Transport der Hyperschallrakete Oreschnik (Archivbild)

Moskau bestätigt Einsatz von Hyperschallrakete Oreschnik

Freitag, 09. Januar 2026 | 15:58 Uhr

Von: APA/dpa/Reuters

Zum zweiten Mal seit Beginn der Vollinvasion in der Ukraine vor knapp vier Jahren hat Russland seine neue Hyperschallrakete Oreschnik auf das Nachbarland abgeschossen. In der Nacht auf Freitag schlug die Rakete im Westen der Ukraine nahe der Grenze zu Polen ein. Die Regierung in Kiew wertete dies als neue Bedrohung für die europäische Sicherheit, die eine weltweite Reaktion erfordere.

Russland begründete den Einsatz der Oreschnik-Rakete mit einem angeblichen Drohnenangriff auf eine Residenz von Präsident Wladimir Putin im vergangenen Monat – ein Vorfall, den die Ukraine bestreitet und der sich auch nach US-Angaben nicht ereignet hat. Die Oreschnik gilt als neueste russische Waffenentwicklung und kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen. Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu 12.000 km/h und ihre Reichweite von bis zu 5.000 Kilometer machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent.

Staats- und Regierungschefs verurteilen Einsatz

Die Staats- und Regierungschefs von Großbritannien, Frankreich und Deutschland verurteilten den russischen Einsatz der Rakete als “eskalierend und inakzeptabel”. Dies teilte das Büro des britischen Premierministers Keir Starmer nach einem Telefonat mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit. “Russland eskaliert hier unprovoziert weiter”, ergänzte ein Regierungssprecher in Berlin.

Auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete den Einsatz als “klare Eskalation” und “Warnung an Europa und die USA”. Die EU-Länder müssten ihre Bestände an Luftverteidigung aufstocken.

Aus dem österreichischen Außenministerium verlautete, dass Russland in der Nacht erneut gezeigt hätte, “dass es kein Interesse an Frieden hat”. Man dürfe “nicht aus den Augen verlieren, dass die #Ukraine weiterhin unsere Sicherheit in Europa verteidigt”, schrieb das Außenamt am Freitag in Onlinediensten wie X.

Moskau spricht von Vergeltung

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau handelte es sich um eine Vergeltungsaktion für die angebliche ukrainische Attacke auf die Präsidentenresidenz im nordrussischen Waldai kurz vor dem Jahreswechsel. “Die russischen Streitkräfte haben einen massiven Schlag mit boden- und seebasierten Hochpräzisionswaffen großer Reichweite gegen kritische Objekte auf dem Gebiet der Ukraine geführt, darunter auch mit dem Mittelstreckenkomplex Oreschnik und Drohnen”, hieß es in der Mitteilung des Ministeriums. “Es wurden Objekte zur Produktion von Drohnen getroffen, die bei der terroristischen Attacke (auf die Präsidentenresidenz) eingesetzt wurden, und Energieinfrastruktur, die die Arbeit des Rüstungskomplexes der Ukraine ermöglicht.”

Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew rechtfertigte den Einsatz der Oreschnik gegen die Ukraine als Beruhigungsmittel. “Gefährliche Psychopathen brauchen eine Zwangsjacke oder eine Rettungsspritze mit Haloperidol”, schrieb der Vizechef des nationalen Sicherheitsrats in Moskau. Haloperidol ist ein Medikament zur Behandlung von Schizophrenie.

Selenskyj fordert internationale Reaktion

Der Angriff ereignete sich im Rahmen nächtlicher Luftangriffe, bei denen nach ukrainischen Angaben auch vier Menschen in Kiew getötet und mehr als 20 verletzt wurden. Zudem wurde die katarische Botschaft in der ukrainischen Hauptstadt beschädigt. Der Strom fiel in mehr als einer halben Million Haushalte aus. Bei starkem Schneefall und Temperaturen um minus zehn Grad Celsius waren auch die Wasser- und Wärmeversorgung unterbrochen. Bürgermeister Vitali Klitschko rief die Bewohner dazu auf, die Kiew vorläufig zu verlassen, wenn sie außerhalb über andere Möglichkeiten zum Bezug von Strom und eine warme Unterbringung verfügen sollten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte nach den schweren russischen Angriffen in der Nacht eine internationale Reaktion. Russland habe bei der Attacke 242 Drohnen, 13 ballistische Raketen – darunter die Mittelstreckenrakete Oreschnik – und 22 Marschflugkörper eingesetzt, schrieb Selenskyj bei Telegram. Die Angriffe hätten sich gegen zivile Infrastruktur und Wohnhäuser gerichtet. Bisherigen Informationen zufolge gebe es vier Todesopfer und Dutzende Verletzte. “Es ist eine klare Reaktion der Welt nötig, insbesondere der USA, auf die Russland tatsächlich achtet”, schrieb er.

Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU stuft den Angriff mit der Hyperschallrakete als Kriegsverbrechen ein. Die Mittelstreckenrakete kann nach russischen Angaben wegen ihrer Geschwindigkeit von mehr als der zehnfachen Schallgeschwindigkeit nicht abgefangen werden. Sie kann sowohl mit konventionellen als auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden. Russland hatte die Oreschnik – russisch für Haselnussbaum – erstmals im November 2024 gegen eine Rüstungsfabrik in der Ukraine eingesetzt.

Sprengstoff-“Attrappen”

Die ukrainische Luftwaffe bestätigte den Einsatz der Rakete, die vom Testgelände Kapustin Jar nahe dem Kaspischen Meer gestartet worden sei. Der Gouverneur der westukrainischen Region Lwiw hatte zuvor erklärt, ein russischer Angriff habe ein Infrastrukturziel getroffen. Unbestätigten Berichten in sozialen Medien zufolge handelte es sich dabei um einen großen unterirdischen Gasspeicher.

Einem hochrangigen ukrainischen Regierungsvertreter zufolge wurde bei dem Angriff die Werkstatt eines staatlichen Unternehmens in Lwiw getroffen. Der Angriff sei mit konventionellen Sprengköpfen erfolgt und habe auch Attrappen getragen, sagte der Regierungsvertreter. Die Werkstatt habe mehrere Einschläge von kleiner Submunition erlitten. “Es ist absurd, dass Russland diesen Angriff mit dem gefälschten ‘Angriff auf die Putin-Residenz’ zu rechtfertigen versucht, der nie stattgefunden hat”, erklärte Außenminister Andrij Sybiha. “Putin setzt eine Mittelstreckenrakete nahe der EU- und NATO-Grenze als Reaktion auf seine eigenen Halluzinationen ein – das ist wirklich eine globale Bedrohung.”

Mehr als 500.000 Russen ohne Strom

Ein ukrainischer Angriff auf das westrussische Gebiet Belgorod hatte indes nach Angaben der örtlichen Behörden einen großflächigen Ausfall der Strom-, Wärme und Wasserversorgung zur Folge. Der Beschuss eines Infrastrukturobjekts mit Raketen habe 556.000 Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten, teilte Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow bei Telegram mit. “Ohne Wärmeversorgung ist fast die gleiche Anzahl, in erster Linie betrifft das 1.920 Mehrfamilienhäuser. Fast 200.000 Menschen sind ohne Wasser und Abwasser”, sagte er in dem Video. Nach Angaben Gladkows sind die Reparaturarbeiten bereits angelaufen. “Die Situation ist sehr schwierig”, betonte er.

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