Von: ka
Comano Terme – In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ereignete sich in Comano Terme in den Judikarien im Trentino ein wahres Schafsgemetzel.
Ein Rudel von sechs Wölfen drang in die umzäunte Weide in Dorfnähe ein, auf der sich 83 Schafe des Schafhaltungsbetriebs „La filiera della lana“ befanden. Innerhalb kürzester Zeit töteten die Wölfe fast 60 Schafe. Schließlich tauchte auch noch ein Bär auf, um einen Kadaver zu fressen. Sandro Malesardi und seine Frau hatten sich der Zucht des Villnösser Schafs zur Wollgewinnung und dem Aufbau einer Wollverarbeitungskette zur Herstellung von Garn verschrieben. Nun haben sie Angst um die Zukunft ihres Betriebs. „Ich fürchte, ich muss alles schließen“, fasst Sandro Malesardi seine Zukunftssorgen in Worte.

Es war eine Nacht, die Jahre der Arbeit zunichte machte – vielleicht sogar den Traum eines jungen Paares, sich durch Schafzucht eine Zukunft aufzubauen. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch übersprang ein Wolfsrudel, bestehend aus sechs Tieren, den Zaun der Schafsweide des landwirtschaftlichen Betriebs „Filiera della lana“ von Sandro Malesardi und seiner Frau Lorenza Orlandi in Comano Terme im Trentino.
Was folgte, war ein regelrechtes Gemetzel: Die Wölfe griffen die Schafe an und töteten sie durch Bisse in die Kehle. Von den insgesamt 83 Tieren blieben nur 16 Lämmer, die Kleinsten, sieben Mutterschafe und zwei Widder am Leben. 59 Schafe überlebten den Angriff des Rudels nicht. Als ob das noch nicht genug wäre, tauchte nach dem Angriff der Wölfe auch noch ein Bär auf, der eindeutige Spuren hinterließ und eines der bereits getöteten Schafe fraß.

Wie Beamte des Amtes für Forstwirtschaft der Autonomen Provinz Trient am Tag nach dem nächtlichen Schafsgemetzel feststellten, war der Elektrozaun, der die Schafsherde vor Raubtierangriffen schützen sollte, nicht unter Strom gesetzt. „Die Weide war mit von der Autonomen Provinz Trient finanzierten Schutzvorrichtungen ausgestattet. Diese bestanden aus einem festen Zaun mit Holzpfosten auf einer Länge von etwa 1.000 Metern, der mit einem Elektrozaungerät versehen war. Bei der Besichtigung durch Mitarbeiter der Forstbehörde des Trentino wurde jedoch festgestellt, dass in der elektrifizierten Leitung kein Strom floss, sodass das System nicht funktionierte“, erklärte die Landesverwaltung.

Für Sandro Malesardi und seine Frau Lorenza war es eine albtraumhafte Nacht. „Gerettet haben sich diejenigen, die nicht weggelaufen sind, die die wilde Jagdlust der Wölfe nicht auf sich gezogen haben: die ältesten Schafe und die kleinsten Lämmer“, erzählt Sandro. Aber einige sind trotzdem verletzt, und ich weiß nicht, ob sie überleben werden.“
Was hier passiert ist, wird von Wildtierexperten als „Overkilling“ bezeichnet. Dabei töten Raubtiere weit über das Stillen ihres Hungers hinaus. Dieses Verhalten lässt sich bei vielen Raubtierarten wie Wölfen, Füchsen, Bären, Katzen oder Orcas beobachten, wenn die Beute eingesperrt ist oder in großer Zahl vorhanden ist, auch wenn dies nicht die Regel ist. Es handelt sich dabei um eine instinktive Reaktion auf eine günstige Jagdgelegenheit.

Entgegen dem, was vereinfachende Darstellungen suggerieren, war das Verhalten der Wölfe von Comano weder grausam noch sinnlos. „In der Natur wählt ein Rudel normalerweise nur das schwächste Individuum als Beute aus, weil es krank, alt oder zu jung ist“, erklärt Ivana Sandri, Verhaltensforscherin bei der Tierschutzorganisation Enpa in Rovereto, gegenüber La Zampa. „Das liegt daran, dass die Jagd einen hohen Energieaufwand bedeutet und Raubtiere es sich nicht leisten können, diese Energie zu verschwenden, indem sie mehr Tiere als nötig verfolgen.“

Dieses Bild ändert sich jedoch radikal, wenn eine künstliche Situation vorliegt, wie etwa bei einer Herde, die in einem stromlosen Gehege eingesperrt ist. Die Schafe haben aufgrund ihrer Domestizierung einen Großteil ihres Verhaltens zur Abwehr von Raubtieren verloren. Sie zerstreuen sich nicht effektiv, erkennen die Gefahr nicht rechtzeitig und können vor allem nicht fliehen. Die kollektive Unruhe – Rennen, Ansammlungen, chaotische Fluchtversuche – wirkt auf Raubtiere wie ein starker Reiz. „Unter diesen Umständen verfällt das Rudel in eine Art opportunistischen Modus: Angesichts zahlreicher leicht zugänglicher Beutetiere, die nicht fliehen können, wird der Jagdinstinkt immer wieder ausgelöst“, fügt die Verhaltensforscherin hinzu.

„Entscheidend für die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen sind die Stromversorgung und die Kontinuität des Stroms in den Elektrozaungeräten sowie die regelmäßige Überprüfung des Zustands der Zäune. Der angemessene Schutz von Nutztieren ist die konkreteste Form des Schutzes – nicht nur für die Tiere selbst, sondern auch für Wildtiere. Funktionsfähige Elektrozäune, Wachhunde und eine korrekte Viehhaltung reduzieren das Risiko von Angriffen drastisch. Wenn solche Systeme versagen, entsteht eine ‚unnatürliche‘ Situation, die das Risiko von Overkilling-Vorfällen erhöht“, so Ivana Sandri abschließend.

Laut Sandro Malesardi sind diese Maßnahmen in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen. „Wir halten die Schafe in vier weitläufigen Gehegen mit jeweils 2,5 Hektar Fläche. Diese Größe hat sich in der Vergangenheit als überlebenswichtig für die Schafe erwiesen. Tatsächlich hatten wir in den vergangenen Jahren bereits Besuch von großen Raubtieren. Da sich die Schafe auf einem großen Gebiet verteilen konnten, waren die Verluste gering. Je länger ein Zaun ist, desto schwieriger ist es natürlich, eine konstante Stromzufuhr zu gewährleisten. Schon wenn ein Ast den Draht berührt, wird der Strom in den Boden abgeleitet. Bei Regen und Wind steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Strom ausfällt. Abgesehen davon überspringen Wölfe problemlos zwei Meter hohe Zäune, doch unser Zaun darf nur eine Höhe von höchstens eineinhalb Metern haben. Die umzäunten Weiden befinden sich etwas außerhalb des Dorfes in steilen Gebieten, die nur zum Weiden geeignet sind. Die Schafe halten gerade die Gebiete sauber, die im Begriff sind, aufgegeben zu werden. „Würden die Schafe hingegen ‚in Sicherheit‘ im Stall oder in kleinen, besonders geschützten Räumen gehalten, wäre das Projekt zur Pflege des aufgegebenen Gebiets sinnlos“, schildert Sandro Malesardi auf seiner Facebook-Seite die schwierigen Bedingungen, unter denen er und seine Frau die Schafe halten müssen.

Nach dem Verlust von mehr als der Hälfte ihrer Schafe stehen Sandro Malesardi und seine Frau Lorenza vor den Trümmern ihrer Existenz. Vor zehn Jahren haben beide ihre Berufe – Sandro arbeitete als Informatiker und Lorenza als Musiklehrerin – aufgegeben, um sich in der ländlichen Umgebung von Comano Terme in Judikarien der Zucht des Villnösser Schafs zur Wollgewinnung und dem Aufbau einer Wollverarbeitungskette zur Herstellung von Garn zu widmen. Nun haben sie Angst um die Zukunft ihres Betriebs. „Ich fürchte, ich muss alles schließen“, bringt Sandro Malesardi seine Zukunftssorgen auf den Punkt.










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