Pressekonferenz

Grüne: Auch verbale Gewalt hinterlässt Spuren

Donnerstag, 24. November 2022 | 12:56 Uhr

Bozen – Der 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wo sexuelle Gewalt beginnt. Beginnt sie schon beim vermeintlichen „Kompliment“, das einer jungen Frau auf der Straße hinterhergerufen wird? Diese Woche bringt die Grüne Fraktion das Phänomen des “Catcalling” mit einem Beschlussantrag in den Landtag. Denn hierzu gibt es Redebedarf.

Der Begriff “Catcalling” definiert eine Form der sexuellen Belästigung im öffentlichen Raum durch anzügliches Anreden, Nachrufen, Nachpfeifen oder sonstige Geräusche. Catcalling wird oft als banales Kompliment abgetan. In Wirklichkeit fühlen sich viele Frauen und Mädchen durch diese Praxis eingeschüchtert. Und sie sind in ihren täglichen Bewegungen eingeschränkt. Eine Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen etwa ergab, dass eine große Mehrheit der Betroffenen nach Catcalling-Vorfällen ängstlicher wurde. So mieden 40 Prozent der Befragten danach bestimmte öffentliche Orte, während acht Prozent sogar ihren Kleidungsstil änderten.

„Man fragt sich oft, wann die Gewalt beginnt. Fängt es schon mit einem vermeintlichen Kompliment an? Einem Nachpfeifen auf offener Straße? Einer “Wertschätzung” für Beine, Hintern und Brüste? Wir denken ja, und dies wird durch Statistiken und Erfahrungsberichte von Mädchen bestätigt, die ihr Selbstvertrauen verlieren und anfangen, aus Angst vor solchen Vorfällen gewisse Straßen zu vermeiden und andere Kleidung zu tragen. Der öffentliche Raum gehört allen in gleichem Maße. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass es für eine Frau umständlicher oder gar gefährlicher ist, sich auf der Straße zu bewegen“, ist die Erstunterzeichnerin des Beschlussantrags, Landtagsabgeordnete Brigitte Foppa, überzeugt.

Vor kurzem hatte die als Musikerin Camilla Cristofoletti die bei der Pressekonferenz anwesend war, das Thema in den sozialen Medien angesprochen: „Es handelt sich um eine Form der Belästigung, die meiner Meinung nach noch nicht die notwendige öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Als ich einmal laut auf einem Angriff reagiert habe, zog nicht er, sondern ich die verärgerten Blicke der Passanten auf mich. Ich erinnere mich, dass ich mich sicherer gefühlt hätte, wenn all diese Menschen ihren verurteilenden Blick auf ihn gerichtet hätten, und er hätte vielleicht sein Verhalten geändert. Information ist meiner Meinung nach ein wichtiger erster Schritt, um das Bewusstsein der Gesellschaft zu schärfen.“

Die Istanbul-Konvention ordnet verbale sexuelle Gewalt als geschlechtsspezifische Gewalt ein, da sich die Vorfälle überwiegend gegen Frauen richten. Catcalling ist eine Form der verbalen sexuellen Gewalt. Im Gegensatz zu anderen EU-Staaten wurde dieser Art der sexuellen Gewalt jedoch in Italien bisher noch nicht in das Strafgesetzbuch aufgenommen. Dennoch wäre es wichtig, dies zu tun. Tatsächlich ist Catcalling sowohl ein Akt der Einschüchterung als auch ein Machtspiel, das zu so genanntem “Victim Blaming” führt, einem Begriff, der die Opfer-Täter-Umkehr beschreibt, wonach es das Opfer ist, das es “herausfordert”.

Es geht nicht darum, das Flirten zu verbieten. Wenn wir aber anfangen, über diese Dynamik zu sprechen, wird uns bewusst, wie unterschiedlich sicher sich Frauen und Männer im öffentlichen Raum fühlen. „Ich bin mir sicher, dass den Männern, die sich so verhalten, bewusst ist, dass sie dabei Macht ausüben“, kommentiert Riccardo Dello Sbarba. Die Erkenntnis, dass es sich um eine Form der verbalen sexuellen Gewalt handelt, sei der erste Schritt. Sensibilisierung, Information und Erziehung innerhalb und außerhalb der Schulen durch Kommunikationskampagnen und Workshops können zu einer stärkeren Sensibilisierung der Gesellschaft insgesamt und zur Entwicklung eines korrekteren und respektvolleren Verhaltens führen.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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1 Kommentar auf "Grüne: Auch verbale Gewalt hinterlässt Spuren"


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Paladin
Paladin
Superredner
14 Tage 22 h
Es ist sehr gefährlich Begrifflichkeiten in ein Strafgesetzbuch aufzunehmen. Es handelt sich dabei um eine sehr schmale Gratwanderung zwischen dem Recht auf Meinungsäußerung und einer Beleidung. Jeder kann sich von vielen Aussagen betroffen, beleidigt oder gekränkt fühlen. Wo man dabei die Grenze zieht ist allerdings sehr individuell. Man läuft sehr schnell Gefahr gar nichts mehr sagen zu können, ohne sich eine Straftat zu begehen. Eine moderne und offene Gesellschaft, sowie moderne und selbstbewusste Menschen, sollten auch in der Lage sein mit einer plumpen oder dummen Aussage klarzukommen. Der Staat kann nicht alles und jede Situation regeln. Wenn ich mich persönlich… Weiterlesen »
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