Dachverband für Natur- und Umweltschutz nimmt Stellung

“Dolomiten ersticken im Verkehr”: Bahn-Idee wird begrüßt

Montag, 01. August 2016 | 16:00 Uhr
Update

Bozen – Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz begrüßt die von der SAD-Spitze am vergangenen Freitag vorgestellten schienengebundenen Verkehrsvisionen ins Überetsch und in die Dolomiten. Selbstverständlich seien im Genehmigungsverfahren Ressourcen- und Landschafts-verbrauch sehr genau abzuwägen. “Dennoch sind wir der Überzeugung, dass nur durch eine attraktive öffentliche Mobilität, die bei Fahrzeit, Komfort, Sicherheit und Kosten punkten kann, der überbordende Individualverkehr auf ein verträgliches Maß zurückgeschraubt werden kann”, so die Vertreter des Verbandes.

Am vergangenen Freitag stellten die Spitzen der SAD Nahverkehrs AG zwei Projekte zum Ausbau des schienengebundenen öffentlichen Nahverkehr vor: die Überetscher Bahn sowie eine Studie zu einer Bahn von Bozen über das Schlerngebiet nach Gröden, Gadertal bis nach Cortina d’Ampezzo.

Dass die SAD für die Verbindung von Bozen ins Überetsch neuerlich auf eine schienengebundene Tram-Lösung setzt, freut den Dachverband für Natur- und Umweltschutz, hat er doch seit Beginn der Debatte um die Überetscher Bahn immer die Tram-Lösung gegenüber Seilbahn, Mini-Metro oder Metrobus favorisiert. “Da auch in den drei Gemeinden Bozen, Eppan und Kaltern sowohl Politik als auch Bevölkerung mehrheitlich hinter diesem Projekt stehen, hoffen wir, dass durch den Impuls der SAD das Thema Tram auch wieder auf die Agenda der Landespolitik kommt.”

Eine ganz andere Größenordnung sei hingegen die Idee der Dolomiten-Bahn, nicht nur was die notwendigen Investitionen anbelangt. “Der von der SAD gemachte Vorschlag bettet die Bahn in ein größeres Verkehrskonzept ein, kombiniert geschickt neue Technologien von Flach- und Steigungsbahnen um den verschiedenen Ansprüchen von Pendlern und Gästen gerecht zu werden. Zudem deckt er mit der Trassenführung die touristischen Ballungsgebiete im Dolomitengebiet ab und kann so eine echte Konkurrenz zum Individualverkehr sein. Dies ist auch dringend nötig, denn das Gebiet rund um die Dolomiten erstickt förmlich im Verkehr. So kann und darf geplante Bahn nicht ein zusätzliches Verkehrsangebot darstellen, sondern muss das Auto (und das Motorrad!) ersetzen. Dies liegt im Übrigen ganz im Interesse des Betreibers, denn Bau und Betrieb dieser Bahn rechnen sich erst mit einer Passagierzahl von 6-7,5 Mio. Passagieren/Jahr”, so der Dachverband.

“Auch wenn der Dachverband der nun vorgestellten Studie einiges abgewinnen kann, werden wir selbstverständlich mit Argusaugen und zusammen mit den Umwelt- und Naturschutz-Organisationen vor Ort darauf schauen, dass das Projekt so landschafts- und umweltschonend wie nur möglich umgesetzt wird. Die Trasse verläuft entlang der Dolomiten-UNESCO-Weltnaturerbe-Stätten und eine Aberkennung dieses Titels aufgrund nicht naturverträglicher Planung möchte wohl niemand verantworten. Zudem werden wir uns dafür einsetzen, dass mit der Fertigstellung dieser Bahn die damit erschlossenen Pässe für den Individualverkehr – mit genau definierten Ausnahmen – gesperrt  werden. Bis dahin braucht es eine stundenweise Schließung der Dolomitenpässe für den motorisierten Individualverkehr (sog. Zeitfenster statt einer Maut), um den Verkehrskollaps auf den Pässen entgegen zu wirken”, schließt der Verband.

WAS BISHER BERICHTET WURDE (30.7.2016)

Auf Schloss Prösels präsentierte am Freitag die SAD-Gruppe ihre Ideen und Visionen für eine zukünftige Mobilität in den Alpen. Besonders das Projekt „Dolomitenbahn“ wurde begeistert aufgenommen und insgesamt als große Chance für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Mobilität angesehen. Vor vollen Rängen mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Naturschutz und Behörden glänzten der italienische Vizeminister Riccardo Nencini, der deutsche Staatssekretär Enak Ferlemann und der Schweizer Verkehrsexperte Walter Finkbohner mit ihren Stellungnahmen zur Mobilität. Der Alpinist Reinhold Messner brach eine Lanze für eine Eisenbahn über die Dolomitenpässe; die Pässe könnte man dann für den Verkehr sperren, so Messner.

Nachdem sich die geladenen Gäste der Mobilitätstagung auf Schloss Prösels eingefunden hatten, übernahm Christoph Perathoner, seines Zeichens Präsident der SAD-AG, das Wort und eröffnete die Informationsveranstaltung mit einigen kurzen Grußworten. Nach einer Vorstellung des Unternehmens und einem Ausblick in die Zukunft begann der eigentliche Teil der Tagung. Die große Herausforderung für die Zukunft des Unternehmens SAD-AG läge im Ausbau der neuen Geschäftsfelder des öffentlichen Personennahverkehrs und in der Umsetzung von integrierten Lösungen zwischen Aufstiegsanlagen, Bus- und Bahnverbindungen, so Perathoner. Florian Mussner, Landesrat für Mobilität, führte kurz die aktuellen Entwicklungen der Südtiroler Mobilität aus. „Wir denken auch international: Verbindungen zur Schweiz oder nach Österreich, aber auch in die Lombardei, sind Ziele. Südtirol ist gut gestartet, jedoch ist die Mobilität hierzulande durchaus ausbaufähig.“ Der von Florian Mussner angestimmte positive Grundtenor wurde im Anschluss von Vizeminister Riccardo Nencini weitergetragen. Südtirols Mobilität in den italienischen Kontext zu stellen und die Wichtigkeit Südtirols für Italien hervorzuheben, waren zentrale Punkte von Nencini´s Ausführungen. „Alto Adige non lo vedo come und provincia, però come un´quadrante importante. Dal punto di vista del impatto, il Brennero non lo vediamo come un opera nazionale, però come una piattaforma economica importantissima,” führte Nencini aus. Südtirols Mobilität hat natürlich auch eine zentrale Signifikanz auf internationaler Ebene, besonders für die direkten Nachbarn Österreich, Schweiz oder Deutschland. Enak Ferlemann, Staatssekretär in Verkehrsfragen der Bundesrepublik Deutschland, bereicherte im Anschluss an Nencini die Tagung mit einigen interessanten Statements zur deutschen Mobilität und dessen Verbindung zum Südtiroler Nahverkehr. Besonders der BBT wurde von Ferlemann hervorgehoben: „Der BBT war eine weise Entscheidung, ich werde mir das Projekt am Montag selbst nochmal ansehen. Herausforderungen in Zusammenhang mit dem BBT stellen sich auch für Deutschland. Wir haben rund 270 Milliarden Euro für Infrastrukturprojekte reserviert, um die Mobilität für die Zukunft zu wappnen, sei es in Bezug auf das Inland, aber auch für Ausland.“

Als direkter Nachbar war nicht nur Deutschland, sondern auch die Schweiz vertreten. Herr Walter Finkbohner, ein anerkannter Schweizer Verkehrsexperte, erheiterte mit einem humorvollen Vortrag das Publikum und widmete sich in erster Linie Schweizer Mobilitäts- und Bahnprojekten. „Wenn die Bahn oder der öffentliche Verkehr nicht direkt am Kunden oder bei der Bevölkerung ist, oder wenn man als Dienstleister zu bequem ist, dann bleibt man im Auto. Die Bequemlichkeit rund um die öffentlichen Verkehrsmittel und die Zuverlässigkeit sind entscheidende Punkte, sollte der Nahverkehr zum Durchbruch gelangen.“

Nach einer kurzen Kaffeepause im schönen Innenhof des Schlosses fanden sich die Tagungsgäste wieder im Rittersaal ein, wo Ingomar Gatterer, CEO der SAD-Nahverkehr AG, und Helmuth Moroder, Mobilitätsberater und Projektleiter der SAD-Nahverkehr AG den Höhepunkt der Tagung präsentierten: das Projekt der sog. „Dolomitenbahn“. Erschließung neuer Gebiete, ökologische Nachhaltigkeit, Anreise mit Hochgeschwindigkeitsbahnen, der Genuss und die Bewunderung einer der schönsten Gebirgszüge der Welt und das Umsteigen auf zuverlässigen Nahverkehr waren zentrale Pro-Argumente für das dem Zeitgeist entsprechende und mutige Projekt. In einem kurzen Interview äußerte sich auch der Südtiroler Unternehmer, Alpinist und Buchautor Reinhold Messner positiv zur Dolomitenbahn: „Erreichbarkeit ist ein Thema! Wenn wir uns Nahverkehr leisten wollen, müssen wir touristisch erfolgreich bleiben. Ich bin daher grundsätzlich für das Projekt einer Dolomitenbahn.“

Eine abschließende Podiumsdiskussion, moderiert von Gudrun Esser, setzte die noch einmal Akzente in der Veranstaltung. Manfred Pinzger, Klauspeter Dissinger, Christof Oberrauch, Ezio Facchin und Helmuth Moroder beleuchteten das Thema Mobilität in Südtirol und stellten ihre unterschiedlichen Sichtweisen dar. Der Präsident des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz Klauspeter Dissinger meinte enthusiastisch: „Auf jeden Fall würde ich in diesen Zug einsteigen. Wir kämpfen seit Langem dafür, dass viel mehr Individualverkehr auf die Schiene verlegt wird. Ich finde, das ist ein gutes Projekt, auch als Umweltschützer muss man abwägen können. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist sicher nötig, aber da bin ich sehr positiv gestimmt. Wir verschließen uns diesem Projekt nicht.“ Der Präsident a.D. des Südtiroler Unternehmerverbandes Christof Oberrauch war ebenfalls der Meinung, dass dieses Projekt wichtig für Südtirol sei: „Wir glauben, dass wir der Gesellschaft was zurückgeben müssen; diese zwei Bahnprojekte durch die Dolomiten und durch das Überetsch könnten ein Beispiel dafür sein.“ Auch die anderen Diskussionsteilnehmer äußerten sich positiv zum Thema Dolomitenbahn. Ezio Facchin, der staatliche Koordinator für die Zulaufstrecken zum BBT, hielt das Projekt für eine „ideale Verbindung mit dem BBT.“ Der HGV-Vorsitzende Manfred Pinzger tätigte folgende Aussage: „Wir haben ca. 6 Millionen Ankünfte und 30 Millionen Übernachtungen und sind stolz darauf. Solche Bahnprojekte, wie in der Schweiz, ziehen auch internationales Publikum an und garantieren Wertschöpfung und Kaufkraft.“

WAS BISHER BERICHTET WURDE (29.07.16)

Die SAD prescht mit Volldampf vor und will zwei neue Bahnverbindungen in Südtirol verwirklichen.

So plant das Nahverkehrsunternehmen eine Dolomitenbahn bis Cortina auf einer völlig neuen Strecke, die auch über Gröden und das Gadertal verläuft. Der Start ist in Bozen, dann soll der Zug auf der Brennerbahnlinie bis Blumau fahren, um dort abzuzweigen und über Seis, Kastelruth und Pontives bis zum Grödnerjoch gelangen. Von da soll es dann hinunter ins Gadertal nach St. Kassian und weiter bis nach Cortina gehen.

Die SAD plant dafür eine Kombination aus normaler Bahn und Zahnradbahn, damit die großen Höhenunterschiede überwunden werden können. Die neue Dolomitenbahn soll möglichst umweltschonend gebaut werden und könnte gleichzeitig mit dem BBT fertiggestellt sein.

Außerdem holt die SAD die Überetscher Bahn wieder aus der Schublade. Diese soll die Rittnerbahn in Bozen sowie die Mendelbahn in Kaltern miteinander verbinden.

Das hat heute der Haupteigentümer der SAD, Ingemar Gatterer, bei einer Tagung zum Bahnverkehr auf Schloss Prösels angekündigt. Die SAD wolle nicht nur Eisenbahndienstleister bleiben, sondern auch Eisenbahninfrastruktur selbst planen und bauen.

Die beiden Projekte sind laut Medienberichten bereits ausgearbeitet und werden heute auf Schloss Prösels vorgestellt.

Reinhold Messner begrüßt die Pläne

In einer ersten Reaktion hat der ehemalige Extrembergsteiger Reinhold Messner, der ebenfalls bei der Tagung anwesend war, die Pläne begrüßt.

Die Dolomitenbahn würde rund 1,6 Milliarden Euro kosten und soll als PPP-Projekt realisiert werden. Private und öffentliche Hand würden das Mammutprojekt also stemmen.

 

Von: luk

Bezirk: Bozen, Salten/Schlern, Überetsch/Unterland

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