Immer mehr Italiener möchten fernab von Chaos und Konsumwahn leben

Die “Neobäuerlichen” werden immer zahlreicher

Dienstag, 07. April 2026 | 08:05 Uhr

Von: ka

Rom – Durch die „Waldfamilie von Palmoli“, Catherine Birmingham und Nathan Trevallion, die um das Sorgerecht ihrer drei Kinder kämpfen, wurde die italienische Öffentlichkeit auf die sogenannten „Neobäuerlichen“ aufmerksam. Dabei handelt es sich um Menschen, die die Städte verlassen haben, um ein einfaches, selbstbestimmtes Leben zu führen. Und sie werden immer zahlreicher. Nach der Pandemie haben fast 100.000 Menschen beschlossen, die urbanen Gebiete zu verlassen und aufs Land oder in die Berge zu ziehen. Sie sind weder Einsiedler noch ausschließlich Bauern, sondern ein „Volk mit neuen Lebensformen“, das sich entschieden hat, mit Chaos und Konsumwahn zu brechen. Nicht alle halten diese Umstellung jedoch durch.

Facebook/RIVE Rete Italiana Villaggi Ecologici

Catherine Birmingham, Nathan Trevallion und ihre drei Kinder haben sich für ein Leben in Abgeschiedenheit in einem Bauernhaus in Palmoli in den Abruzzen entschieden. Vor einigen Monaten gerieten sie ins Rampenlicht der Medien, als das Jugendgericht beschloss, ihnen die Kinder wegzunehmen. Die Geschichte der „Waldfamilie“ hat die Aufmerksamkeit wieder auf die Welt der „Neobäuerlichen“ gelenkt, also jener Menschen, die sich dafür entscheiden, fernab von Städten und oft auch fernab von grundlegenden Dienstleistungen zu leben. Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, die von einem gemeinsamen Ziel inspiriert sind: sich ein alternatives Leben aufzubauen. Im Folgenden erzählen einige „Neobäuerliche“ von ihren Utopien und ihren gegen den Strom schwimmenden Lebensentscheidungen.

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Sonia hat Europäische Sprachen und Literaturen an der Universität Bologna studiert. Ein Leben auf Reisen – doch nach langem Umherziehen hat sie ihren Platz gefunden: mitten auf dem Land, umgeben von Wäldern. Der perfekte Ort, um sich auf ihre Arbeit, das Schreiben, zu konzentrieren. Seit einigen Jahren lebt sie in engem Kontakt mit der Natur, zwischen Rehen, Bäumen, Eichhörnchen, Heidelbeeren und Holz, das sie im Winter zum Heizen des Ofens verwendet. „Ich habe eine lange Zeit in der Wüste verbracht, dann im Wald, jetzt lebe ich auf dem Land. Seit mindestens 30 Jahren wähle ich authentische, idyllische, oft wilde Orte“, erzählt sie auf ihren Social-Media-Profilen. Eine Schätzung darüber, wie viele Menschen heute wie Sonia leben, ist sehr schwierig. Es handelt sich um Einzelpersonen, aber auch um ganze Gemeinschaften, die oft umziehen. Einige Gemeinschaften lösen sich auf, während andere entstehen.

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Laut ISTAT machten die Einwohner der italienischen Gemeinden mit bis zu 5.000 Einwohnern im Jahr 2024 16,4 Prozent der Bevölkerung aus. In den kleinen bis mittelgroßen Gemeinden mit 5.000 bis 50.000 Einwohnern lebte im selben Jahr etwa die Hälfte der Italiener.

Insbesondere die Berggebiete von den Alpen bis zum Apennin verzeichneten zwischen 2019 und 2023 einen deutlichen Anstieg um fast 100.000 Einwohner, wie aus dem Bericht „Montagne Italia 2025” hervorgeht. Dieser wurde vom Verband der Berggemeinden und -Gemeinschaften Uncem im Rahmen des Projekts ITALIAE erstellt. „65.000 davon sind Italiener, der Rest sind Ausländer”, erklärte Uncem-Präsident Marco Bussone dem Corriere della Sera.

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„Sicherlich hat die Pandemie die Entscheidungen von Einzelpersonen und Familien beeinflusst und immer mehr Menschen in die Berge getrieben.“ Doch das ist nicht der einzige Grund, warum immer mehr Menschen Ruhe dem Chaos vorziehen. „Es gibt viele junge Menschen, die wieder in die bäuerliche Wirtschaft einsteigen. Aber es gibt auch diejenigen, die der globalen Erwärmung entfliehen wollen, die in den Großstädten immer offensichtlicher und unerträglicher wird – so wie ich es getan habe“, sagt der Klimatologe und Wissenschaftsvermittler Luca Mercalli.

Facebook/Luca Mercalli

Er ist vor achteinhalb Jahren in ein 1.600 Meter hoch gelegenes Dorf im Piemont gezogen. „Hier fühle ich mich wohl und lebe unbeschwert, umgeben von Natur und anderen Familien. Wir bauen für den Eigenbedarf an und teilen uns die Ernte. Insbesondere produzieren wir Weizen, aus dem wir Mehl herstellen. In dieser Saison widmen wir uns aber auch Kartoffeln und anderen Knollen- und Gemüsesorten. Mein Engagement gilt vor allem der Verringerung meines ökologischen Fußabdrucks: 90 Prozent meines Bedarfs kann ich mit erneuerbaren Energien selbst decken. Dank der Photovoltaikmodule habe ich Licht im Haus, nur bei fünf oder sechs Tagen schlechtem Wetter greife ich auf das Stromnetz zurück. Durch die Nutzung von Solar- und Photovoltaikenergie sowie eines effizienten Ofens im Winter spare ich bis zu 90 Prozent der Energiekosten.

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Der Klimatologe berichtet von einem wesentlichen Unterschied zwischen den Menschen, die heute im Hochgebirge leben, und den Menschen der Vergangenheit: „Früher wurden die Menschen hier oben geboren, führten ein Leben voller Entbehrungen und blieben ihr ganzes Leben lang in der Region. Heute ist es genau umgekehrt: Hierher kommen vor allem diejenigen, denen es wirtschaftlich gut geht und die der Stadt entfliehen möchten. Früher wollte man aus den Bergen in die Großstadt fliehen, heute ist es genau umgekehrt.“

Eine neue Ära bricht an, die eine Trendwende mit sich bringt: Berggegenden, die durch Glasfaser vernetzt sind. „Die Technologie hat uns einen Vorsprung verschafft”, sagt Luca Mercalli. „Die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, ist ein großer Vorteil. Sie ermöglicht es, in großer Höhe zu leben, ohne von der Welt abgeschnitten zu sein. All dies ist machbar, weil es auch in Höhenlagen hervorragende Verbindungen für die Telearbeit gibt.“

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Es gibt jedoch auch eine Kehrseite der Medaille. „Manchmal kommt es vor, dass sich eine Art ‚grüne Elite‘ bildet, die sich bewusst isoliert. Wir sprechen hier von Menschen, die vielleicht ihren Arbeitsplatz verloren haben, aber auch von solchen, die wissen, dass sie ein Talent haben und dieses anderen zur Verfügung stellen wollen. Oft handelt es sich um gut situierte Hochschulabsolventen, die die Welt bereist haben“, erklärt Mariella Nocenzi, Soziologin und Professorin an der Universität Lumsa in Rom. Es ist kein Zufall, dass die Toskana, gefolgt von der Emilia-Romagna und dem Piemont, an erster Stelle der Regionen steht, die für die Entstehung sogenannter „Ökodörfer“ am beliebtesten sind, wie auf der Website von RIVE (Rete Italiana Villaggi Ecologici) zu lesen ist. „Es handelt sich um Regionen, die ein gutes Maß an Wohlfahrt und sozialer Absicherung bieten“, sagt die Professorin.

UNCEM

In einer Mitteilung, die der RIVE-Vorstand dem Corriere geschickt hat, heißt es, dass in Italien etwa dreißig Gemeinschaften in ihrem Netzwerk registriert sind. „In unserem Verein gibt es Lebensgemeinschaften, die sich zusammengeschlossen haben und sich mit den Werten Zusammenarbeit, ökologische Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, partizipative Demokratie, Solidarität, Gewaltfreiheit, Aufnahme und Integration identifizieren. Werte wie Würde, Freiheit, Authentizität, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Vertrauen stützen und leiten das tägliche Handeln“, so RIVE.

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Dabei unterscheiden sich die Lebensweisen von Fall zu Fall stark voneinander. „In manchen Fällen sind sie essenziell und minimalistisch, in anderen entscheidet man sich dafür, gewisse Annehmlichkeiten beizubehalten. Doch alle legen Wert auf Nachhaltigkeit und basieren auf bewussten Entscheidungen, die die Umweltbelastung verringern und die Artenvielfalt bewahren“, erklärt RIVE. Das Ziel ist es, so zu leben, dass alles Überflüssige und alles, was zur Welt des Konsums gehört, auf ein Minimum reduziert wird. Man setzt auf erneuerbare Energien und baut eigene Lebensmittel an.

Nicht alle halten diese Umstellung jedoch durch. „Aus einigen Untersuchungen geht hervor, dass sich manche nach zwei bis drei Jahren an Orten fernab vom städtischen Trubel für eine Rückkehr zum früheren Leben entscheiden“, erklärt Professorin Nocenzi. „Aber das Rad zurückzudrehen ist nicht einfach. Es handelt sich um eine Entscheidung, die zu Verhaltens- und Beziehungsmustern zwingt, die von vielen, die diesen Lebensstil praktizieren, als nicht konstruktiv für den Menschen angesehen werden. Wenn sie also in die Gesellschaft zurückkehren, laufen sie Gefahr, noch isolierter und ausgegrenzter zu leben als in der Natur.“

UNCEM

Dieses idyllische Leben, das unseren Wurzeln so nahe ist, ist einerseits sehr reizvoll. Andererseits fehlen jedoch angemessene Infrastrukturen und Dienstleistungen. „Heutzutage sind manche städtischen Gebiete zu Orten geworden, an denen es schwerfällt, neue Chancen zu ergreifen. Oft sind es junge Familien mit Kindern, die in die Berge ziehen und Dienstleistungen nachfragen, die in manchen Gegenden nur schwer zu finden sind, zum Beispiel Schulbildung und Gesundheitsversorgung. Wir arbeiten daran, die Lebensqualität in dieser Hinsicht auch in sehr abgelegenen Gebieten zu verbessern, denn Berggemeinden sind heute keine Inseln mehr, sondern eng mit den Städten verbunden“, so Uncem-Präsident Bussone.

Die Frage ist: Sind die „Neobäuerlichen“ nur eine vorübergehende Modeerscheinung? Oder ist es wirklich ein Trend zurück zur Natur? Und ist der Spagat zwischen modernem Leben samt seinem Komfort und „einfacher Erdverbundenheit“ überhaupt zu schaffen?

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