Runder Tisch mit Zeitzeugen im Gemeinschaftszentrum Maria Heim

Wenn Erinnerungen Geschichte schreiben

Samstag, 09. Mai 2026 | 08:43 Uhr

Von: AP

Bozen – Am 7. Mai 2026 trafen im Rahmen der Ausstellung West-Side-History, kuratiert von Anna Bernardo (Stiftung Bozner Schlösser), im Gemeinschaftszentrum Maria Heim Zeitzeug:innen aus zwei unterschiedlichen Lebenswelten aufeinander: landwirtschaftliche Familien, die auf ihren Höfen lebten, sowie städtische Arbeiterfamilien in den neu entstandenen Mehrfamilienhäusern. Beide Perspektiven standen im Raum; unterschiedlich, aber gleichermaßen berechtigt. Erzählt wurden mitreißende Geschichten über ein Nebeneinander, manchmal auch ein Miteinander der deutsch- und italienischsprachigen Bevölkerung eines Gebietes, das einst zum Kataster Gries gehörte und später zu einem der am dichtesten besiedelten Stadtteile Bozens wurde: das Viertel Europa-Mariaheim, auch Neugries genannt.

Markus Mattivi, Obmann der Genossenschaft Mariaheim, stellte die sechs Zeitzeug:innen im Alter zwischen 80 und 102 Jahren vor, die eindrucksvoll die Entwicklung des Viertels von ihrer Kindheit vor der Errichtung des Rione Littorio bis hin zum Bau der ersten Wohnblöcke entlang der oberen Europaallee schilderten. Die Gespräche sowie die Moderation von Tanja Cassitti (Stiftung Bozner Schlösser) fanden sowohl in deutscher als auch in italienischer Sprache statt und brachten persönliche Erinnerungen, emotionale Erfahrungen, aber auch gegenseitige Missverständnisse und gesellschaftliche Spannungen ans Licht.

Mehr als 80 Besucher:innen nahmen aktiv an dem Abend teil, der von großer Emotionalität, spontanen Erzählungen und intensivem Austausch geprägt war. Besonders eindrucksvoll waren die Erinnerungen von Christiane und Kurt Lintner vom Schickmoarhof sowie von Cornelia und Josef Andergassen, dessen Haus für den Bau der Palermostraße nach einem langjährigen Rechtsstreit mit der Gemeinde im Jahr 1984 enteignet und mit nur drei Tagen Vorwarnung niedergerissen wurde. Ebenso bewegend war der Beitrag von Karl Dibiasi, dessen Schwarzerhof bis heute verborgen zwischen Wohnhäusern in der Drusus- und Palermostraße erhalten geblieben ist. Er erinnerte an den gemeinsamen Einsatz der Bauern gegen die Emissionen der neu entstandenen Industriezone, welche nicht nur den Weinbau massiv beeinträchtigten, sondern auch die Gesundheit der Bewohner und letztlich dazu führten, dass die großen Konzerne Filtersysteme in den Fabriken installieren musste.

Großen Eindruck hinterließ auch die Erzählung von Alfio Di Vincenzo, der in den 1950er Jahren nach Bozen kam und berichtete, dass die ersten Häuser entlang der Europaallee noch bis in die 1970er Jahre weder über einen Gasanschluss noch über ein funktionierendes Abwassersystem verfügten. Auch die Erinnerungen von Arrigo Lutterotti an seine Kindheit in der Turinstraße zeichneten ein vielschichtiges Bild jener Zeit zwischen unbeschwerten Momenten und den Entbehrungen der Nachkriegsjahre.

Besonders eindringlich waren die Schilderungen der Kriegsjahre und der gemeinsame Appell der Zeitzeug:innen, den Frieden zu bewahren. Dieser Aufruf wurde vom Publikum mit langanhaltendem Applaus aufgenommen.

Die Veranstaltung entwickelte sich zu einem bedeutenden Moment gelebter Oral History und bot Anlass zur Reflexion über die kulturellen und sozialen Entwicklungen eines Stadtviertels, das lange Zeit als Randgebiet wahrgenommen wurde und heute einen wesentlichen Teil der Geschichte Südtirols darstellt. im Bild zu sehen v.l.n.r. – Josi Andergassen, Christiane Lintner, Kurt Lintner, Arrigo Luterotti, Karl Dibiasi, Alfio Di Vincenzo und Tanja Cassitti (Moderation).

Für alle Interessierten it die Ausstellung WEST SIDE HISTORY im Gemeinschaftszentrum Maria Heim in Bozen, Neustifterweg 5 noch bis zum 31. Mai 2026 geöffnet und zwar, jeweils am Donnerstag und Freitag von 16.00 bis 19.00 Uhr und am Samstag und Sonntag von 9.00 bis 12.00 Uhr.

Bezirk: Bozen

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