Von: luk
Rom – Erstmals seit der italienischen Einheit zeigen sich in Teilen des Südens wirtschaftliche Entwicklungen, die jene mancher Regionen im Norden übertreffen. Zwar handelt es sich um begrenzte und noch nicht gefestigte Trends, doch laut aktuellen Analysen sind sie messbar – und könnten auf einen strukturellen Wandel hindeuten.
Vor allem rund um Neapel, Bari und Catania entstehen neue wirtschaftliche Zentren. Diese profitieren insbesondere von wachstumsstarken Branchen wie Digitalisierung, Luft- und Raumfahrt, Pharmaindustrie, Halbleiter und grünen Technologien. Im Gegensatz dazu sind viele traditionelle Industriegebiete im Norden weiterhin stark von klassischen Sektoren wie Maschinenbau und Automobilindustrie abhängig.
Ein entscheidender Faktor: Immer mehr Unternehmen – auch aus Norditalien – verlagern Teile ihrer Aktivitäten in den Süden. Gründe sind niedrigere Kosten, aber zunehmend auch gut ausgebildete Fachkräfte. Gerade im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie entstehen neue Cluster.
So wurden etwa allein in Bari in den vergangenen Jahren durch internationale Tech-Unternehmen rund 5.000 Arbeitsplätze geschaffen. Insgesamt beschäftigt der Digitalsektor in Kampanien rund 91.000 Menschen, in Apulien 57.000 und in Sizilien über 50.000, berichtet der Corriere della Sera.
Auch bei Export und Wirtschaftswachstum holt der Süden auf: Zwischen 2019 und 2024 stieg der Export im “Mezzogiorno” um 34 Prozent – deutlich stärker als im Norden. Gleichzeitig wuchs die Wirtschaftsleistung zwischen 2019 und 2023 um rund neun Prozent und damit doppelt so stark wie im gesamtstaatlichen Durchschnitt. Inzwischen liegt die Wirtschaftsleistung des Südens sogar über jener Mittelitaliens.
Öffentliche Gelder als Wachstumstreiber
Ein Teil dieser Entwicklung ist jedoch auf staatliche Investitionen zurückzuführen. Ein erheblicher Anteil der Mittel aus dem italienischen Wiederaufbauplan floss in den Süden, ebenso Förderungen wie der Superbonus im Bausektor. Auch Sonderwirtschaftszonen beschleunigten Investitionen.
Experten warnen daher, dass nicht alle Wachstumsimpulse nachhaltig sind. Entscheidend werde sein, ob sich die neuen wirtschaftlichen Strukturen unabhängig von staatlicher Unterstützung behaupten können.
Strukturelle Probleme bleiben
Trotz positiver Trends bleibt die Lage angespannt: Die Beschäftigungsquote ist weiterhin niedrig, und das Pro-Kopf-Einkommen erreicht nur rund 57 Prozent des Niveaus im Norden. Besonders gravierend ist die anhaltende Abwanderung: Seit 2009 haben rund drei Millionen Menschen den Süden verlassen, viele davon junge und gut ausgebildete Arbeitskräfte.
Dennoch zeigt sich in Teilen des “Mezzogiorno” eine neue Dynamik. Eine wachsende Unternehmer- und Fachkräftegeneration setzt auf Innovation und Distanz zu traditionellen Problemen wie Korruption oder Klientelpolitik. Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung entsteht, wird sich jedoch erst in den kommenden Jahren zeigen.




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