Von: mk
Antholz/Mailand/Cortina – Die Olympischen Spiele sind vorbei und es ist auffällig leise geworden. Nicht nur Politiker, Aktivisten und Touristiker ziehen eine zum Teil bittere Bilanz. Die Stiftung Mailand Cortina 2026, die die sportliche Großveranstaltung organisiert und promotet hat, verbucht ein Defizit von rund 310 Millionen Euro.
Wie italienische Medien berichten, haben 230 Millionen Euro an höheren Kosten und 80 Millionen an niedrigeren Einnahmen als ursprünglich erwartet das Finanzloch verursacht, wobei jedoch mögliche Einnahmen aus dem Merchandising noch nicht mit einberechnet worden seien. Das Budget, das laut den Berichten im Jahr 2019 auf 1,4 Milliarden Euro beziffert wurde, sei auf 1,7 Milliarden angestiegen.
Regionen werden zur Kasse gebeten
Die Beträge sollen bei der jüngsten Sitzung des Verwaltungsrats am 9. April den Mitgliedern der Stiftung mitgeteilt worden sein. Dabei handelt es sich vorerst um eine Prognose für den Jahresabschluss zum 31. Dezember. Die Mitglieder, darunter auch die beteiligten Regionen, wurden gebeten, dazu beizutragen, das Finanzloch zu schließen und mit eigenen Mitteln für einen Bilanzausgleich zu sorgen.
Auf Venetien kämen Kosten zwischen 26 und fast 40 Millionen Euro zu – je nachdem, ob das IOC mit einer Unterstützung von über 100 Millionen Euro einspringt oder nicht. Im besten Fall – also inklusive des Beitrags des Internationalen Olympischen Komitees – müssten das Trentino 20 Millionen und Südtirol fünf Millionen Euro beisteuern, während auf die Lombardei etwa 60 Millionen Euro entfallen würden. Das Veneto hat sich im Vorfeld allerdings bereits gerüstet: Um eventuellen Mehrkosten zu begegnen, wurden in den vergangenen Jahren rund 143 Millionen Euro beiseitegelegt.
Skepsis auch in Südtirol
Ähnlich wie im lombardischen Skiort Bormio, wo die Wintersaison trotz internationaler Aufmerksamkeit durch die Olympischen Spiele wirtschaftlich deutlich negativ ausfiel, zeigt man sich auch in Südtirol skeptisch.
„Es ist eingetreten, was erwartet wurde: Der Südtiroler Größenwahn hat überhandgenommen“, so Michaela Schuster von der Initiativgruppe Olang-Rasen. „Aus einem 28-Millionen-Umbau des Biathlonstadions in Antholz ist eine 58-Millionen-Euro-Investition geworden: ein Bau für elitäre Kreise, nicht für den Breitensport. Die Gemeinde Rasen-Antholz steckt in Schwierigkeiten: 2,5 Millionen Euro muss sie einer benachteiligten Firma als Schadensersatz für einen Fehler bei der Ausschreibung und Vergabe der Arbeiten zahlen. Und wer die Kosten für den Erhalt der Megainfrastruktur Stadion plus neue Beschneiungsanlage am Antholzer See tragen wird, ist noch zu klären. In Zeiten anhaltender Energiekrisen keine Kleinigkeit.“
Ist mit Steuergeldern unverantwortlich umgegangen worden? „Das fragt man sich in und um Antholz. Denn Olympiagelder gibt es an und für sich nicht: Olympiagelder sind schlicht und einfach Steuergelder, das müssen wir uns klar vor Augen halten“, sagt Alexander Messner, ehemaliger Gemeinderat in Rasen-Antholz.

“Imagewerbung blieb aus – leere Zimmer”
Während der Olympischen Spiele blieb Antholz nahezu unsichtbar, überall dominierte der Name Milano-Cortina. „Die vielversprochene weltweite Imagewerbung für unser Tal ist ausgeblieben“, sagt Astrid Zingerle, Touristikerin im Niedertal. „Besonders in den Wochen vor und nach den Spielen war die Auslastung schwach, viele Gäste mieden die Region wegen des Olympia-Trubels. Doch selbst während der Wettkampfwochen standen noch Zimmer leer. Eine spürbare Olympiastimmung kam vor Ort kaum auf. Auch die angekündigten Paralympics im März, die für uns ideal gewesen wären, um die Saison zu verlängern, fanden nicht statt“, berichtet die Gastwirtin. „Die zum Teil verantwortungslos eingesetzten Steuergelder stehen in einem äußerst fraglichen Verhältnis zur tatsächlichen Wertschöpfung“, meint sie.
Die Aufstiegsanlagen beklagen Einbußen wegen Olympia, und auch im Gadertal, das an Cortina grenzt, sowie im restlichen Pustertal hat man schlechter gearbeitet als sonst. „Wirtschaftlich sind die Olympischen Spiele ein Flop gewesen, um nicht zu sagen eine Hürde. Die Gäste, die Qualität suchen, hat man verschreckt, und auch für das Image – in Zeiten großer Kritik am IOC – war es nichts Gutes“, meint Elide Mussner, Co-Sprecherin der Südtiroler Grünen und Gemeinderätin in Abtei.
„Trotz großer Ankündigungen in Sachen nachhaltiger Mobilität hat sich am Ende herausgestellt, dass das Auto das Haupttransportmittel der Besucher war. Es wurde mit totaler Konzeptlosigkeit gehandelt und Parkplätze auf Feldern improvisiert. Irgendwo musste man die Autos unterbringen“, erzählt Schuster.
Bevölkerung “nicht einbezogen”
Wenn wir nicht mitmachen, werden wir von anderen hochkarätigen Biathlon-Destinationen überholt werden – das war die Angst, fast schon die Drohung, mit der man laut Kritikern gespielt habe. „Doch die Bevölkerung wurde nie wirklich einbezogen: nicht vorher, nicht währenddessen und nicht danach.“
„Es werd schun ummagian“, hätten sich die Leute irgendwann gesagt, und „Drin seimer, außer miessmer“. Man habe einen Blankoscheck unterschrieben und sich von Olympia blenden lassen, argumentieren die Kritiker.
Nun sei Olympia vorbei und man müsse daraus lernen. „Megaevents dieser Größenordnung sind sozial, ökologisch und wirtschaftlich nicht nachhaltig. Unsere Gäste, die Gäste Südtirols, suchen keinen Eventtourismus. Sie suchen Ruhe, Natur und ein qualitativ hochwertiges Angebot. Südtirol sollte sich dessen endlich bewusstwerden, zu sich stehen und selbstbewusst sagen: Das brauchen wir nicht!“, schließen die Grünen.
Kompatscher trotz Defizit zuversichtlich
Auch Südtirol hat sich vorbereitet, sollten die Kosten das geplante Maß übersteigen. „Wir haben Garantien für die Organisation und Durchführung der Spiele in Höhe von 20 Millionen Euro bereitgestellt“, erklärt Landeshauptmann Arno Kompatscher laut einem Bericht von Alto Adige online. Diese Mittel würden nun frei. „Wir können wir auf diese 20 Millionen zurückgreifen, um unseren Anteil zu begleichen, der sich auf fünf bis maximal sechs Millionen Euro beläuft. Wir können somit die bereits für die Garantie bereitgestellten Mittel nutzen und den Rest wieder in den Haushalt zurückführen“, so Kompatscher.




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