativ kurzer Zeit wieder aufgenommen werden, sagte Volksanwalt Bernhard Achitz (SPÖ) bei der Präsentation der Ergebnisse am Mittwoch. “Das nennt man eine sogenannte Drehtürpsychiatrie. Da haben wir gesagt, da muss etwas falsch laufen”, so der Volksanwalt.

56 Stationen unangemeldet besucht

Die Volksanwaltschaft und die Fachleute in ihren Kommissionen haben daher 2024 und 2025 bundesweit 56 stationäre psychiatrische Abteilungen besucht – 13 Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine Abteilung für Transitionspsychiatrie (Übergang von Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie, Anm.), 36 Abteilungen für Erwachsenenpsychiatrie und sechs Abteilungen für Gerontopsychiatrie (für ältere Menschen, Anm.). Die Erhebungskriterien wurden gemeinsam mit dem Menschenrechtsbeirat und dem Institut für empirische Sozialforschung (IFES) entwickelt. Das Personal bzw. die Leitungsteams wurden dabei nach klarer und effizienter Gestaltung der Dokumentations- und Informationsflüsse und die Patientinnen und Patienten nach ihrer Zufriedenheit befragt.

Dabei zeigte sich, dass ein von drei Patienten zum falschen Zeitpunkt entlassen wird. Rund 18 Prozent verlassen das Spital später als medizinisch indiziert, rund 13 Prozent früher. Rund 69 Prozent werden aus fachärztlicher Sicht zum angemessenen Zeitpunkt entlassen.

Kein richtiges Betreuungsangebot im niedergelassenen Bereich

Werden Betroffene zu früh entlassen, könnten sie schon bald wieder in einem Krankenhaus aufgenommen werden. Verspätete Entlassungen bedeuten neben Belastungen für die Patientinnen und Patienten auch erhöhte Kosten, aber auch längere Wartezeiten für andere, die den Spitalsplatz dringend brauchen würden. Der Grund für die spätere Entlassung ist meist, dass woanders keine geeignete Betreuungsoption verfügbar ist. “Es gibt im niedergelassenen Bereich einfach nicht das richtige Betreuungsangebot”, prangert Achitz an. Es fehle an Fachärztinnen und -ärzten, Psychotherapie und Spezialeinrichtungen für den Übergang von der Akutversorgung in die bisherigen Lebenswelten Betroffener, vor allem im ländlichen Bereich. Es bleibt oft nur der Weg zum Wahlarzt, was sich aber viele Betroffene nicht leisten können. Das sei ein “unangenehmer Kreislauf”, den es zu durchbrechen gelte, sagte Achitz.

So ist die Versorgungslage in der Kinder- und Jugendpsychiatrie seit Jahren prekär. Aufgrund von Personalmangel mussten etwa in der Abteilung in der Klinik Hietzing Betten gesperrt werden. Im Burgenland gab es überhaupt keine eigene Station für Kinder und Jugendliche. Eine gravierende Versorgungslücke herrscht auch bei der Behandlung von Menschen mit Essstörungen wie Magersucht, vor allem für – meist weibliche – Erwachsene, zeigte Psychologe und Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk auf. Was auch fehlt, sind Pflegeheimplätze für chronisch psychisch erkrankte ältere Patienten sowie Plätze in Rehabilitationskliniken. Besonders prekär sei die Situation auch von wohnungs- bzw. obdachlosen Psychiatriepatientinnen und -patienten. “Wir brauchen eine Versorgungsforschung, die die Bedürfnisse chronisch psychisch Kranker berücksichtigt. Und die sich am aktuellen Wissensstand der Soziologie, der Psychiatrie und der Psychotherapie orientiert”, so Achitz.

Überlegungen zur Entlassung bereits bei der Aufnahme notwendig

Das Entlassungsmanagement würde schon bei der Aufnahme beginnen, ist die Volksanwaltschaft überzeugt. Denn beim Prüfschwerpunkt war aufgefallen, dass nur bei 55 Prozent der besuchten Abteilungen ein schriftliches Konzept zum Entlassungsmanagement vorliegt. Bei rund 84 Prozent der Patientinnen und Patienten kommt aber ein strukturiertes Entlassungsmanagement zur Anwendung. Allerdings würden Entlassungsmanagerinnen und -manager überwiegend fehlen. In 80 Prozent der Abteilungen gab es zudem keinen Peer Support, also Menschen, die diese Krankheit schon einmal erlebt haben und als Erfahrungsexperten agieren könnten.

Als Erfolgsmodell wurde von den Experten das Home-Treatment gesehen, also eine wohnortnahe, bedarfs- und bedürfnisgerechte Nachversorgung durch multiprofessionelle Teams im häuslichen Umfeld der Patientinnen und Patienten. Diese Angebote gebe es jedoch nur in Wien, und in einzelnen Kliniken in Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark und Tirol. “Wir wollen nicht anprangern, wir wollten unterstützen”, betonte Achatz. “Die Beschäftigten tun ihr Bestes und hoffen selbst, dass sich die Rahmenbedingungen verbessern.”

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