Von: luk
Bozen – Evelyn Palla, Alessio Lasta, Ulrich Ladurner und Markus Lanz – vier hochkarätige Persönlichkeiten mit Südtiroler Wurzeln und internationalen Karrieren diskutieren auf Einladung von Landtagspräsident Arnold Schuler im Plenarsaal des Landesparlaments. Thematisiert wurden zentrale Herausforderungen wie Tourismus, Einwanderung und Braindrain.
„Wir beschäftigen uns im Landtag vor allem mit der Innenansicht. Umso wichtiger ist es, diese durch den Blick von außen zu ergänzen. Denn die Frage ist nicht nur, wie wir uns selbst sehen, sondern auch, wie wir wahrgenommen werden und was wir daraus lernen können”, unterstrich Landtagspräsident Arnold Schuler am heutigen Freitagabend einleitend bei der Podiumsdiskussion „Südtirol im Dialog – Perspektiven von außen“.
An der Veranstaltung im Plenarsaal des Südtiroler Landtages nahmen vier bekannte Südtiroler Persönlichkeiten teil, die ihre erfolgreichen beruflichen Laufbahnen fern ihrer Heimat aufgebaut haben: die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, der Journalist, Buchautor und Dozent für investigativen Journalismus Alessio Lasta, der Außenpolitikexperte und Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ Ulrich Ladurner sowie der ZDF-Moderator, Autor und Podcaster Markus Lanz. “Sie kennen Südtirol von innen, aber sie haben auch den Blick von außen, denn sie haben ihre Karrieren außerhalb der Landesgrenzen gemacht”, erklärte Schuler.
LH Arno Kompatscher ergänzte, dass Südtirol in vielen Bereichen sehr gut dastehe und dass die Lebensqualität hoch sei, auch dank des friedlichen Zusammenlebens auf Grundlage der Autonomie. Doch es sei nicht alles gut, es gebe Herausforderungen: Migration, demografischen Wandel, Globalisierung, ein gesunkenes Sicherheitsempfinden und ein großer Vertrauensverlust – nicht nur in die Politik. All das habe zu einem schwindenden sozialen Zusammenhalt geführt. Die Man frage sich, wie alles wieder in Ordnung gebracht werden könne. „Ich bin gespannt auf die Antworten, die wir heute erhalten werden“, so Kompatscher.
Laduner: “Klare Zukunftsperspektive fehlt”
Im Verlauf der von Gabriele Crepaz moderierten Diskussion wurde deutlich, dass die aktuellen Spannungsfelder häufig eng mit dem eigenen Erfolg des Landes zusammenhängen. So zeichnete Ladurner ein Bild einer wohlhabenden Gesellschaft, der zunehmend eine klare Zukunftsperspektive fehle. Wohlstand allein löse keine Probleme – im Gegenteil könne er das Verhältnis zwischen Bürgern und Politik verzerren.
Lanz: “Südtirol ist Opfer eigenen Erfolgs”
Auch Lanz griff diesen Gedanken auf: Südtirol sei in gewisser Weise „Opfer seines eigenen Erfolgs“. Der starke Tourismus habe Wohlstand gebracht, gleichzeitig aber neue Konflikte erzeugt. Es gehe längst nicht mehr nur um wirtschaftliche Fragen, sondern auch um Identität und Zugehörigkeit. Heimat bedeute nicht nur Herkunft, sondern auch Leistbarkeit und Lebensqualität.
Palla: “Bei Tourismus muss Balance gefunden werden”
Palla bestätigte den positiven Blick von außen: Südtirol genieße international große Sympathie und werde von vielen als Sehnsuchtsort wahrgenommen. Gleichzeitig warnte sie davor, die bestehenden Herausforderungen zu unterschätzen. Themen wie leistbarer Wohnraum oder Abwanderung junger Menschen seien relevant. Beim Tourismus sei man an einem Punkt angelangt, an dem eine neue Balance gefunden werden müsse – insbesondere dann, wenn die eigene Bevölkerung die Entwicklung zunehmend kritisch sehe.
Lasta: “Migration differenziert betrachten”
Lasta lenkte den Blick auf gesellschaftliche und politische Dynamiken. Migration sei eine zentrale Herausforderung, die differenziert betrachtet werden müsse. Es brauche weniger starre Strukturen und mehr Verständnis für reale Lebenssituationen. Zugleich plädierte er für einen Mentalitätswandel im Umgang mit Zuwanderung und betonte die Bedeutung von Freiwilligenarbeit und sozialem Engagement.
Rolle der Politik
Ein wiederkehrendes Thema war die Rolle der Politik. Ladurner forderte mehr Mut und Angstfreiheit im politischen Handeln. Transformation müsse aktiv gestaltet werden, auch wenn sie unbequem sei. Lanz hingegen warnte vor überstürzten Eingriffen und plädierte für schrittweise Veränderungen, etwa im Hinblick auf den Klimawandel und die Zukunft des Tourismus.
Einigkeit bestand darin, dass viele Probleme komplex sind und einfache Lösungen nicht ausreichen. Vertrauen in politische Institutionen sei dabei ein entscheidender Faktor. Palla hob hervor, dass es sowohl in der Politik als auch im Management darauf ankomme, konsequent Ziele zu verfolgen und gleichzeitig flexibel auf Veränderungen zu reagieren.
Fragerunde mit Landtagsabgeordneten
Die anschließende Fragerunde mit Landtagsabgeordneten griff zentrale Themen wie einen notwendigen Paradigmenwechsel im Tourismus, Gesundheitswesen, Abwanderung junger Menschen (Braindrain), Wohnraum, Medienlandschaft und den Einfluss von Social Media auf die Gesellschaft auf. Dabei wurde deutlich, dass Südtirol im Spannungsfeld zwischen globalen Entwicklungen und lokalen Besonderheiten steht. Die Diskussion unterstrich die Notwendigkeit, erfolgreiche Modelle zu adaptieren, die Attraktivität des Landes für junge Menschen zu stärken und gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv zu fördern.
Zum Abschluss zog Landtagspräsident Arnold Schuler ein positives Fazit: „Mit ‚Südtirol im Dialog‘ wollten wir bewusst den Blick von außen in den Landtag holen – das ist uns gelungen. Dieser Perspektivenwechsel hilft uns, eingefahrene Sichtweisen zu hinterfragen und neue Impulse für die Zukunft unseres Landes zu gewinnen.“




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