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Jugendstudie 2016: So tickt Südtirols Jugend

Mittwoch, 11. Oktober 2017 | 14:59 Uhr

Bozen – Familie, Arbeit, Politik, Religion, Sexualität: Die Jugendstudie nimmt Werthaltung, Lebensformen und Lebensentwürfe der Südtiroler Jugendlichen unter die Lupe.

Die Jugendstudie wirft ein Scheinwerferlicht auf die Südtiroler Jugendlichen, ihre Werte, Selbstwahrnehmung und Zukunftsplanung. Für die mittlerweile sechste Ausgabe der Jugendstudie hat das Landesinstitut für Statistik ASTAT – in Zusammenarbeit mit den Landesabteilungen Deutsche und Italienische Kultur, dem Landesamt für Ladinische Kultur und dem Statistikamt der Stadtgemeinde Bozen – im Jahr 2016 eine Stichprobenerhebung unter den 81.700 in Südtirol lebenden Personen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren durchgeführt.

Die Jugendstudie 2016 wurde heute im Rahmen einer Pressekonferenz mit den Landesräten Waltraud Deeg, Philipp Achammer, Christian Tommasini und Florian Mussner sowie Timon Gärtner und Stefano Lombardo vom ASTAT vorgestellt.

lpa/Ingo Dejaco

Landesrätin Waltraud Deeg wies darauf hin, dass die Ergebnisse der Studie ein durchwegs positives Bild der Jugend in Südtirol wiedergeben: “Die Jugendlichen sind sich der Herausforderungen bewusst, denen sie sich stellen müssen”, erklärte Deeg. Besondere Aufmerksamkeit verdiene die Tatsache, dass die Jugendlichen dem Streben nach Glück und der Familie einen weitaus höheren Stellenwert einräumen, als der Karriere und dem Verdienen von Geld. “Auch die Beziehung mit den Eltern und der Familie ist größtenteils sehr gut”, zeigte sich die Landesrätin erfreut.

“Die Themen der Jugend sind die Themen der Gesellschaft”, betonte Landesrat Philipp Achammer. In Bezug auf das Interesse der Jugendlichen an der Politik erklärte der Landesrat, dass es ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein müsse, die politische Beteiligung zu stärken und – mit besonderem Blick auf die jungen Menschen – den Zugang zur politischen Diskussion zu verbessern. “Die Jugend ist ein Spiegelbild der Gesellschaft”, unterstrich Achammer abschließend, “und wir können gerade nach den Ergebnissen der Jugendstudie einmal mehr sagen, dass wir stolz auf die jungen Menschen in unserem Lande sind, die offen und optimistisch in die Zukunft blicken.”

“Die positiven Daten der ASTAT-Studie belegen, dass sich die Jugend in unserem Lande in einem Wandel befindet und bereit ist, die neuen Chancen für die Zukunft zu nutzen”, stellte Landesrat Christian Tommasini fest, “es handelt sich um eine Generation, die der Mehrsprachigkeit einen immer höheren Stellenwert einräumt, die das Vorhandensein mehrerer Kulturen als einen Reichtum wahrnimmt und mit Begeisterung an Kulturveranstaltungen teilnimmt.”

Landesrat Florian Mussner merkte an, dass europaweit das Interesse an politischem Engagement nachlasse. “Die Jugendstudie ist für alle Beteiligten eine gute Basis, um das Interesse an der Politik wieder zu stärken”, gab der Landesrat zu verstehen, “zugleich bringt die Studie zahlreiche positive Aspekte ans Tageslicht, auf die wir stolz sein können.”

Für die Erhebung wurden etwa 4000 Namen aus den Melderegistern gezogen und anschließend den ausgewählten Jugendlichen ein Online-Fragebogen zum Selbstausfüllen zugeschickt. Insgesamt haben 1814 Befragte einen vollständigen und verwertbaren Fragebogen zurückgeschickt, was einer Rücklaufquote von 47 Prozent entspricht.

ASTAT-Direktor Timon Gärtner erklärte, dass das Ziel der Studie darin bestand, ein auf wissenschaftlichen Daten basierendes Bild von den Jugendlichen in Südtirol zu erhalten. Die Jugendlichen waren dabei mit einer Reihe von Fragen konfrontiert, deren Palette von der Selbstwahrnehmung über die Familie bis hin zu Freizeit- und Risikoverhalten, Liebe und Sexualität reicht.

Die Jugendstudie 2016 ist ab heute auch auf der Homepage des ASTAT zum Downloaden verfügbar: http://astat.provinz.bz.it/

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

In Südtirol lebten zum Zeitpunkt der Erhebung rund 81.700 (etwa 42.000 männliche und 39.700 weibliche) Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren. Das entspricht einem Anteil von 15,7 jungen Menschen je 100 Einwohner, Tendenz sinkend. Die Jugendquote ist in den städtischen Gemeinden – allen voran in Bozen und Meran – etwas niedriger als in den ländlichen Gemeinden. Der Anteil der ausländischen Jugendlichen liegt bei 8,5 Prozent, das sind etwa 7000 Personen.

Die Jugendstudie gibt Aufschluss über folgende Aspekte:

Familie: Die Südtiroler Jugendlichen leben am häufigsten in einer klassischen Kernfamilie, die sich im Schnitt aus vier Mitgliedern zusammensetzt. Nur etwa ein Drittel der 25-Jährigen hat das Elternhaus bereits verlassen. Die Beziehung zu den Eltern wird von den meisten Jugendlichen positiv bewertet, insbesondere das Verhältnis zur Mutter.

Der Umgang mit den anderen: Die große Mehrheit der Jugendlichen hat einen mehr oder weniger großen Freundeskreis. Man trifft sich am liebsten zuhause (60,5 Prozent), aber auch in öffentlichen Lokalen (53,6 Prozent) oder im Freien (33,8 Prozent). Beim Ausgehen sind öffentliche Verkehrsmittel die erste Wahl der Jugendlichen. Fast alle Südtiroler Jugendlichen – in erster Linie die deutschsprachigen – verkehren vorzugsweise mit Menschen derselben Sprachgruppe. Jugendliche in den Städten haben allgemein mehr Freunde der anderen Sprachgruppe, als Jugendliche in den Landgemeinden.

Meinungen über die Schule: Etwa 60 Prozent der Ober- und Berufsschüler sind der Meinung, dass die zweisprachige Ausbildung eine Stärke des Südtiroler Schulsystems sei. Den Unterricht eines oder mehrerer Fächer in einer Zweitsprache erachten 46,4 Prozent als sinnvoll, aber nur für 12,1 Prozent der Schüler zählt die Zweitsprache zu den drei interessantesten Fächern.

Kultur und Freizeit: Mit ihrer Freizeit sind 71,9 Prozent der Jugendlichen zufrieden. Im Durschnitt besuchen die 12- bis 25-Jährigen neun Kulturveranstaltungen im Jahr. 82,1 Prozent lesen in ihrer Freizeit mindestens ein Buch im Jahr und 77,2 Prozent lesen mindestens ein Mal in der Woche eine Tageszeitung. 72,1 Prozent der Jugendlichen treibt Sport. 31,2 Prozent sind Mitglied in mindestens einem Verein, der kein Sportverein ist.

Die digitale Welt – Kompetenzen und Nutzung: 73,5 Prozent der Jugendlichen sind täglich im Internet. Den allermeisten, nämlich 90,7 Prozent, ist bewusst, dass die Internetnutzung Risiken mit sich bringen kann. 74,2 Prozent nehmen an sozialen Netzwerken teil und 72,3 Prozent verwenden Online-Enzyklopädien.

Arbeit: Von den 57.900 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren sind 17.900 Erwerbstätig und 2400 arbeitslos. Die Zahl der Erwerbspersonen liegt somit bei 20.300 Personen. 37.600 sind nicht auf dem Arbeitsmarkt aktiv, da sie größtenteils noch zur Schule gehen oder studieren.

Verhältnis zu Südtirol: Die Landschaft ist der Aspekt Südtirols, der von den Jugendlichen am häufigsten positiv wahrgenommen wird (83,6 Prozent), gefolgt von der Küche (54,9 Prozent), den Traditionen (47,3 Prozent) und dem wirtschaftlichen Wohlstand (38,6Prozent). Probleme, die am stärksten empfunden werden, sind der Egoismus der Menschen (29, 8 Prozent) und die hohen Lebenshaltungskosten (27,3 Prozent).

Politik: Das größte Interesse unter den Jugendlichen besteht an der internationalen (41,2 Prozent) und der europäischen (39,2 Prozent) Politik, für die Landespolitik interessieren sich 34,7 Prozent der Befragten. Jungen interessieren sich allgemein mehr für die Politik als Mädchen. 42,1 Prozent denken, dass die Einwanderer eine Bereicherung darstellen, während 49,5 Prozent der Meinung sind, dass sie Kriminalität und Terrorismus bringen.

Wertehaltung und Lebensentwürfe: Bei den Fragen zu den Lebensentwürfen belegt die Antwort “Glücklich sein” mit 90,2 Prozent den ersten Platz. Der Wunsch, eine eigene Familie mit Kindern zu gründen, ist mit 74 Prozent weiterhin weit verbreitet. Einen sicheren Arbeitsplatz wünschen sich 69,3 Prozent der Befragten. Vergleichsweise wenig Zuspruch finden materialistische und leistungsorientierte Lebensprojekte wie “viel Geld haben” (32,7 Prozent) oder “Erfolg und Macht haben” (20,4 Prozent).

Religion: Für mehr als ein Drittel, nämlich 35,3 Prozent, spielt die Religion eine äußerst oder ziemlich wichtige Rolle, für 34,8 Prozent ist Religion nicht sehr wichtig, und für 21,2 Prozent hat sie keinerlei Bedeutung. 8,6 Prozent wollten sich dazu nicht äußern.

Selbstwahrnehmung: 88 Prozent der Jugendlichen sind mit ihrem Gesicht sehr oder zumindest genügend zufrieden. Die meisten Jugendlichen fühlen sich mit ihrem Körper wohl. Mädchen sind im Allgemeinen bei ihrer Selbstwahrnehmung kritischer als Jungen.

Risikofaktoren: Jeder vierte männliche Jugendliche ist im Laufe eines Jahres in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt, vor allem in Diskotheken, Pubs oder auf Partys. 22,3 Prozent der Jugendlichen rauchen Zigaretten, der Alkoholkonsum nimmt jedoch ab. 28,7 Prozent der Jungen und 23,7 Prozent der Mädchen konsumieren Cannabis, in der Altersklasse der 23- bis 25-Jährigen haben etwa 40 Prozent zumindest einmal Cannabis probiert.

Liebe und Sexualität: 38,2 Prozent der Jugendlichen erklären, eine feste Liebesbeziehung zu haben. 37,3 Prozent der Befragten geben an, mindestens einmal Gelegenheitssex gehabt zu haben. Als wichtigste Informationsquelle in Sachen Sexualität gilt das Internet, wobei dieses von jungen Männern (67,5 Prozent) häufiger genutzt wird, als von jungen Frauen (58,9 Prozent).

Von: mk

Bezirk: Bozen