"Keine Kulisse für Erlebnisattraktionen"

AVS und CAI kritisieren Glasturm-Projekt am Rosengarten

Donnerstag, 21. Februar 2019 | 12:07 Uhr

Welschnofen – Ein 18 Meter hoher Glaskristall soll am Rosengarten auf 2.300 Meter Höhe neben der Kölner Hütte entstehen. Der Alpenverein Südtirol und der CAI Alto Adige appellieren an die privaten Unternehmer der Latemar Karersee GmbH und an die politischen Entscheidungsträger, von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen. Der Rosengarten sei einer der symbolträchtigsten Berge der Dolomiten und per se schon eine Attraktion. Der Rosengarten dürfe nicht zu einer Kulisse für Erlebnisattraktionen degradiert werden.

Der Rosengarten steht im Fokus der Wirtschaftstreibenden und entsprechend liegen unterschiedlichste Nutzungsprojekte vor. Nicht in Frage kommt für die beiden Alpinvereine AVS und CAI der geplante 18 Meter hohe Glaskristall direkt vor den Felswänden des Rosengartenmassivs auf 2.300 Metern Höhe. Der fünfstöckige Glasturm soll neben der neuen Seilbahnstation bei der Kölner Hütte errichtet werden und ein Besucherzentrum „TTD – Touch the dolomites“ mit Ausstellungsflächen und zugehöriger Gastronomie beherbergen. Während allerdings die Ausstellungsräume für das Dolomiten Unesco Welterbe vorwiegend in die beiden unterirdischen Stockwerke verbannt werden, ist die Nutzung der oberirdischen Stockwerke, die ein 360-Grad-Panorama freigeben, noch weitgehend unbekannt. „Dies lässt eher vermuten“, so AVS und CAI, „dass der Hauptzweck nicht darin liegt, den Menschen die Notwendigkeit zum Schutz der Dolomiten näher zu bringen, sondern mit ‚Laurins Kristall‘ eine neue Attraktion für das Skigebiet Karersee/Carezza zu schaffen und dadurch die neue Kabinenbahn auszulasten.“

Der AVS und CAI hingegen würden den Rosengarten als Gemeinschaftsgut betrachten, das erhalten werden muss. „Dem Berg wohnt ein Eigenwert inne, der kultureller, spiritueller und ökologischer Natur ist. Er benötigt keine Inwertsetzung und Inszenierung durch die Generierung von wirtschaftlichem Profit“, ist AVS-Präsident Georg Simeoni überzeugt. „Natur und Landschaft der Alpen müssen nicht mit einem architektonischen Wahrzeichen inszeniert werden, um ein Erlebnis zu bieten. Der Rosengarten wird durch den Glaskristall zur Kulisse degradiert. Statt das Verständnis für die Einzigartigkeit der Dolomiten zu fördern, vergrößert der Kristall die Distanz zur Natur.“ Damit knüpft der Alpenverein an die Kernaussage seiner im Dezember gestarteten Sensibilisierungskampagne zum Erhalt der Alpen „Unsere Alpen – einfach schön!“ an.

Hinzu kommt für die Alpenvereine, dass der Glasturm sehr exponiert und weitum sichtbar wäre. Eine Reflexion der Glasfassaden und eine dadurch noch stärkere Wahrnehmung als künstliche Landmarke im Hochgebirge sei zu befürchten. Es bestehe eine hohe Kollisionsgefahr an den Glasfassaden für Vogelarten, darunter geschützte Arten wie Alpenschneehuhn, Birkhuhn und Wanderfalken.

Der Glasturm soll mit der neu geplanten unterirdischen Bergstation der Kabinenbahn „König Laurin“ in Verbindung stehen. Die Latemar Karersee GmbH plant zwei bestehende veraltete Sessellifte zwischen Frommer Alm und Kölner Hütte abzubrechen und in geänderter Trassenführung mit Mittelstation durch eine Zehner-Kabinenbahn zu ersetzen. Für diese Maßnahme zur qualitativen Aufwertung im Skigebiet zeigen der Alpenverein Südtirol, seine Sektion Welschnofen und der CAI Alto Adige durchaus Verständnis. Nicht einverstanden ist man aber mit der geplanten Bauausführung und Förderleistung.

Allein für die neue Bergstation müsste circa 6.700 Kubikmeter Gesteinsmaterial, das entspricht etwa dem Aushub von zehn Einfamilienhäusern, im sensiblen alpinen Gelände auf 2.300 Metern bewegt werden. „Mit der neuen Kabinenbahn könnten in 13 Minuten Fahrtzeit circa 1.400 Personen pro Stunde mehr zur Kölner Hütte befördert werden“, so CAI Alto Adige-Präsident Claudio Sartori, „das ist mehr als doppelt so viel wie bisher. Mehr Menschen bedeuten notgedrungen eine höhere Belastung für die Umwelt und den umliegenden Naturraum.“

Anders als die Liftbetreiber ist der Alpenverein Südtirol der Ansicht, dass sich die Besucher nicht rund um den geplanten Glasturm konzentrieren, sondern sich am Hirzlsteig weiterbewegen würden. Dieser Steig sei bereits jetzt in den Sommermonaten überfrequentiert und werde deshalb mittlerweile von vielen Einheimischen weitgehend gemieden. Die beiden Alpenvereine treten daher für eine Reduktion der Förderleistung und der Dimensionierung der geplanten Kabinenbahn auf ein umweltverträgliches Maß ein.

„Gerade im Nahbereich zu den Schutzgebieten muss mit der alpinen Natur und Landschaft rücksichtsvoll umgegangen werden“, meint Sartori. Denn nur wenige Meter hinter der Kölner Hütte und dem geplanten Glasturm liege der Naturpark Schlern-Rosengarten, zugleich auch Natura-2000-Gebiet und Dolomiten Unesco Welterbe.

AVS und CAI sind davon überzeugt, dass durch den Glasturm noch mehr Leute in das schon jetzt stark besuchte Gebiet um den Karersee und Karerpass gezogen werden und die Verkehrsbelastung für das Dorf Welschnofen weiter steigt. Daher appellieren der Alpenverein Südtirol und der CAI Alto Adige zur größtmöglichen Zurückhaltung bei den technischen Eingriffen am Rosengarten und rufen dazu auf, eine alternative Ausführung des Besucherzentrums in Talnähe oder eine Integration in die Kölner Hütte zu prüfen.

Dachverband für Natur- und Umweltschutz: Ein Bärendienst für das Weltnaturerbe

Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz weit hingegen daraufhin, dass vor zehn Jahren den Dolomiten vonseiten der UNESCO der Titel „Weltnaturerbe“ verliehen worden sei. „Seitdem ist vor allem eines passiert: Die Dolomiten wurden inszeniert, vermarktet und einem noch stärkeren anthropogenen Druck ausgesetzt. Damit einher geht nicht nur ein Degradierung des gesamten Gebietes, sondern auch eine Entwicklung, die der Zielsetzung des Naturerbes entgegensteht. Der Weg zur Verleihung des Welterbe-Titels ist lang, dessen Aberkennung hingegen kann auch ganz schnell gehen“, warnen die Umweltschützer.

Im Jahr 2009 war es endlich soweit. Nach jahrelanger Arbeit und Vorbereitung wurde das Ansuchen um Verleihung des Weltnaturerbe-Titels für die Dolomiten angenommen. Die Dolomiten reihten sich damit in eine weltweite Riege von derzeit gut zweihundert Naturerbe-Stätten. Die Verleihung erfolgt dabei an Stätten, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind. „Eine würdige Anerkennung, zugleich aber auch ein Auftrag, die Schönheit und Einzigartigkeit des Dolomiten-Gebietes in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten“, erinnert der Dachverband.

Das Fazit nach einem Jahrzehnt falle hingegen ernüchternd aus: „Das Prädikat Weltnaturerbe wurde vor allem ein Marketinginstrument. Der jährliche Verkehrskollaps auf den Dolomiten-Pässen und beim Pragser Wildsee gehören mittlerweile genauso zur traurigen Realität wie viele weitere kleine und große Projekte der Inszenierung. Dabei stehen nicht mehr die Dolomiten selbst im Mittelpunkt, die sich ja ohnedies bereits selbst in Szene setzen, indem sie erst die Szene schaffen. Man will sich vor allem selbst inmitten der Dolomiten inszenieren. Dazu gehören neue Themenwege und Panoramaterrassen aus Beton ebenso wie der übertriebene Ausbau von Parkplätzen, Info-Points, Aufstiegsanlagen und all den weiteren Infrastrukturen, um noch schneller, noch effizienter noch mehr Personen in und durch das Weltnaturerbe-Gebiet zu schleusen.“

Letzter Ausdruck dieser Inszenierung sei das Projekt zur Errichtung eines über 18 Meter hohen Glasturms in Form eines Bergkristalls in unmittelbarer Nähe der Kölner Hütte bei gleichzeitigem Neubau der Bergstation. „Fehlen darf dabei natürlich nicht die Potenzierung der Förderleistung der Fahrbahn. Daher erscheinen die Beteuerungen der Projektverantwortlichen, keine größere Besucherzahl zum Rosengarten bringen zu wollen, nicht sehr glaubwürdig. Schließlich lebt die Seilbahn und folglich ja auch das Projekt vor allem von den Fahrten und den Besuchern. Das Weltnaturerbe-Jubiläum der Dolomiten im heurigen Jahr sollten wir nutzen, um vor allem jene Charakteristika zu stärken, die zur Verleihung geführt haben: Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität. Eine Überstrapazierung des Gebietes und ein Ausverkauf des Welterbe-Titels werden unweigerlich zu einer Banalisierung führen. Daher muss es eine neue Politik und ein neues Verständnis im Umgang mit dem Weltnaturerbe Dolomiten geben“, erklärt der Dachverband.

Von: mk

Bezirk: Salten/Schlern