Von: APA/dpa
Die Zahl der Opfer ist vier Tage nach dem schweren Zugsunglück in Spanien auf 45 gestiegen. In den Trümmern wurden am Donnerstag an der Unglücksstellenahe der Ortschaft Adamuz in der andalusischen Provinz Córdoba zwei weitere Leichen geborgen, es handelte sich um zwei erwachsene Männer. Der andalusische Regionalpräsident Juanma Moreno erklärte anschließend vor Journalisten: “Es gibt glücklicherweise keine Vermissten mehr.” Die Suche nach Toten werde offiziell abgeschlossen.
Unter den 43 bisher identifizierten Todesopfern gebe es nach jetziger Erkenntnis insgesamt drei Ausländer. “Eine Frau aus Deutschland, eine aus Russland und eine aus Marokko”, sagte der Sprecher der Polizeieinheit Guardia Civil. Die Autopsie und die offizielle Identifizierung der beiden letzten Leichen am Gerichtsmedizinischen Institut in der Provinzhauptstadt Córdoba stand allerdings noch an.
Bei dem Zusammenstoß von zwei Hochgeschwindigkeitszügen waren auch Dutzende Menschen zum Teil schwer verletzt worden. Die Verletztenzahl wurde zuletzt offiziell mit 123 angegeben. 31 liegen noch im Krankenhaus, und sechs von ihnen würden noch auf Intensivstationen behandelt, teilte der andalusische Notdienst auf X mit. Aber kein Verletzter schwebt demnach in Lebensgefahr.
Unglücksursache steht noch nicht fest
Die Identifizierung der Opfer gestaltete sich schwierig. Die Behörden hatten Familien deshalb unter anderem um DNA-Proben gebeten, um das Verfahren zu beschleunigen. Namen der 43 bisher identifizierten Opfer wurden bisher nicht veröffentlicht. Die Familien sollten erst benachrichtigt werden. Am Donnerstag wurden unterdessen in Spanien erste Opfer zu Grabe getragen.
Es war eines der schwersten Zugsunglücke in der Geschichte des Landes. Die Ursache ist noch unklar. Nach jüngsten Angaben wird ein Gleisschaden oder ein Fehler an einem der Züge als Auslöser der Katastrophe nicht ausgeschlossen. Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska schloss Sabotage aus.
Bei der Untersuchung von Zügen, die die Unfallstelle zuvor passiert hatten, wurden auffällige Beschädigungen festgestellt, wie Medien unter Berufung auf die Ermittler berichteten. Verkehrsminister Óscar Puente bestätigte diese Informationen, betonte allerdings, noch sei völlig unklar, ob dieser und andere von den Medien erwähnten Aspekte überhaupt mit dem Unfall in Zusammenhang stünden. Verfrühte Spekulationen seien unter anderem respektlos gegenüber den Opfern und deren Angehörigen.
Vermisster Hund vier Tage nach Unglück wieder aufgetaucht
Vier Tage nach dem verheerenden Zugsunglück bewegte eine “Familienzusammenführung” der besonderen Art viele Menschen in Spanien. Ein Hund, der mit seinem Frauchen in einem der beiden Unglückszüge unterwegs war und seit dem Unfall als vermisst galt, wurde nach tagelanger Suche, die sehr viele in Atem gehalten hatte, wohlauf gefunden. “Boro”, eine Mischung aus Schnauzer und spanischem Wasserhund, sei am Donnerstag nahe der Unfallstelle in Adamuz in der Provinz Córdoba aufgegriffen worden, teilte die Tierschutzpartei Pacma mit.
Der Hund habe sich “inzwischen wieder mit seiner Familie vereint”, hieß es in der Mitteilung. Auf Videos ist zu sehen, wie Ana García den Hund glücklich umarmt, streichelt und küsst. Die 26-Jährige war mit ihrer schwangeren Schwester Raquel (32), der Besitzerin des Hundes, und deren Partner im Hochgeschwindigkeitszug von Málaga nach Madrid unterwegs, der am Sonntag entgleiste, in das benachbarte Gleis geriet und einen entgegenkommenden Zug aus der Strecke warf.
Anas Schwester Raquel liegt noch auf der Intensivstation des Krankenhauses Reina Sofía in Córdoba, schwebt aber nicht in Lebensgefahr. Nach Angaben von Ana García hatte sie sich beim Zusammenstoß unter anderem am Kopf schwer verletzt, als sie wohl versucht habe, ihren Hund zu schützen. Nach dem Aufprall sei sie bewusstlos unter den Trümmern liegen geblieben.
Tagelange Suche nach Vierbeiner
Das Schicksal von “Boro” hatte in Spanien große Anteilnahme ausgelöst. Das Tier war fast vier Tage lang im Mittelgebirge der Sierra Morena bei nächtlichen Minustemperaturen und zum Teil starkem Regen verloren. “An der Suche beteiligten sich Einsatzkräfte verschiedener Sicherheitsbehörden sowie Vertreter von Tierschutzorganisationen und der Tierschutzpartei Pacma. Zudem halfen freiwillige Helfer, die teils sogar aus anderen Regionen Spaniens angereist waren”, berichtete der Fernsehsender RTVE. Es war Ana selbst, die am Montag – mit noch deutlich sichtbaren Verletzungen aus dem Unglück – vor laufenden Kameras verzweifelt um Hilfe bei der Suche nach dem Hund gebeten hatte. Am Donnerstag zeigte sie sich nun erneut in den Medien: sichtlich bewegt, lächelnd, “Boro” im Arm. Dem Hund gehe es gut, sagte sie. Um sie herum herrschte viel Freude bei Helfern und Journalisten.
Sogar die spanische Regierung reagierte. Auch wenn “die Menschen das Wichtigste” seien, spielten auch Tiere eine “wertvolle Rolle” im Alltag einer Familie, schrieb Verkehrsminister Puente auf X. Pacma postete unterdessen: “Die Tragödie des Unfalls endet mit einem kleinen Lichtblick.”
Bahnverkehr in Katalonien weiter lahmgelegt
Nur zwei Tage nach dem Unglück von Adamuz war Spanien am Dienstagabend von einem zweiten tödlichen Unfall erschüttert worden. Ein Nahverkehrszug wurde im katalanischen Gelida westlich von Barcelona von einer Stützmauer getroffen, die während eines heftigen Sturmes auf die Gleise gestürzt war. Einer der Lokführer, ein 28-Jähriger, der noch in der Ausbildung war, kam dabei ums Leben. Dutzende Passagiere wurden verletzt, fünf davon schwer.
Am Donnerstag löste dann die Nachricht über einen weiteren Bahnunfall zunächst große Sorge aus. “Schon wieder?”, hieß es in Cafés und in einigen Medien. Eine kleine Einwagen-S-Bahn fuhr in Alumbres in der Region Murcia im Osten des Landes gegen einen Kran. Doch schnell kam Entwarnung: Es gebe nur sechs Leichtverletzte, der Wagen sei kaum beschädigt worden, hieß es.
Lokführer wollen landesweit streiken
Der Betrieb in Katalonien war vom spanischen Schienennetzbetreiber Adif am Mittwoch vorläufig ausgesetzt worden, um die durch das Unwetter beschädigte Infrastruktur zu prüfen. Am Donnerstag sollte er bereits um 6.00 Uhr wiederaufgenommen werden. Doch dazu kam es nicht. Die Lokführer der Region forderten Sicherheitsgarantien, so die spanische Bahngesellschaft Renfe, die die Züge von “Rodalyes de Catalunya” betreibt. Am Nachmittag gaben dann beide Seiten bekannt, man komme einer Einigung nahe.
Obwohl Ersatzbusse zur Verfügung gestellt wurden, herrschte in Katalonien Chaos, wie Medien berichteten. Es gebe lange Staus auf den Straßen und lange Schlangen in den Bahnhöfen, hieß es. Die Lokführer seien verunsichert, räumte Verkehrsminister Puente ein.
Die Lokführer-Gewerkschaft kündigte einen landesweiten dreitägigen Streik an. Sie fordert, dass “die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Netzes gewährleistet werden”. Die “Häufung tödlicher Unfälle” habe “unter den Lokführern eine starke emotionale Belastung ausgelöst”. Der Ausstand soll vom 9. bis 11. Februar stattfinden. Wegen der gesetzlich vorgeschriebenen sogenannten “Mindestdienste” haben Streiks im öffentlichen Verkehr in dem Land allerdings vergleichsweise geringe Konsequenzen für die Passagiere.




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