Einstiegsgehälter im Vergleich

Düstere Analyse: Südtirols Jugend blutet aus

Mittwoch, 18. Februar 2026 | 12:24 Uhr

Von: luk

Bozen – Der Autonome Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB) schlägt Alarm: Die Einstiegsgehälter in Italien sind im europäischen Vergleich beschämend niedrig – und für Südtirol angesichts der hohen Lebenshaltungskosten schlicht untragbar. Laut einer Auswertung von Mercer Italia liegt das durchschnittliche Brutto-Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen in Italien bei rund 32.000 Euro im Jahr. In Deutschland liegt der Vergleichswert bei rund 57.500 Euro, in Österreich bei knapp 57.000 Euro und in der Schweiz bei rund 90.000 Euro.

Für Südtirol sei das eine toxische Kombination: “Einstiegsgehälter wie im italienischen Durchschnitt, aber Preise, die mit dem Alltag vieler Familien nicht mehr zusammenpassen. Das Landesinstitut für Statistik ASTAT weist für Bozen eine Teuerung aus, die spürbar über dem gesamtstaatlichen Niveau liegt. Zusätzlich wurde Bozen im Jänner 2026 in Berichten als teuerste Stadt Italiens genannt.”

Tony Tschenett, Vorsitzender des ASGB, findet klare Worte: “32.000 Euro brutto als Einstieg sind in Südtirol kein Start ins Berufsleben, sondern ein Start in die finanzielle Dauer-Unsicherheit. Wer hier Miete, Mobilität und den täglichen Einkauf bezahlt, weiß: Mit diesen Löhnen wird Zukunft verhindert.”

Tschenett weiter: “Deutschland, Österreich und die Schweiz zahlen jungen Leuten vom ersten Tag an anständige Gehälter aus. Italien bietet zu oft nur Durchhalteparolen. So verliert Südtirol Jahr für Jahr seine Besten – nicht aus Abenteuerlust, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.”

Besonders dramatisch sei: Italien holt nicht einmal auf. Zwischen 2022 und 2025 stiegen die Einstiegsgehälter laut Mercer in Italien nur um sieben Prozent (von 30.000 auf 32.000 Euro). In Österreich waren es im selben Zeitraum 23 Prozent, in Deutschland zehn Prozent und in der Schweiz 15 Prozent. “Das heißt: Der Abstand ist nicht nur groß – er wird zementiert”, so Tschenett. “Jeder Jahrgang, der geht, fehlt uns als Fachkraft, als Steuerzahler, als Familiengründer, als Stütze für Vereine, Ehrenamt, Pflege und öffentliche Dienste. Wenn diese Entwicklung weiterläuft, wird Südtirol schleichend ausgehungert.”

Der ASGB stellt klar: “Das ist kein individuelles Problem, das ist ein Systemfehler. Wer junge Arbeitnehmer mit Einstiegsgehältern abspeist, die im europäischen Vergleich nicht konkurrenzfähig sind, darf sich über Abwanderung nicht wundern. Man kann Heimat predigen, Motivation einfordern und ‘Fachkräfte’ beschwören – aber am Monatsende zählt, ob das Leben bezahlbar ist“, so Tschenett. „Wenn Arbeit in Südtirol nicht mehr trägt, dann ist das nicht nur unsozial, sondern standortpolitisch kurzsichtig.“

Harte Kurskorrektur gefordert

Der ASGB fordert daher eine harte Kurskorrektur. “Zuerst müssen die Einstiegsgehälter in Italien spürbar steigen, und zwar sofort und deutlich. Wer jungen Arbeitnehmern zum Berufseinstieg im Schnitt rund 32.000 Euro brutto anbietet, während Deutschland und Österreich bei fast dem Doppelten starten und die Schweiz bei fast dem Dreifachen, darf sich über Abwanderung nicht wundern. Das ist kein ‘Gehaltsgefälle’, das ist eine Einladung zum Weggehen.” Selbst Mercer spreche offen aus, dass Italien die fixe Einstiegsvergütung klar anheben muss und nennt als Ziel ein Niveau von über 40.000 Euro brutto. “Wenn sogar diese Analyse sagt, dass es ohne kräftige Erhöhung nicht geht, dann ist jedes weitere Zögern Verantwortungslosigkeit”, so die Gewerkschaft.

Und weiter: “Genauso notwendig ist ein realer Ausgleich für Hochkostenräume wie Südtirol. Löhne dürfen nicht so behandelt werden, als wären Wohnen, Mobilität und Alltag überall gleich teuer. In Südtirol heißt ein „italienisches Einstiegsgehalt“ in der Praxis oft: weniger Wohnqualität, weniger Sicherheit, weniger Zukunft. Wer hier arbeitet, muss sich ein normales Leben leisten können. Sonst wird Südtirol zum Durchgangsland: Ausgebildet wird hier, gelebt und gearbeitet wird anderswo.”

Dazu gehöre auch, dass Betriebe endlich echte Perspektiven bieten, statt junge Leute in den ersten Berufsjahren als billige und austauschbare Reserve zu behandeln. Die Mercer-Daten zeigten, wie wenig Struktur es vielerorts gibt: Nur 16 Prozent der Unternehmen geben an, eine spezifische und strukturierte Politik für Berufseinsteiger zu haben, und nur 36 Prozent bieten formal definierte Karrierepfade. Wer nichts anbietet außer niedrigen Einstiegsgehältern und vagen Versprechen, produziert Abwanderung mit Ansage.

Arbeitseinkommen entlasten

“Und schließlich müssen Arbeitseinkommen spürbar entlastet und betriebliche Zusatzvereinbarungen erleichtert werden, damit mehr Geld auch tatsächlich bei den Arbeitnehmern ankommt. Auch diese Hebel werden in der Mercer-Analyse genannt. Es ist nicht akzeptabel, dass Südtirols Arbeitnehmer am Monatsende immer öfter das Gefühl haben, trotz Leistung nicht voranzukommen. Wenn diese Entwicklung weiterläuft, droht ein schleichender Substanzverlust: weniger Fachkräfte, weniger Kaufkraft, weniger Stabilität für Familien und Betriebe – und am Ende ein Südtirol, das seine Jugend verliert und seine Zukunft gleich mit”, so der ASGB.

“Der ASGB bleibt kompromisslos in der Sache”, betont Tschenett. “Wir stehen auf der Seite der Arbeiter und Angestellten. Wir akzeptieren nicht, dass Südtirols Jugend zur Exportware wird, weil andere Länder anständig bezahlen und Italien das Problem aussitzt. Wer heute den Berufseinstieg klein hält, zahlt morgen doppelt: mit Fachkräftemangel, mit geschwächten Betrieben und mit einer Gesellschaft, in der junge Menschen nicht mehr glauben, dass sich Leistung lohnt.”

Tschenett warnt vor den Folgen, wenn nichts passiert: “Wenn diese Entwicklung weitergeht, wird Südtirol schleichend ausgeblutet. Dann fehlen uns nicht nur kluge Köpfe, sondern ganze Jahrgänge. Es fehlen Kaufkraft, Steueraufkommen, neue Familien und am Ende auch die Menschen, die unsere Dienste, unsere Pflege, unsere Betriebe und unser Zusammenleben tragen.”

Abschließend stellt Tschenett klar: “Wer will, dass Südtirol lebt, muss dafür sorgen, dass Arbeit hier ein Leben ermöglicht – nicht nur ein Überleben. Der ASGB wird den Druck erhöhen, bis sich an den Einstiegsgehältern und an der realen Kaufkraft endlich etwas ändert.”

Bezirk: Bozen

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