Mehr als 1.400 Tote und noch Zehntausende Vermisste

Rettungskräfte kämpfen in Venezuela weiterhin gegen die Zeit

Montag, 29. Juni 2026 | 15:09 Uhr

Von: APA/dpa

Auch am fünften Tag nach den verheerenden Erdbeben mit mehr als 1.400 Toten in Venezuela geben die Rettungskräfte nicht auf. Die ganze Nacht hindurch suchten Einsatzkräfte aus dem Inland und zahlreichen anderen Staaten unter eingestürzten Gebäuden nach Zehntausenden Menschen, die noch unter den Trümmern vermutet werden. “Falls es noch Überlebende unter den Trümmern geben sollte, zählt für sie jetzt jede Sekunde”, sagte Simone Walter von der Organisation Help am Montag.

“Aus unserer Erfahrung von früheren Erdbeben wissen wir, dass nur circa zehn Prozent aller Vermissten noch lebend geborgen werden können, die Zeit rennt also.” Erschwert werden die Sucharbeiten durch zahlreiche Nachbeben. Montagfrüh erschütterte nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS ein Beben der Stärke 4,6 vor der Küste Venezuelas die Region.

Rettungen geben Hoffnung

In manchen Fällen seien Menschen zwar unter eingestürzten Gebäuden eingeschlossen, hätten aber keine Verletzungen davongetragen, sagte die Leiterin eines Einsatzteams aus Kolumbien dem venezolanischen Staatsfernsehen in der Nacht. In diesen Fällen gebe es Hoffnung. Klar sei aber auch, dass jede Stunde ohne Wasser und Essen die Chancen auf Rettung verringere.

Immer wieder werden aber noch Menschen lebendig aus den Trümmern gezogen – am Wochenende etwa eine 60-Jährige in Caraballeda in La Guaira, die nach Angaben von El Salvadors Präsident Nayib Bukele nach 86 Stunden gefunden wurde. Sie habe zwischen zwei Wänden festgesteckt und mit einem Stück Metall gegen die Steine geklopft, um die Rettungsteams auf sich aufmerksam zu machen, berichtete die Frau dem US-Sender CNN. Dann sei sie durch ein kleines Loch ins Freie gezogen worden. In der Nacht auf Montag sei ein Mann sogar noch nach 106 Stunden lebend gefunden worden, schrieb Venezuelas geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez auf der Plattform X.

Tausende noch vermisst

Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer nach den Beben der Stärken 7,2 und 7,5 bisher bei 1.450, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, am Sonntag mitteilte. Rund 3.200 Menschen sind demnach verletzt worden.

Laut einer inoffiziellen Plattform für die Suche nach Vermissten gelten derzeit mehr als 46.000 Menschen als vermisst – nachdem mehr als 80.000 Vermisstenmeldungen eingegangen waren. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Menschen suchen auch nach den Namen ihrer Angehörigen auf Listen von Überlebenden, die sich etwa in Notunterkünften befinden.

EU schickt Nothilfe und Experten

Ein elfköpfiges Expertenteam mit Beteiligung aus Österreich und dem Koordinierungszentrum für Notfallmaßnahmen der Kommission (ERCC) ist am Wochenende laut Angaben der EU-Kommission in Venezuela eingetroffen, um vor Ort zu unterstützen. Die EU gibt zudem fünf Millionen Euro an humanitärer Hilfe für die am stärksten vom Erdbeben betroffenen Gemeinden aus. Das Geld dient der Bereitstellung von Unterkünften und medizinischer Versorgung für die Katastrophenopfer.

Eine von der EU organisierte humanitäre Luftbrücke soll lebenswichtige Hilfsgüter in die betroffenen Gebiete transportieren. Ein Flug mit rund 50 Tonnen Notunterkünften, Wasser- und Sanitäranlagen sowie Lehrmaterialien soll Anfang dieser Woche von Kopenhagen aus starten. Darüber hinaus wurde der EU-Satellitendienst Copernicus im Notfallkartierungsmodus aktiviert. Dieser ermöglicht die Erfassung hochauflösender Bilder von Krisengebieten und wandelt Rohdaten in praktische Karten für Rettungsteams, NGOs und Katastrophenschutzbehörden um.

Kinder besonders betroffen

Während die Sucharbeiten andauern, harren zahlreiche Menschen in Notunterkünften oder unter freiem Himmel aus. “Wir sehen überall Familien auf der Straße – Familien, die alles verloren haben und nicht in die Trümmer ihrer Häuser zurückkehren können”, sagte Fatima Andraca, Länderdirektorin von Save the Children in Venezuela, in einer Mitteilung.

Die Strom- und Wasserversorgung, Telekommunikation und Transportwege seien in der Katastrophenregion nach wie vor stark beeinträchtigt. Die ohnehin schlecht ausgestatteten Krankenhäuser seien überlastet und die Schulen in den betroffenen Gebieten geschlossen. Besonders Kinder benötigten langfristige Unterstützung, um mit den Folgen der Katastrophe zurechtzukommen, hieß es.

Venezuela seit Jahren in der Krise

Venezuela befand sich vor den Erdbeben ohnehin schon in einer schwierigen Lage. Seit Jahren leidet das Land unter politischen Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der größten Migrationskrisen der Welt. Im Jänner führte Washington einen Militäreinsatz im Land durch, bei dem der autoritäre Machthaber Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. Die geschäftsführende Präsidentin Rodríguez war Vizepräsidentin in der Maduro-Regierung.

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