Von: ka
Bologna/Rom – Ein Fragebogen für eine Stelle in der Verwaltung, der tief in das Leben der Bewerberinnen und Bewerber eindringt und dessen Fragen wenig bis nichts mit den fachlichen Anforderungen an die Kandidatinnen und Kandidaten zu tun haben, empört die italienische Arbeitswelt.
Unter anderem werden Fragen zu Bankguthaben, Kinderwunsch und vermeintlichem Verfolgungswahn gestellt. Die Stiftung, die die Stellen im Verwaltungsbereich ausgeschrieben hat und den Fragebogen erstellt hat, verteidigt sich: „Wir wollen nur sicherstellen, dass die Mitarbeiter glücklich sind.“ Der Fall landet jedoch beim italienischen Datenschutzbeauftragten Garante della Privacy.

Ein junger Mann, der die Stellenanzeige auf der Website von Profilcultura gefunden hatte und sich für eine Stelle in der Verwaltung beworben hatte, traute seinen Augen kaum, als ihm unmittelbar nach dem Absenden seines Lebenslaufs ein Fragebogen mit sehr persönlichen Fragen per E-Mail zugestellt wurde.
„Möchten Sie zwei Kinder haben (oder weniger), auch wenn Ihre Gesundheit und Ihr Einkommen Ihnen mehr erlauben würden?”, „Denken Sie oft, dass andere Sie beobachten oder hinter Ihrem Rücken über Sie reden?”, „Wie viele Monate würden Ihre persönlichen Finanzen ausreichen, wenn Sie für einen bestimmten Zeitraum kein Gehalt erhalten würden?” „Würden Sie ein zehnjähriges Kind streng bestrafen, wenn es sich weigert, Ihnen zu gehorchen?” „Haben Sie Phasen der Traurigkeit und Depression ohne ersichtlichen Grund?” „Besitzen Sie ein Eigenheim (auch wenn es mit einer Hypothek belastet ist)?“ Dies sind nur einige der Fragen, die die Fondazione Entroterre, eine im soziokulturellen Bereich tätige Einrichtung des Dritten Sektors, ihren Bewerbern in einem „freiwilligen, aber dringend empfohlenen“ Online-Fragebogen mit einer Dauer von 30 bis 40 Minuten stellt.

Zutiefst beunruhigt und schockiert wandte der Bewerber sich an das Online-Medium Open, um den unglaublichen Vorfall öffentlich bekannt zu machen. „Am meisten überrascht hat mich, dass ich einen solchen Fragebogen bei einer Stiftung gefunden habe, die im kulturellen und sozialen Bereich tätig ist. Abgesehen von der Fragwürdigkeit und Rechtmäßigkeit der Fragen macht dies angesichts der Werte dieser Einrichtung überhaupt keinen Sinn“, gestand er Open.
Wie der junge Stelleninteressent Open erklärte, war der Fragebogen „vorbereitend für jedes Vorstellungsgespräch, freiwillig, aber dringend empfohlen“. Laut dem jungen Mann hätte das Ausfüllen des Fragebogens einen Vorteil gegenüber den anderen Kandidaten im Auswahlverfahren dargestellt, was jedoch von der Stiftung selbst gegenüber Open dementiert wurde. Das Frageformular erinnert in seinem Aufbau an einige diagnostische Persönlichkeitstests wie das berühmte „Minnesota Multiphasic Personality Inventory“ (MMPI), das normalerweise in der Psychiatrie oder bei Auswahlverfahren von Bewerbern für Militär- und Sicherheitsbehörden verwendet wird. Die Fragen des Formulars sind höchst zweifelhaft, was ihre Rechtmäßigkeit und Angemessenheit betrifft.

So werden Fragen zur psychophysischen Gesundheit, zur Finanzplanung sowie zu ethischen und moralischen Themen gestellt, die sehr persönliche Bereiche betreffen. Unter den Fragen finden sich beispielsweise Zweifel am Kinderwunsch in Abhängigkeit vom Einkommen, spezifische Fragen zu „Traumgefühlen” oder chronischer Unzufriedenheit sowie Fragen zu Verfolgungswahnvorstellungen. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass weniger der fachliche und berufliche Hintergrund bewertet als vielmehr ein psychologisches Profil erstellt werden soll. Dies wirft nicht nur rechtliche, sondern auch ethische Fragen auf.
Der junge Mann erzählte Open, dass er eine E-Mail erhalten habe, in der der Fragebogen als Instrument zur Bewertung der Übereinstimmung mit dem Profil vorgestellt wurde. „Als ich ihn öffnete, stellte ich fest, dass die Fragen nichts mit den fachlichen Anforderungen für die Verwaltungsstelle oder meinen bisherigen beruflichen Erfahrungen zu tun hatten.“
Daraufhin beschloss er, die Stiftung anzurufen, um seine Verärgerung und Verwirrung zum Ausdruck zu bringen. Man teilte ihm mit, dass es sich um ein Formular handle, das schon immer verwendet worden sei, und dass aus rechtlicher Sicht keine Bedenken bestünden. Man bedauere, dass er sich unwohl gefühlt habe. Gleichzeitig wurde aber betont, dass denjenigen Vorrang gegeben würde, die das Formular ausgefüllt hätten.
Der junge Mann antwortete, dass er nicht nur nicht vorhätte, das Formular auszufüllen, sondern seine Bewerbung auch direkt zurückziehe, da ihn diese Vorgehensweise sehr beunruhigt habe. „Ich habe ihnen auch vorgeschlagen, den Fragebogen zu entfernen, und sie gewarnt, dass ich dies dem Datenschutzbeauftragten melden würde “, so Giulio. Nachdem er eine E-Mail geschickt hatte, in der er das Telefongespräch schriftlich festhielt, bat er auch darum, seine Daten zu löschen. Die Zuständigen antworteten ihm lediglich, dass sie seine Daten gelöscht hätten, äußerten sich aber nicht weiter zu dieser Angelegenheit.

Die Stiftung wehrt sich. Zwar räumt Nicoletta Tassan, die Kommunikationsleiterin von Fondazione Entroterre, ein, dass die Fragen überarbeitet werden müssten, sie erklärt jedoch auch, dass es sich um einen Test zur Ermittlung der „Soft Skills” handle. Mit diesem solle festgestellt werden, in welchen Arbeitsumfeldern ein Bewerber die besten Leistungen erbringen könne, um sein Wohlbefinden und seine korrekte Eingliederung zu gewährleisten.
„Ich verstehe, dass diese Fragen missverstanden werden können. Aber unsere Voraussetzungen und die Art und Weise, wie wir mit Humanressourcen umgehen, sind das genaue Gegenteil der vielen toxischen Arbeitsrealitäten, die es gibt. Für uns bedeutet das, dass sich junge Männer und Frauen verwirklichen, sich befreien und Kinder bekommen können müssen. Das heißt, diese Fragen müssen genau umgekehrt interpretiert werden. Diese Daten sind niemals eine Voraussetzung für die Teilnahme an einem Vorstellungsgespräch“, sagt sie gegenüber Open. Unangemessene oder unpassende Fragen werden als Teil von Standardtests gerechtfertigt, die von einem Personalberater aus der Welt der traditionellen Unternehmen durchgeführt werden. Er verwendet seine eigenen schematischen Methoden zur Einordnung von Profilen. Tassan erklärt, dass das Ziel darin besteht, „zu erfahren, was eine Person gerne tut und wie sie sich am wohlsten fühlt. Unser Ziel ist immer und in jedem Fall das Wohlbefinden der Person und ihre Integration.“

Unabhängig von den erklärten Absichten steht jedoch fest, dass solche Herangehensweisen mit den durch die italienische Rechtsordnung auferlegten Beschränkungen unvereinbar sind. So verbieten das Arbeitnehmerstatut und das Datenschutzgesetz Arbeitgebern beispielsweise, Nachforschungen über die politischen oder religiösen Ansichten oder das Privatleben von Beschäftigten oder Bewerbern anzustellen – es sei denn, diese sind für die angebotene Stelle unbedingt relevant und verhältnismäßig. Einen Bewerber für eine Verwaltungsstelle nach seinem Kinderwunsch, seinem Vermögen, seinem Einstiegsalter ins Berufsleben oder seinen körperlichen Empfindungen bei Angst zu fragen, überschreitet diese Grenze bei Weitem.

Das Urteil der Datenschutzbehörde zu diesem unglaublichen Fall wird von vielen mit Spannung erwartet.





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