Weiteres Thema: Euregio-Berufsmeisterschaften

Landtag befasst sich mit Familien

Mittwoch, 15. Juli 2015 | 17:07 Uhr

Bozen – Die BürgerUnion forderte im Landtag Maßnahmen zu mehr Familienfreundlichkeit: eine flexiblere Elternzeit, eine Erhöhung der Altersgrenze für adoptierende Eltern, keine Karrierenachteile bei Elternpause, Einführung eines Elterngelds. Kinderbetreuungsstrukturen seien nicht ideal, meinte Andreas Pöder, es sei noch nicht gelungen, Eltern vor Einbußen zu schützen. Das Recht der Kinder auf Eltern wiege schwerer als das Recht der Eltern auf Arbeit. Die Elternzeit in der öffentlichen Verwaltung sei gut und richtig, aber sie sei ein Privileg gegenüber Beschäftigten in der Privatwirtschaft.

Er sei in dieser Frage eher bei Pöder als bei der Landesregierung, die den Konzepten der EU nachlaufe, erklärte Pius Leitner (F). Die EU gebe die Betreuungsstrukturen als Ziel vor, und damit nehme man den Familien die Wahlfreiheit. Manche seien sogar der Meinung, man müsse Kinder importieren – damit schaffe Europa sich ab. Man müsse den Familien die Instrumente bieten, damit sie Kinder gerne haben wollten.

Es wäre schön, wenn man Geld für alles hätte, meinte Dieter Steger (SVP), für Betreuungsstrukturen wie für Eigenbetreuung. Anders als die Opposition müsse die Landesregierung sich nach den vorhandenen Mitteln richten. Die Opposition fordere alles gratis für alle. Man müsse sich aber auch bewusst sein, was bisher alles getan wurde. Beim Familiengeld sei man europaweit weit vorne. Die Gesellschaft habe sich verändert, eine Arbeit sei heute auch ein Wunsch der Frauen.

Elena Artioli (Team Autonomie) forderte die Landesregierung zu einem Kostenvergleich auf: für Fremd- und für Eigenbetreuung. Bei den Strukturen sollten jene, die arbeiten, jedenfalls Vorrang haben. Frauen, die daheim ihre Kinder erziehen würden anstatt zu arbeiten, sollten nicht diskriminiert werden. Solche Frauen zu unterstützen sei schlussendlich günstiger als Betreuungsstrukturen.
Der Wert der Familie dürfe nicht am Geld gemessen werden, meinte Maria Hochgruber Kuenzer (SVP). Familie sei etwas Wertvolles und Schönes. Familie ohne Beruf gehe heute für die meisten einfach nicht mehr.

Sven Knoll (STF) kritisierte Elena Artioli, die die Landbevölkerung psychologisch im Nachteil sah. Ein Kind zu bekommen dürfe nicht als Beeinträchtigung gesehen werden. Natürlich sei Unterstützung nötig. Man müsse dabei auch berücksichtigen, dass sich die Familie verändert habe. Es gebe heute auch viele Alleinerziehende. Einer Ausdehnung der Elternzeit könne er zustimmen, aber nicht bis zum achten Lebensjahr.

Riccardo Dello Sbarba (Grüne) sprach sich für Wahlfreiheit aus, wies aber auch darauf hin, dass die Geburtenrate in jenen Ländern hoch sei, wo es gute öffentliche Strukturen gebe und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf geboten werde. Bei der Elternzeit müsse man darauf hinarbeiten, dass sie keinen Karriereknick bedeute.

Myriam Atz Tammerle (STF) unterstützte die Aussagen von Maria Hochgruber Kuenzer. Geld könne das Zusammensein in der Familie nicht ersetzen. Die Wahlfreiheit sollte gewährleistet werden, aber derzeit sei sie nicht gegeben, auch nicht bei der Rentenanrechnung. Alessandro Urzì (Alto Adige nel cuore) bedauerte, dass da zwei grundlegende Sichtweisen aneinander gerieten. Die Vernunft liege in der Mitte. Man müsse die Bedürfnisse der Familie im Auge haben, aber auch jene ihrer Mitglieder.

LR Waltraud Deeg betonte, dass die Familie ein Wert sei, und dass sie in ihren verschiedensten Formen zu unterstützen sei. Der Vorwurf, die Familienpolitik der Landesregierung sei einseitig, gehe ins Leere. Sie sehe eine Aufwertung des Familienlebens vor, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie auch direkte Unterstützung der Familien, welche 70 Mio. Euro im Haushalt ausmache, während für die Strukturen nur 7 Mio. veranschlagt seien. Man sollte sich das vor Augen halten anstatt Populismus zu betreiben. Mehr Direktzahlungen bedeuteten nicht eine höhere Geburtenrate, das zeigten die Statistiken der europäischen Länder. Am höchsten sei sie in Frankreich und in Skandinavien, wo viele Betreuungsstrukturen geboten würden. Bei der Rentenabsicherung müsse man auf das Machbare schauen, einiges in dieser Hinsicht werde von der Region geboten. Es gebe auch die Absicht, das Familiengeld aufzustocken. Dem Antrag könne sie nicht zustimmen, weil er einen Rückschritt bedeute.

Hätten die Kinder freie Wahl, würden sie nicht die kalte Kindertagesstätte bevorzugen, meinte Andreas Pöder. Die Aussage, Familie habe nichts mit finanziellen Fragen zu tun, sei sehr elitär, Arbeiter und Angestellte würden das anders sehen. Es gebe auch die von Experten geäußerte Sorge, dass zu frühe Fremdbetreuung negative Spätfolgen habe. Der Antrag wurde in drei Teilabstimmungen mehrheitlich abgelehnt.

Die Süd-Tiroler Freiheit forderte eine gemeinsame Berufsmeisterschaft der Europaregion Tirol. Die Landesregierungen sollten den Austausch von Lehrlingen und Berufsschulen fördern, wobei auch gemeinsame Berufsmeisterschaften organisiert werden sollen. Ebenso sollte sie sich dafür einsetzen, dass bei den Berufsweltmeisterschaften nicht mehr nur staatliche Vertretungen antreten dürfen, sondern auch überregionale. Die Europaregion sei vor allem in der Jugend zu wenig bekannt, meinte Sven Knoll, daher sollte man ihren Bekanntheitsgrad in allen Bereichen stärken, in diesem Fall in der Berufsausbildung. Hier könne man auch ein Erfolgsmodell herzeigen. Derzeit gehe die Südtiroler Mannschaft bei den Worldskills in der italienischen Mannschaft unter.

Das Südtiroler Berufsbildungsmodell, das sich an den nördlichen Nachbarn orientiere, werde von anderen Regionen beneidet, erklärte Dieter Steger (SVP). Wo es das duale Modell gebe, sei die Jugendarbeitslosigkeit geringer. Der Austausch von Schülern und Lehrlingen sei wichtig, um auch andere Arbeitswelten kennen zu lernen. Mit den vorgeschlagenen Berufsmeisterschaften würde man der Europaregion auch Identität geben. Ebenfalls einverstanden zeigte sich Steger mit der Forderung nach einer gemeinsamen Mannschaft für die Worldskills, aber das sei nicht leicht zu erreichen. Alessandro Urzì (Alto Adige nel cuore) sprach sich für eine Zusammenarbeit der drei Länder aus, nicht aber für die Schaffung einer eigenen Identität – das sei Nostalgie. Die SVP lasse sich bei dem Thema immer treiben. In Abu Dhabi, wo die nächsten World Skills abgehalten würden, werde man beeindruckt von der Identität der Euregio sein.

Pius Leitner (F) unterstützte den Antrag. Beim Schüleraustausch seien innerhalb der Euregio noch bürokratische Schranken abzubauen. Einen Lehrlingsaustausch gebe es bereits, aber mit mäßigem Erfolg, da er nur sehr schwer herzustellen sei, erklärte LR Philipp Achammer. Man versuche nun eine gemeinsame Anstrengung, auch mit den Verbänden, um eine Steigerung der Lehrlingszahlen zu erreichen, vor allem in Bereichen, wo es Nachholbedarf gebe. Einige gemeinsame Berufsmeisterschaften gebe es bereits, etwa bei den Konditoren. Die gemeinsame Bewerbung für die Worldskills sei nicht revanchistisch, man wolle ja das Europa der Regionen stärken. Die 19 Südtiroler Bewerber würden sich übrigens derzeit sehr intensiv auf die nächsten Worldskills vorbereiten, er halte ihnen die Daumen.

Man wolle mit diesem Antrag natürlich auch Identität schaffen, antwortete Sven Knoll auf die Einwände Urzìs, man wolle zusammenführen, was zusammengehöre. Der Antrag mit 30 Ja und einem Nein angenommen.

Von: ©lt

Bezirk: Bozen