Ein Hausbewohner berichtet vom „schwierigen Zusammenleben” mit den Morettis – VIDEO

„Der Notausgang? Der war immer verschlossen“

Dienstag, 27. Januar 2026 | 07:12 Uhr

Von: ka

Crans-Montana/Sion – Nach der Freilassung gegen Bezahlung einer Kaution von 200.000 Franken – umgerechnet rund 215.000 Euro – von Jacques Moretti durch die Walliser Justiz herrscht in Italien helle Empörung. Der Gerichtsentscheid vom Freitag stelle eine schwere Beleidigung und einen weiteren Schmerz für die Familien der Opfer dar, hieß es in einer Mitteilung der italienischen Regierung vom Samstag.

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Unterdessen werden Einzelheiten über das „schwierige Zusammenleben” mit den Morettis bekannt. Ein Italiener, der im fünften Stock des Gebäudes über dem Le Constellation in Crans-Montana wohnt, berichtet dem Corriere della Sera von den ständigen Ärgernissen mit den Eigentümern des Lokals und den Plänen Jacques Morettis, das Le Constellation zu vergrößern. „Am Ende hat er es gegen Schall isolieren lassen, aber die Platten wurden ohne Techniker montiert. Der Notausgang? Der war immer verschlossen!”, berichtet der ältere Zweitwohnungseigentümer von der Leichtfertigkeit von Jacques Moretti und seiner Frau Jessica Maric Moretti.

Die Eigentümer des in der Silvesternacht niedergebrannten Le Constellation in Crans-Montana, Jacques und Jessica Moretti, wollten das Lokal weiter ausbauen und gegen Schall isolieren. Dies berichtet der Eigentümer einer Wohnung im selben Gebäude in Crans-Montana im fünften Stock.

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„Kurz vor Weihnachten erhielt ich eine E-Mail von der Hausverwaltung. Die Morettis wollten das Le Constellation vergrößern, um eine Schalldämmung herzustellen. Ich war perplex“, so Fabio Cappelletti in einem Interview mit der Mailänder Corriere della Sera. Niemand habe sich eine Tragödie solchen Ausmaßes vorstellen können. Cappelletti berichtet jedoch, dass es seit der Übernahme des Lokals durch die Morettis immer wieder Probleme gegeben habe.

„Mein Vater kaufte die Wohnung im Jahr 1970, und jahrzehntelang war es ein ruhiger Ort, denn im Erdgeschoss war lediglich eine Teestube untergebracht. Dann kamen andere Betreiber und schließlich die Morettis. Von da an änderte sich alles. Es herrschte fast ständig Lärm. Laute Musik spielte bis 2.00 Uhr morgens, Dosen lagen herum und der Zigarettenrauch stieg in die oberen Stockwerke auf. Wir haben viele Beschwerden eingereicht, aber nichts hat sich getan.“

Die einzige Verbesserung betraf die Schalldämmung der Räumlichkeiten. Diese wurde wahrscheinlich erst nach den Protesten der verärgerten Nachbarn durchgeführt, die sich für strengere Kontrollen der Ausschweifungen innerhalb und in der näheren Umgebung des Lokals stark gemacht hatten.

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Im Nachhinein gab es jedoch bereits eine Reihe von Anzeichen für die mögliche Tragödie. Cappelletti, der sowohl als Antiquitätenhändler als auch als Architekt gearbeitet hat, gestand, dass er „sprachlos“ gewesen sei, als er erfuhr, dass Moretti die schallabsorbierenden Platten, die er eigens zur Schalldämmung des Lokals gekauft hatte, ohne die Hilfe von Fachleuten selbst an der Decke angebracht hatte. „Bestimmte Dinge kann man nicht improvisieren”, bemerkt der in Crans-Montana wohnhafte Italiener.

Was den Notausgang des Lokals angeht, der laut den Aufnahmen der Überwachungskameras in der Nacht des Brandes verschlossen war, fügt Cappelletti hinzu: „Ich erinnere mich, dass er immer verschlossen war.“ Er selbst kann erst jetzt über das Erlebte sprechen, da er in den Stunden und Tagen nach der Tragödie, bei der 40 junge Menschen ihr Leben verloren, buchstäblich unter Schock stand.

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Als sich am frühen Neujahrsmorgen gegen 1.30 Uhr im Lokal Flammen ausbreiteten, „schliefen meine Frau und ich“, erzählt der ältere Mann. „Ein lauter Knall weckte uns. Es klang wie eine Explosion, wie die eines Erdgasboilers. Unmittelbar danach folgte ein Pfeifen, das mir noch immer in den Ohren klingt.“ Als er die Tür zur Wohnung im fünften Stock öffnete, wurde er von einer Rauchsäule überwältigt. „Ich konnte nichts mehr sehen, die Stromversorgung war ausgefallen.“

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Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis ihnen klar wurde, dass die Lage auch für sie sehr gefährlich war. „Der Rauch war wie eine undurchdringliche schwarze Mauer. Die Treppen waren eine Falle, der Aufzug war blockiert. Ich rannte zu meiner Frau und wir flohen auf den Balkon.“ Von dort oben sah das Paar Szenen, „wie aus einem Horrorfilm”. „Verbrannte Jugendliche, Schreie, unkenntliche Körperteile. Das bleibt dir in den Augen, im Kopf und im Fleisch haften“, fährt Cappelletti fort.

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Dann kamen die Rettungskräfte und wiesen den beiden italienischen Bewohnern den Fluchtweg. „Sie sagten uns, wir sollten von einem Balkon zum nächsten klettern, bis wir das gesamte Gebäude umrundet hätten. Im fünften Stock, im Dunkeln, mit dem gähnenden Abgrund unter uns, hätten wir beide mit unseren 70 Jahren dabei leicht abstürzen können. Aber das Adrenalin treibt dich voran, auch wenn du zitterst. Erst später wird dir alles bewusst. Als ich unten ankam – ich war schwarz wie ein Schornsteinfeger – brach ich angesichts dieser Szenen in Tränen aus. Wir blieben bis 7.00 Uhr dort, hilflos. Zwei Tage lang habe ich weder geschlafen noch gegessen”, beschreibt der 70-Jährige diese schrecklichen Stunden, die ihn nie wieder loslassen werden.

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Es ist zwar fast einen Monat her, doch die Bestürzung und der Schmerz sind geblieben. „Eine enorme Traurigkeit und Wut machen sich breit. 40 junge Menschen dürfen nicht einfach so sterben. Ich denke an die Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Ich selbst stehe immer noch unter Schock.“

Die Ermittlungen zur Verantwortlichkeit für diese schreckliche Tragödie stehen noch am Anfang. In den letzten Tagen hat die Freilassung von Jacques Moretti gegen Kaution in Erwartung des Prozesses für Unmut gesorgt – angefangen bei den Familien der Opfer. „Ich weiß, dass sich die Schweizer Gesetze von unseren unterscheiden, und ich respektiere sie”, kommentiert Cappelletti. Er sieht sich jedoch durch die Tatsache beruhigt, dass die Staatsanwaltschaft in Rom ein weiteres paralleles Verfahren eröffnet hat.

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„Alle Verantwortlichen müssen ohne Ausnahme verurteilt werden”, fordert der ältere Wohnungseigentümer. Und wenn dies nicht geschieht? „In diesem Fall könnte ich einen Appell an die Italiener richten, die Häuser in Crans besitzen: Lasst uns wegziehen!“, betont Cappelletti. „Ich könnte nicht in einem Land bleiben, das nach dieser Tragödie keine echte Gerechtigkeit walten lässt!“

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