Von: APA/dpa/Reuters
Israel hat die letzte tote Geisel aus dem Gazastreifen geholt und identifiziert. Die Leiche des Polizisten Ran Gvili sei identifiziert worden und werde zur Bestattung überführt, teilte die Armee am Montag mit. Damit wurde eine zentrale Bedingung des Plans von US-Präsident Donald Trump erfüllt. Israel hatte angekündigt, den Grenzübergang Rafah zu Ägypten wieder zu öffnen, sobald Gvilis Überreste zurückgekehrt sind oder die Suche nach ihm abgeschlossen ist.
Rafah ist das wichtigste Tor des Küstenstreifens zur Außenwelt. Gvili war bei dem Angriff der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023 im Kibbuz Alumim getötet worden. Seine Leiche wurde in den Gazastreifen verschleppt. Die Hamas und Israel hatten sich im Oktober auf Druck regionaler Mächte und Trumps auf einen Waffenstillstand geeinigt. Der US-Präsident hatte die Vereinbarung als ersten Schritt zu einem “starken, dauerhaften und ewigen Frieden” bezeichnet.
Das israelische Militär hatte auf einem Friedhof im Gazastreifen nach der letzten toten Geisel gesucht. Die Hamas hatte eigenen Angaben zufolge den Vermittlern des Gaza-Abkommens alle zur Auffindung der Leiche nötigen Informationen übermittelt. “Das gesamte Volk Israel ist zu Tränen gerührt”, sagte der israelische Präsident Yitzhak (Isaac) Herzog. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zeigte sich erleichtert. “Es gibt keine Geisel mehr im Gazastreifen”, sagte er im Parlament.
Untersuchungen seit dem Wochenende
Mehrere israelische Medien meldeten, israelische Einsatzkräfte hätten seit dem Wochenende die sterblichen Überreste von rund 250 Menschen auf dem Friedhof untersucht. Vor wenigen Stunden sei Gvilis Leiche anhand ihrer Zahnstruktur erkannt worden, berichtete die “Times of Israel”. Danach seien weitere Tests durchgeführt worden, um seine Identität zu bestätigen. Alle anderen Leichen würden zurück in ihre Gräber gebracht, der Friedhof gereinigt, hieß es weiter in dem Bericht.
Sobald Israel im Gegenzug die Leichen von 15 Palästinensern übergeben hat, sind die Voraussetzungen zum Eintritt in die zweite Phase des von den USA vorangetriebenen Gaza-Friedensplans offiziell erfüllt.
Phasen des Friedensplans
In einem ersten Schritt trat im Rahmen des US-Friedensplans am 10. Oktober 2025 bereits eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas in Kraft. Zudem ließen islamistische Gruppen im Gazastreifen die letzten 20 noch lebenden, aus Israel entführten Geiseln frei, darunter auch österreich-israelischen Doppelstaat Tal Shoham. Im Gegenzug dafür entließ Israel knapp 2.000 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen.
Die Hamas übergab zudem die letzten 28 Geisel-Leichen – allerdings anders als vereinbart nur sehr schleppend. Unter den Toten waren auch mehrere aus Israel entführte Ausländer. Israel übergab für jede tote israelische Geisel die sterblichen Überreste 15 verstorbener Bewohner Gazas, insgesamt bisher 360. Die genauen Todesumstände der Palästinenser sind nicht bekannt.
Im Rahmen der mühsam errungenen Einigung kommt auch mehr Hilfe in den Gazastreifen. Israelische Soldaten zogen sich in dem Küstenstreifen zudem hinter die sogenannte “gelbe Linie” zurück. Israels Armee kontrolliert damit noch immer etwas mehr als die Hälfte des Palästinensergebiets.
Hamas soll nun entwaffnet werden
Die von den USA bereits ausgerufene zweite Phase des Abkommens sieht nun die Entwaffnung der Hamas vor, was die Islamistenorganisation aber bisher ablehnt. Laut Beobachtern ist ein Kompromiss denkbar, so dass die Islamisten etwa auf Raketen verzichten könnten. Hamas-Mitglieder, die sich zu einer friedlichen Koexistenz mit Israel zur Niederlegung ihrer Waffen verpflichten, sollen Amnestie erhalten. Sollte es in dieser schwierigen Frage keine Einigung geben, könnte der Krieg wieder ausbrechen.
Vor kurzem wurden als Teil der zweiten Phase bereits die 14 Mitglieder einer palästinensischen Übergangsregierung bekanntgegeben, die den in zwei Kriegsjahren weitgehend zerstörten Gazastreifen verwalten soll.
Zur Unterstützung dieser Regierung von Fachleuten, die keine Verbindung zur islamistischen Hamas haben sollen, wurde ein Gremium namens “Gaza Executive Board” ins Leben gerufen. Diesem gehören unter anderem der US-Sondergesandte Steve Witkoff, der britische Ex-Premier Tony Blair, der türkische Außenminister Hakan Fidan und der ranghohe katarische Diplomat Ali Thawadi an. Die Aufnahme der prominenten Vertreter aus Katar und der Türkei ärgert Israel. Beide Länder gelten als Unterstützer der Hamas. Berichten zufolge haben sie die Hamas aber dazu gebracht, dem Gaza-Abkommen zuzustimmen.
Ein weiteres neues Gremium, das Exekutivkomitee, soll darüber hinaus die neue palästinensische Übergangsregierung beaufsichtigen und außerdem den Wiederaufbau im zerstörten Gazastreifen steuern. Dem sogenannten “Founding Executive Board” gehören unter anderem US-Außenminister Marco Rubio, Weltbank-Präsident Ajay Banga, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sowie Witkoff und Blair an.
Ärzte ohne Grenzen warnen vor verfrühter Euphorie
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) warnte am Montag angesichts einer möglichen Grenzöffnung vor verfrühter Euphorie. Ankündigungen dieser Art würden seit Monaten getätigt: “Wir haben das schon so oft gehört”, sagte Marcus Bachmann im Gespräch mit der APA, von Ost-Jerusalem zugeschaltet. Der Österreicher Bachmann leitet seit Jahresanfang die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in den palästinensischen Gebieten. Er will erst an die Ankündigungen glauben, wenn Rafah für Hilfslieferungen und in beide Richtungen für medizinische Versorgung und Evakuierungen offen ist. Bachmann verwies auf die Einschränkungen und von Israel gestellten Bedingungen.
Die humanitäre Lage im Gazastreifen und die medizinische Versorgung seien nach wie vor höchst fragil, betonte der Einsatzleiter. Der im Oktober geschlossene Waffenstillstand habe daran im Grunde nichts geändert, betonte er. “Israel hat klargemacht, dass egal wie die die Öffnung von Rafah aussieht, Israel die entscheidende Letztkontrolle nicht aus der Hand geben wird und damit ändert sich nichts.”
Für die Menschen im Gazastreifen wäre ein uneingeschränkt geöffneter Grenzübergang zu Ägypten “ein ganz, ganz entscheidender Gamechanger”. Aber selbst dann wäre es noch ein weiter Weg, bis sich dies in eine Verbesserung der Situation für die Menschen übersetzen würde, gibt Bachmann zu Bedenken. Auch Monate nach Beginn des Waffenstillstands, der zudem brüchig sei, könne nicht auch nur annähernd ausreichend Hilfe an die Palästinenser im Gazastreifen geleistet werden. Bachman forderte im Namen von Ärzte ohne Grenzen die internationale Gemeinschaft auf, auf die israelische Regierung einzuwirken, um eine Verbesserung zu erzielen.




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