Kläranlagen werden zu Wasserstoff-Kraftwerken

Landtag will Abwasser zu Kraftstoff machen

Mittwoch, 04. Februar 2026 | 09:45 Uhr

Von: idr

Bozen – Der Südtiroler Landtag hat gestern einen bemerkenswerten Vorstoß in Richtung innovative Energiegewinnung gewagt: Mit 23 Ja-Stimmen, vier Nein-Stimmen und sechs Enthaltungen wurde ein Beschlussantrag angenommen, der die Landesregierung dazu auffordert, die Produktion von grünem Wasserstoff aus Abwasser in den landeseigenen Kläranlagen zu prüfen.

Hinter der Initiative steht Andreas Colli von der Bürgerbewegung „Wir Bürger“. Seine Vision: Aus den 50 öffentlichen Kläranlagen Südtirols, die jährlich rund 70 Millionen Kubikmeter Abwasser reinigen, sollen klimaneutrale Energiequellen werden. Statt wie bisher große Strommengen zu verbrauchen – 2021 waren es 38 Millionen Kilowattstunden – könnten die Anlagen künftig mehr Energie erzeugen als sie benötigen.

Die technische Grundlage bildet ein neues Verfahren, das Wasser ohne den Einsatz von Strom in Sauerstoff und Wasserstoff aufspalten kann. Bisherige Methoden benötigten dafür aufwendige und energieintensive Elektrolyse. Nach Angaben von Colli sollen mit neun Liter Abwasser theoretisch 200 Kilometer Fahrstrecke für ein wasserstoffbetriebenes Auto möglich sein. Der gewonnene Wasserstoff könnte als Treibstoff dienen, der Sauerstoff würde in die Atmosphäre entweichen.

Nicht nur Begeisterung

Doch nicht alle Abgeordneten zeigten sich überzeugt. Paul Köllensperger vom Team K äußerte erhebliche Zweifel an den genannten Zahlen. Er verwies darauf, dass aus neun Liter Wasser physikalisch maximal ein Kilogramm Wasserstoff gewonnen werden könne – deutlich weniger, als im Antrag suggeriert werde. Auch die Qualifikationen des zitierten Experten Ulrich Kubinger stellte er infrage.

Landesrat Peter Brunner signalisierte dennoch Offenheit: Die Landesregierung wolle die technologische Entwicklung genau beobachten. Colli verwies auf ein bereits funktionierendes System in Kitzbühel als Vorbild. Südtirol verfügt bereits über eine fortschrittliche Abwasserinfrastruktur: 98,1 Prozent aller Einwohner sowie der Tourismussektor sind an öffentliche Kläranlagen angeschlossen. Rund 60 Prozent des Energiebedarfs decken diese bereits durch Biogas und Photovoltaik selbst ab.

Ob und wann die neue Technologie tatsächlich zum Einsatz kommen wird, bleibt abzuwarten. Zunächst steht nun eine gründliche Prüfung durch die zuständigen Landesämter an. Sollte sich das Verfahren als praktikabel und wirtschaftlich erweisen, könnte Südtirol einen weiteren Schritt in Richtung Energieautonomie machen und seine Vorreiterrolle im Umweltschutz weiter ausbauen.

Bezirk: Bozen

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