Von: APA/dpa/Reuters
Iran und Israel haben sich das erste Mal seit der im April zwischen Teheran und Washington vereinbarten Waffenruhe gegenseitig angegriffen. Israels Luftwaffe habe Ziele im Westen und im Zentrum des Iran ins Visier genommen, teilte das israelische Militär in den frühen Morgenstunden des Montag auf der Plattform X mit. Wenige Stunden zuvor hatte der Iran Israel mit Raketen beschossen. Auch am Morgen feuerte das Land erneut Raketen auf Israel.
In vielen Orten im Zentrum und im Norden des Landes waren die Einwohner aufgerufen, sich in Schutzräume zu begeben. Inzwischen durften die Menschen diese wieder verlassen. Berichte über Opfer gab es zunächst nicht.
Die iranischen Revolutionsgarden ließen wissen, man habe eine petrochemische Anlage im israelischen Haifa mit Raketen angegriffen. Dies sei die Reaktion auf einen amerikanisch-israelischen Angriff auf eine ähnliche Anlage im Iran. Weitere Angriffe auf zivile Ziele und Energieanlagen in der Region würden Folgen für die Weltwirtschaft haben. Die Verantwortung dafür trügen die USA.
Berichte über Explosionen in Teheran
Der iranische Staatssender Irib und die Nachrichtenagentur IRNA berichteten unterdessen, dass in der Hauptstadt Teheran Explosionen zu hören gewesen seien. Wohngebiete innerhalb der Stadt wurden demnach nicht getroffen. Der Angriff folgte auf iranische Raketenangriffe auf Israel am Abend zuvor.
Später wurden weitere Angriffe aus verschiedenen Landesteilen gemeldet. In der Provinz Hamdan im Nordwesten habe es am Vormittag einen Angriff gegeben, berichtete die Agentur Tasnim, die den mächtigen Revolutionsgarden nahesteht. Im Süden Teherans seien Explosionen zu hören gewesen, meldete die Nachrichtenagentur Nour-News. Ein Sprecher der Stadtverwaltung sagte, unterirdische Parkhäuser würden als Schutzräume vorbereitet.
Israel greife strategische Verteidigungssysteme im Iran massiv an. Ziel des Großangriffs sei es, die nach den amerikanisch-israelischen Angriffen wiederaufgebaute Luftabwehr auszuschalten, teilte Israels dazu Armee mit. Später hieß es, man habe erst seit kurzem von Teheran eingesetzte Verteidigungssysteme in zahlreichen Gegenden des Landes zerstört.
Im Krieg vor einigen Monaten hatte Israel Militärangaben zufolge die Verteidigungsfähigkeiten des Landes geschwächt. Der Iran habe mit dem Einsatz der neuen Systeme versucht, diese Fähigkeiten wiederherzustellen, hieß es in einer Mitteilung der Armee weiter. “Diese Angriffe erweitern die Handlungsfreiheit der israelischen Luftwaffe im iranischen Luftraum noch weiter.” Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.
Der Iran warnte vor einem Scheitern der Friedensbemühungen von US-Präsident Donald Trump. Die israelischen Angriffe und die iranischen Gegenangriffe belasteten den “chaotischen diplomatischen Prozess” mit den USA, teilte das Außenministerium in Teheran mit. Zudem verstärke die Entwicklung das Misstrauen der Regierung in Teheran gegenüber Washington, sagte Ministeriumssprecher Esmail Baghaei. Die USA trügen die Verantwortung für die jüngsten Verletzungen der Waffenruhe, da Israel nicht ohne Rücksprache mit Washington handle.
Iran feuert Raketen auf Israel
Am späten Sonntagabend hatten Staatsmedien der Islamischen Republik mehrere Raketensalven auf Israel gemeldet. Das zentrale Militärkommando des Iran bestätigte die Raketenangriffe. In einer vom staatlichen Rundfunk verbreiteten Erklärung begründeten die Streitkräfte die Attacke mit “wiederholten Verstößen” der israelischen Armee gegen die Waffenruhe im Libanon. Die iranischen Streitkräfte zielten eigenen Angaben unter anderem auf den israelischen Luftwaffenstützpunkt Ramat David.
Laut dem israelischen Militär wurden alle Raketen der ersten Wellen abgefangen.
Flughäfen stark beeinträchtigt
Nach israelischen Angriffen in der Nacht haben Flughäfen in Teheran bis auf weiteres den Betrieb eingestellt. Flüge von den Flughäfen Imam Khomeini International und Mehrabad seien derzeit eingestellt, berichtete die Nachrichtenagentur Fars unter Berufung auf eine offizielle Stellungnahme. Auch seien Flüge an allen Flughäfen im Westen des Landes eingestellt, hieß es weiter.
Zudem sei in der westiranischen Stadt Kermanshah die Flugabwehr aktiv, um feindliche Geschosse abzufangen, hieß es in einem Bericht der Agentur Mehr. Der Flughafen der Stadt stelle ebenfalls seinen Betrieb bis auf weiteres ein, hieß es in einem zusätzlichen Bericht der Agentur. Später wurde laut Fars auch der Flughafen Mashhad im Nordosten gesperrt.
Spekulationen in sozialen Netzwerken über einen Angriff auf den Flughafen der Metropole Shiraz wurden in einem Bericht der Agentur Mehr zurückgewiesen. Aber auch dieser Flughafen stellte am Vormittag den Betrieb auf weiteres ein, berichtete Tasnim.
Bei Angriffen auf Ziele in Tabriz im Norden des Landes habe es keine Toten oder Verletzten gegeben, berichtete IRNA. Unabhängig überprüfen lassen sich die Berichte nicht.
Neuer Raketenbeschuss am Morgen
In mehreren Gegenden Israels heulten nach neuem iranischem Raketenbeschuss am Montag in der Früh die Warnsirenen. Unter anderem im Zentrum und im Süden des Landes gab es Raketenalarm. Etliche Menschen mussten erneut Schutz in Bunkern vor dem Angriff suchen. Zuvor hatten sie eine Warnung per Handy erhalten. “Die Verteidigungssysteme sind im Einsatz, um die Bedrohung abzufangen”, teilte das israelische Militär mit.
Israelischen Berichten zufolge wurden bei einem iranischen Raketenangriff am Morgen mehrere Häuser in einer israelischen Siedlung im besetzten Westjordanland beschädigt. Nach Angaben des israelischen Militärs ist auch eine Rakete aus dem Jemen in Richtung Israel abgefeuert worden. Im Jemen operiert die vom Iran unterstützte militant-islamistische Houthi-Miliz.
Israels Armee greift petrochemische Anlage im Iran an
Das israelische Militär griff nach eigenen Angaben im Südwesten Iran, in der Hafenstadt Mahshahr, eine Anlage der petrochemischen Industrie an. Fars, die den mächtigen Revolutionsgarden nahesteht, berichtete unter Berufung auf einen stellvertretenden Gouverneur der iranischen Provinz Khuzestan, dass Teile der Anlage bei dem Luftangriff beschädigt worden seien. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Der Angriff führte aber iranischerseits zum Gegenschlag in Haifa.
Netanyahu setzt sich über Trump hinweg
US-Präsident Donald Trump telefonierte in der Nacht auf Montag mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Medien berichteten, dass Trump Netanyahu dazu aufforderte, auf Gegenangriffe gegen Teheran zu verzichten. An den Iran appellierte er laut dem US-Sender Fox News, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und ein Abkommen zu schließen.
Gegenüber der “Financial Times” hatte sich Trump zuversichtlich geäußert, dass es trotz der jüngsten Eskalation ein Abkommen geben wird. “Das wird keinerlei Auswirkungen auf das Abkommen haben”, sagte Trump in einem Telefoninterview der Zeitung.
Zudem werde Netanyahu keine andere Wahl haben, als ein Abkommen zu akzeptieren, das die USA mit dem Iran aushandelten. “Ich habe das alleinige Sagen. Er hat nicht das Sagen”, meinte der US-Präsident demnach mit Bezug auf den israelischen Premier.
Angriffe im Libanon
Israel hatte am Sonntag in Vororten der libanesischen Hauptstadt Beirut angegriffen – trotz einer Waffenruhe im Libanon, die unter Vermittlung von den USA zustande gekommen war. Die Armee habe in Beirut “Terroristen-Hauptquartiere” als Reaktion auf vorherigen Beschuss Israels durch die Hisbollah angegriffen, teilten Netanyahu und sein Verteidigungsminister Israel Katz mit.
Die Hisbollah ist der wichtigste nicht staatliche Verbündete des Iran. Teheran hatte zuvor gewarnt, dass weitere israelische Angriffe auf den Großraum Beirut als neuer Eskalationsschritt in der regionalen Konfrontation gewertet würden.
Längere Verhandlungen brachten keinen Durchbruch
Am 28. Februar hatten Israel und die USA ihren Krieg gegen den Iran begonnen. Teheran reagierte mit massiven Angriffen auf Israel und die Golfstaaten mit Raketen und Drohnen. Zuletzt hat der Iran in der Nacht auf den 8. April Raketen auf Israel abgefeuert. Am selben Tag einigten sich die USA und der Iran auf eine zunächst zweiwöchige Waffenruhe, die später verlängert wurde. Trump knüpfte diese auch an die Öffnung der Straße von Hormuz. Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über eine dauerhafte Beendigung des Kriegs haben aber bisher keine Einigung gebracht.
Die Waffenruhe für den Libanon, wo Israel gegen die Hisbollah-Miliz vorgeht, war Mitte April verkündet worden. Vergangene Woche einigten sich Israel und der Libanon auf einen neuen Anlauf zur Umsetzung der bisher faktisch kaum wirksamen Feuerpause. Die libanesische Regierung ist keine Kriegspartei. Die Hisbollah-Miliz verhandelt nicht mit Israel und lehnte die vereinbarten Bedingungen ab.
EU-Aufruf zu Deeskalation
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kritisierte die neuen Kampfhandlungen zwischen Israel und dem Iran. “Ich denke, die Region braucht keine weitere Eskalation”, sagte Kallas vor einem Treffen der EU-Verteidigungsminister in Nikosia am Montag. Auch die britische Regierung rief zur Deeskalation auf. “Niemand hat ein Interesse an der Wiederaufnahme des Konflikts zwischen dem Iran und Israel”, schrieb Außenministerin Yvette Cooper auf X. “Beide Seiten müssen sich in Zurückhaltung üben und die Lage unverzüglich deeskalieren.”
Der israelische Botschafter in den USA, Yechiel Leiter, verteidigte das Vorgehen seines Landes. “Jeder hat genug von diesem wahnsinnigen iranischen Regime”, schrieb er auf X. Kein Land der Welt würde einen iranischen Angriff tolerieren. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, schrieb auf X: “Das Mutterschiff des Satans befindet sich in Teheran.”
Der Iran blockiert wegen des Krieges weiterhin den Großteil der Schifffahrt durch die Straße von Hormuz. Durch die Meerenge wird ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls und Flüssiggases transportiert. Die USA blockieren ihrerseits iranische Häfen.
Trump pocht auf ein neues Abkommen, das den Iran an der Entwicklung von Atomwaffen hindert. “Wir stehen sehr kurz vor einer Einigung, oder ich werde sie in Grund und Boden bomben”, sagte er dem Sender NBC. Die Führung in Teheran bestreitet, nach Atomwaffen zu streben und fordert im Gegenzug für ein Abkommen die Aufhebung der Sanktionen und die Freigabe eingefrorener Gelder in Milliardenhöhe. Zudem beansprucht der Iran die Kontrolle über die Straße von Hormuz, was die USA ablehnen. Der iranische Botschafter in Russland, Kazem Jalali, sagte der Zeitung “Iswestija”, die Meerenge werde geöffnet, allerdings unter neuen Bedingungen. Der Iran und der Oman würden künftig Gebühren für Dienstleistungen in der Region erheben.




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