Von: APA/sda/Reuters/dpa
Die Ursache für den verheerenden Brand im Schweizer Skiort Crans-Montana wird klarer: Laut Staatsanwaltschaft deutet alles darauf hin, dass das Feuer von Wunderkerzen ausging, die auf Champagnerflaschen angebracht waren und zu nahe an die Decke kamen. So habe sich das Feuer sehr schnell ausgebreitet, sagte Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud am Freitag. Die Zahl der Toten lag weiterhin bei 40, die der Verletzten stieg auf 119, darunter bis zu 100 in kritischem Zustand.
Die Hypothese zur Brandursache sei wahrscheinlich, aber noch nicht bestätigt. Zur raschen Ausbreitung des Feuers könnte Akustikschaumstoff an der Decke beigetragen haben. Man untersuche dessen Verwendung, es gebe aber noch keine Gewissheit, fügte Pilloud hinzu. Vor Ort habe man Spuren gesichert. Zudem hätten die Ermittler Videoaufnahmen erhalten und analysiert, sowie mehrere Personen befragt – darunter die beiden französischen Barbetreiber, hieß es auf der Pressekonferenz am Nachmittag.
“Der Schaum ist geschmolzen”
Ein 17-jähriger Genfer, der sich zum Zeitpunkt der Katastrophe im Untergeschoss befunden hatte, schilderte der Nachrichtenagentur Keystone-SDA seine Eindrücke. Der Jugendliche feierte mit vier Freunden im Alter von 15 bis 17 Jahren. Von seinen Freunden sind zwei unverletzt und zwei weitere in kritischem Zustand. Er selbst erlitt Verbrennungen zweiten Grades an Hand, Rücken, Kopf und Gesicht. Seine Aussage deckt sich mit anderen: Eine Servicemitarbeiterin, die sich auf den Schultern einer anderen Person befand, soll demnach versehentlich die Decke mit einer Champagnerflasche entzündet haben, die mit den Bengal- oder Wunderkerzen bzw. Tischfeuerwerk dekoriert war.
“Zu Beginn sahen wir Feuer, dachten aber, jemand würde es löschen. Der schalldämpfende Schaumstoff an der Decke fing Feuer, schmolz, und die Flammen breiteten sich aus”, sagte der 17-Jährige. “Ich musste eine Runde um die Bar machen, um dem Feuer zu entkommen. Zuerst bin ich im Schritttempo gegangen, aber die Menschenmenge verstopfte die Treppe. Ein Feuer- und Hitzeball erfüllte den Raum, als ich mich auf der Treppe befand.”
“Als ich draußen war, versuchte ich, den Leuten in der Bar zu helfen, aber es war schwierig”, berichtete der Teenager weiter. Viele Verletzte und Überlebende flüchteten in eine Bar gegenüber. “Vor der Bar lagen draußen Körper auf dem Boden. In dem Moment, als ich hinauskam, waren die Rettungskräfte, zumindest die Polizei, bereits vor Ort.”
Strafrechtliche Verfolgung offen
Der weitere Verlauf der Untersuchung werde sich insbesondere mit den Umbauten, den verwendeten Materialien, den Betriebsgenehmigungen sowie mit den Sicherheitsvorkehrungen befassen. “Damit sind gemeint: die vorhandenen Löschmittel, Fluchtwege, die Einhaltung der Brandschutzvorschriften und die allgemeinen Mittel zur Brandbekämpfung”, sagte Generalstaatsanwältin Pilloud.
Auch werde ermittelt, wie viele Personen tatsächlich anwesend waren und wie viele es laut Genehmigung hätten sein dürfen. Weiter würden die Einrichtung des Lokals, die Evakuierungswege und der allgemeine Zugang untersucht. Es gebe die Möglichkeit einer strafrechtlichen Verfolgung, sagte Pilloud weiter. Wenn es um die Verantwortung von noch lebenden Personen gehe, könnte eine strafrechtliche Untersuchung wegen fahrlässiger Brandstiftung, fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet werden.
113 Verletzte identifiziert
Von den 119 Verletzten waren am Freitagnachmittag 113 identifiziert, wie der Walliser Polizeikommandant Frédéric Gisler bekannt gab. 71 von ihnen stammen aus der Schweiz, 14 aus Frankreich, elf aus Italien, vier aus Serbien. Aus Bosnien, Polen, Belgien, Luxemburg und Portugal stammt je eine verletzte Person. In den übrigen Fällen ist die Nationalität noch nicht bekannt. Wie das österreichische Außenministerium am späten Freitagnachmittag auf APA-Anfrage mitteilte, gibt es weiterhin keinerlei Informationen, dass auch Österreicher unter den Toten und Verletzten sind.
Die Behörden gehen weiterhin von 40 Todesopfern aus, wie Gisler sagte. Zuvor hatte Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer darauf hingewiesen, dass viele der Verletzten nach wie vor in den Spitälern um ihr Leben kämpften. 80 bis 100 befanden sich demnach noch in kritischem Zustand. Die schreckliche Bilanz von 40 Todesopfern könnte sich daher noch verschlimmern, sagte Ganzer. Menschen mit Verbrennungen dritten Grades auf etwa 15 Prozent der Körperoberfläche hätten ein erhöhtes Risiko, in den Stunden und Tagen nach dem Unfall zu sterben.
Verlegungen ins Ausland
Etwa 50 Schwerstverletzte wurden zur Behandlung in spezialisierte Verbrennungszentren im Ausland verlegt, darunter in Polen, Deutschland, Frankreich und Italien. Österreich bot der Schweiz im Rahmen der Katastrophenhilfe über das Innenministerium die medizinische Betreuung von vorerst fünf schwer verletzten Personen an. Weitere medizinische Kapazitäten würden derzeit überprüft und im Fall umgehend den zuständigen Schweizer Behörden übermittelt, teilte das Innenministerium der APA mit.
Daneben haben auch Schweden und Nordmazedonien ihre Hilfe angeboten. Auch die Europäische Union bot Unterstützung an. “Wir stehen mit den Schweizer Behörden in Kontakt, um über den EU-Katastrophenschutzmechanismus medizinische Hilfe für die Opfer bereitzustellen”, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf X mit.
Spezialeinheit am Werk
Die Identifikation der Verstorbenen laufe weiterhin auf Hochtouren, sagte Polizeikommandant Gisler. Ziel sei es, möglichst schnell Klarheit zu schaffen. Zu diesem Zweck stehe eine 30-köpfige Spezialeinheit zur Identifizierung von Katastrophenopfern im Einsatz, ein sogenanntes DVI-Team (Disaster Victim Identification), sagte Kripo-Chef Pierre-Antoine Lengen. Diese Einheit sei nach der Tsunami-Katastrophe 2004 in Asien aufgebaut worden. Sie sei unter anderem zusammengestellt aus spezialisierten wissenschaftlichen Ermittlern der Polizei, Rechtsmedizinern und Zahnärzten.
Die Spezialeinheit arbeite nach internationalen Standards. Bei der Opferidentifizierung dürften sich die Behörden keine Fehler erlauben, betonte Lengen. Im Übrigen könne die Walliser Polizei auf die Unterstützung aus anderen Kantonen, der Bundesbehörden sowie weitere Partner im In- und Ausland zählen. Als einer der ersten Toten wurde der 16-jährige italienische Nachwuchsgolfer Emanuele Galeppini identifiziert.




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