Von: apa
Auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sind von der Eskalation im Nahen Osten direkt betroffen. Eine von ihnen ist die in Österreich lebende ukrainische Kunstschaffende Mariya Vasilyeva, die derzeit eine vom Außenministerium unterstützte Dialogue Residency nahe Tel Aviv absolviert. Seit November erarbeitet sie mit lokalen Tänzerinnen und Musikerinnen eine Performance zum Thema Krieg. Seit Samstag befindet sich die 32-Jährige plötzlich selbst in einem Krieg.
“Ich glaube, ich stehe noch unter Schock und kann es noch nicht ganz reflektieren”, erzählt die Künstlerin, die Medienkunst in München und danach Transmediale Kunst an der Angewandten in Wien studiert hat, im Telefonat mit der APA. “Für mich ist es mein erster Krieg.” Ihr Umfeld reagiere auf die zahlreichen Bombenalarme hingegen “erstaunlich routiniert”, sie selbst sei gestresst, fühle sich aber “sehr gut versorgt, was die Sicherheit angeht”. “Wenn man den Anweisungen der Armee folgt und in den Bunker geht, wenn die Sirene kommt, fühlt man sich irgendwie ein bisschen in Sicherheit.” Der nächste Luftschutzbunker sei eine Minute von ihrer Unterkunft entfernt, nachts schläft sie dort. “Wenn man das nicht kennt, kann man es sich gar nicht vorstellen.”
“Man versteht es erst, wenn man einfach Angst hat um sein Leben”
In der Performance, die sie seit November erarbeitet, will sie sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Kriegssituationen thematisieren, Ende März hätte ihre Residency geendet. Wie es nun weitergeht, und wann sie das Land verlassen kann, weiß sie derzeit nicht. Dass sie der Krieg nun selbst eingeholt hat, seit der Iran Vergeltung für den US-israelischen Angriff sucht, sei eine existenzielle Erfahrung, in der man anfange, das Leben anders zu sehen. “In Friedenszeiten hat man Privilegien, die man nicht schätzen kann. Man versteht es erst, wenn man sie verliert, wenn man einfach Angst hat um sein Leben.”
Gewissermaßen habe Krieg ihren Blick auf die Realität aber schon früher verändert, schließlich sei ein Teil ihrer Familie in Kiew gewesen, als vor vier Jahren der russische Angriffskrieg begann. Schon damals habe der Krieg ihre künstlerische Perspektive verschoben. Ihre Arbeiten in den vergangenen Jahren hätten sich jedoch auf eine abstrakte, universelle Art und Weise mit dem Krieg auseinandergesetzt. Unter Verwendung ihres eigenen Körpers als “Ort der Transformation” zeigt sie in ihren digital manipulierten und performativ inszenierten Arbeiten auf, “wie patriarchale Strukturen, sexualisierte Gewalt und gesellschaftliche Normen die weibliche Körperlichkeit prägen”. Darunter finden sich etwa die Multikanal-Installation “War Chronicles” oder die Videoarbeit “The Last Supper”.
Reales Erleben “einfach komplett anders”
“Und jetzt, wo ich den Krieg persönlich erfahre, ist es natürlich noch viel intensiver und einfach unvorstellbar. Man kann sich das wirklich nicht vorstellen.” Sie habe vor Antritt ihres Stipendiums zwar um eine gewisse Kriegsgefahr gewusst, die sich in den vergangenen Wochen verdichtet habe, aber das reale Erleben sei “einfach komplett anders”. Viele der Menschen, mit denen sie in den vergangenen Monaten zusammengearbeitet hat, wohnen in Tel Aviv und hätten sich entschieden, bei Verwandten zu wohnen, die über eigene Bunker verfügen. “Das ist jetzt die erste Priorität, nach der man sich orientiert.”
Was sie besonders berührt, ist die Erfahrung des unglaublichen Zusammenhalts zwischen den Menschen. Auch sei sie überrascht, dass nach wie vor alle Supermärkte geöffnet seien und man sogar Essen bestellen könne. “Das Leben hier geht weiter. Mit stündlichen Unterbrechungen.”
(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)
ZUR PERSON: Mariya Vasilyeva wurde 1993 in Kiew (Ukraine) geboren und migrierte im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Von 2013 bis 2019 studierte sie Medienkunst in München, von 2017 bis 2024 absolvierte sie ein Studium der Transmedialen Kunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen in u.a. London, Warschau, Gent und Moskau zu sehen, in Wien stellte sie u.a. auf der Parallel Vienna, in der Kunsthalle Wien oder im weissen haus aus. Sie erhielt zahlreiche Stipendien, 2019 gewann sie den Ö1 Talente Award, 2023 war sie Finalistin des Erste Bank Art Awards. Zuletzt erhielt sie die Dialogue Residency des Österreichischen Kulturforums in Tel Aviv.
(S E R V I C E – www.mariyavasilyeva.com )




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