Von: mk
Bozen/Meran – Die Auftaktveranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus fand in Bozen heute Vormittag in der Reschenstraße statt. Dort, vor dem Mehrfamilienhaus in der Reschenstraße 80, an der Stelle, an der sich während des Zweiten Weltkrieges der Eingang zum ehemaligen NS-Durchgangslager befand, wurde heute eine neue Gedenkfläche sowie eine Gedenktafel eingeweiht. Enthüllt wurde die neue Gedenktafel von Bozens Bürgermeister Claudio Corrarati, WOBI-Präsidentin Francesca Tosolini und von Bozens Vermögensstadtrat Claudio Della Ratta. An den Feierlichkeiten nahmen auch die Spitzen des Landes, der staatlichen Behörden und der Stadt Bozen teil.
Es ist ein symbolträchtiger Ort, jener vor dem Mehrfamilienhaus des Wohnbauinstituts in der Reschenstraße 80, ein Ort, der von einem der dramatischsten Kapitel des 20. Jahrhunderts zeugt. An diesem Ort befand sich zwischen 1944 und Kriegsende der Eingang zu einem von den Nationalsozialisten betriebenen Durchgangslager. Nach dem Krieg wurde diese Fläche in ein soziales Wohnungsbauprojekt eingegliedert, sodass die historischen Zusammenhänge zusehends in den Hintergrund rückten. Nun hat die Stadt diesen schicksalhaften Ort wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt und in enger Abstimmung mit dem Wohnbauinstitut in eine würdevolle Gedenkstätte verwandelt.
Das Grundstück, das dem Wohnbauinstitut gehört und in der nächsten Zeit auf die Stadt Bozen übergehen wird, wurde in den letzten Monaten aufbereitet und saniert. Dabei ging es weniger um die baulichen Eingriffe an sich, als vielmehr um ein Zeichen des Respekts und eine Maßnahme von tiefer Menschlichkeit. Treibende Kraft dieses Projekts war eine Gruppe von Mieterinnen und Mietern, die entschlossen dafür warben, die historische Dimension dieses Ortes sichtbar zu machen und ihn mit all seiner Symbolik für die Allgemeinheit angemessen aufzubereiten.
Bürgermeister Corrarati und Stadtrat Della Ratta betonten in ihren Ansprachen den Wert dieses Gedenkprojekts und lobten die enge Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Wohnbauinstitut. „Es war unsere gemeinsame Vision, diesen Ort zeitnah in die städtische Gedenkroute zu integrieren, damit die Fläche in die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten aufgenommen und der Eingang zum ehemaligen Durchgangslager so aufgewertet werden konnte, wie es seinem historischen Wert angemessen ist.“
Die Präsidentin des Wohnbauinstituts Francesca Tosolini betonte, der Einsatz für dieses Projekt sei ein Akt der Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. „Es ging bei diesem Projekt nicht einfach um die Übertragung des Eigentums, sondern vielmehr darum, ein Zeichen zu setzen, damit dieser Ort im kollektiven Gedächtnis unserer Stadt verankert bleibt. Es erfüllt uns mit Dankbarkeit, Teil dieses Projekts sein zu dürfen, über das bereits seit Langem diskutiert wird und das jetzt durch das Engagement der Stadtverwaltung und des zuständigen Stadtrats Claudio Della Ratta in kurzer Zeit umgesetzt werden konnte. Die Sichtbarmachung der geschichtlichen Ereignisse ist eine Antwort auf den Wunsch unserer Mieterinnen und Mieter nach einer respektvollen Umwandlung einer zu einem Wohnhaus gehörenden Fläche in einen Ort für die Allgemeinheit, der Teil der Geschichte unserer Stadt ist.“
Die Vereinbarung zwischen WOBI und der Stadt Bozen sieht vor, dass die Fläche in Kürze an die Stadt übergeht. Hierfür muss zunächst eine Änderung in den städtebaulichen Planungsunterlagen vorgenommen werden, damit die Fläche in eine Straße oder einen öffentlichen Platz umgewidmet werden kann. Bis es so weit ist, hat das WOBI der Stadt die Fläche kostenlos zur Leihe überlassen. Dadurch konnte heute schon die mehrsprachige Gedenktafel angebracht und enthüllt werden.
Die Verantwortliche des Bozner Stadtarchivs Carla Giacomozzi erinnerte in ihrer Stellungnahme noch einmal an die geschichtlichen Ereignisse und hob die Bedeutung dieses symbolträchtigen Ortes gerade auch mit Blick auf den heutigen Gedenktag hervor.
Erinnerung als Verantwortung
Anlässlich des heutigen Tages des Gedenkens, der im Jahr 2000 eingeführt wurde, um die Erinnerung an die Vernichtung und Verfolgung des jüdischen Volkes und an die Deportation militärischer und politischer Gefangener in die NS-Konzentrationslager wachzuhalten, fanden in Meran gleich zwei Gedenkveranstaltungen statt, und zwar am Ort des Gedenkens in der Zueggstraße und vor der Statue “Das betende Mädchen” in der Otto-Huber-Straße.
An den beiden Gedenkveranstaltungen mit Kranzniederlegung nahmen Bürgermeisterin Katharina Zeller, die Stadträtinnen Antonella Costanzo und Barbara Hölzl, die Stadträte Stefan Frötscher und Daniele Di Lucrezia, der Ratspräsident Renato Dalla Zuanna, der Vizepräsident der Jüdischen Kultusgemeinde Meran, Mirko Wenter, der Kommandant des Alpini-Regiments Julia, Oberst Juri Franco Di Profio, sowie zahlreiche zivile und militärische Behörden statt.
Die erste Gedenkfeier fand, wie bereits in den vergangenen Jahren, am Ort des Gedenkens statt. Dieser wurde am 27. Jänner 2010 auf dem Areal der ehemaligen Bosin-Kaserne offiziell eingeweiht. In den Jahren 1938 und 1939 entstand dort eine Kaserne für das Kommando der italienischen Grenzwache für den 13. Abschnitt des faschistischen Alpenwalls, der Befestigungslinie im Vinschgau und im Passeiertal. Anfangs “Venosta” getauft, wurde die Kaserne dann dem 1941 in Albanien gefallenen und mit der silbernen Ehrenmedaille des italienischen Heeres ausgezeichneten Alpini-Hauptmann Leone Bosin gewidmet.
Eine Tafel an der Umfassungsmauer, dem heutigen “Ort des Gedenkens” erinnert daran, dass die Kaserne zwischen 1943 und 1945 von der Wehrmacht als Lager für beschlagnahmtes Material und als Nebenlager des Bozner Durchgangslagers genutzt wurde. Dort wurden Frauen und Männern aus verschiedenen Sprach- und Religionsgemeinschaften eingesperrt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Um Weihnachten 1944 gelang es zwei jungen Frauen über die Umzäunungsmauer zu klettern und aus dem Lager zu fliehen. Dank der Hilfe einiger Meraner Bürger*innen konnten sie sich in Sicherheit bringen.
“Der 27. Januar ist ein Tag des Erinnerns, aber auch ein Tag der Mahnung. Er erinnert uns daran, wohin Ausgrenzung, Rassismus und die Missachtung der Menschenwürde führen können. Zugleich fordert er uns auf, wachsam zu bleiben – gegenüber jeder Form von Diskriminierung, Antisemitismus und Gewalt, damals wie heute. Indem wir diesen Ort pflegen und uns seiner Bedeutung bewusst bleiben, übernehmen wir Verantwortung für die Vergangenheit und für die Zukunft. Erinnern heißt nicht zurückzublicken aus bloßer Pflicht, sondern Lehren zu ziehen für unser Zusammenleben in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft”, betonte Bürgermeisterin Katharina Zeller in ihrer Ansprache.
Ein stilles Gebet aus Stein
Die zweite Gedenkveranstaltung fand im Innenhof des Wohnhauses in der Otto-Huberstraße 36 statt, vor der Statue “Das betende Mädchen”. Es handelt sich dabei um ein von Géza Somoskeõy um 1950 fertig gestellte Kunstwerk zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Somoskeõys Mutter gehörte der Jüdischen Gemeinde Meran an.
Diese Statue wurde neben dem damaligen und inzwischen abgerissenen GIL-Gebäude – auch als Casa del Balilla bekannt – aufgestellt. In den Kellern dieses Gebäudes sperrten Männer des SOD, des Südtiroler Ordnungsdienstes, der SS und der Gestapo am 16. September 1943 mehrere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Meran ein. Die Gefangenen wurden in derselben Nacht ins Konzentrationslager Reichenau deportiert. Diejenigen, die dort nicht ums Leben kamen, wurden kurz danach nach Auschwitz-Birkenau überliefert. Von der gesamten Meraner Gruppe überlebte nur – im KZ Ravensbrück – Walli Hoffmann.
Die Gedenkveranstaltung wurde musikalisch durch Paolo Valenti (Klavier) sowie von Lesungen von Studentinnen und Studenten des Kunst- und Sprachgymnasiums Gymme unter der Leitung von Professorin Rosanna Pruccoli begleitet.
“Dass diese zweite Gedenkveranstaltung seit 2023 hier stattfindet, ist ein bewusstes Zeichen. Es zeigt, dass Erinnerung viele Orte braucht: große und kleine, laute und stille. Besonders bedeutsam ist, dass diese Feier von Musik und von Lesungen junger Meraner Studentinnen und Studenten begleitet wird. Damit wird deutlich: Erinnerung ist nichts Abgeschlossenes. Sie lebt davon, weitergegeben zu werden – von Generation zu Generation. Das betende Mädchen blickt nicht anklagend, sondern bittend in die Welt. Es erinnert uns daran, dass Gedenken nicht nur Rückschau ist, sondern Auftrag: für ein respektvolles Miteinander, für Solidarität und für den Schutz der Menschenwürde. Ich danke allen, die diese Gedenkveranstaltung mitgestalten haben, und besonders den jungen Menschen, die heute ihre Stimmen der Erinnerung leihen. Möge dieses stille Gebet aus Stein auch in Zukunft zu uns sprechen”, so Bürgermeisterin Zeller.




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