Starke, einprägsame Gesten

e-Motion eröffnet Tanzsaison im Cristallo-Theater

Donnerstag, 06. Oktober 2016 | 16:58 Uhr

Bozen – Mit der Aufführung “Apriti ai nostri baci” der Tanzkompanie e-MOTION (Choreografie Francesca La Cava), die in italienischer Erstaufführung gezeigt wird, wird am Mittwoch, 12. Oktober im Cristallo-Theater in Bozen die diesjährige Tanzsaison eröffnet (21.00 Uhr). Dies ist die zweite Tanzsaison, die das Zentrum für Kulturdienste S. Chiara in Trient anbietet – die Aufführungsreihe im Cristallo wird in Zusammenarbeit mit der Vereinigung L’Obiettivo organisiert. Am Vorabend, am 11. Oktober, wird die Fotoausstellung von Danilo Balducci eröffnet, die sich ebenfalls diesem Thema widmet.

“Apriti ai nostir baci” entsteht aus der künstlerischen Zusammenarbeit von Francesca la Cava – Choreografie, Guido Barbieri – Dramaturgie und Fabio Cifariello Ciardi, der für Musik und live electronics verantwortlich ist. Francesca La Cavas Choreografien gewähren mit starken, einprägsamen Gesten poetische und introspektive Einblicke in das menschliche Wesen und die moderne Gesellschaft.

So erklärt sich Boltanskis Aussage, dass die Mauer das Symbol des 20. Jahrhunderts ist. Einerseits ist die Mauer hart und kompakt andererseits enthält sie die Leben der zahllosen Niemande, die die Geschichte bevölkern. Eine Mauer der Gegensätze also, die trennt aber auch beschützt, die verschreckt aber auch beruhigt, die Grenzen schützt aber auch den Fremden aussperrt. Eine Geschichte von Einbeziehung und Ausschluss, die im Laufe der Zeit eine starke Wandlung vollzogen hat.

In den letzten 50 Jahren sind mehr als 10.000 km von Mauern und Grenzzäunen entstanden – ein Viertel des Erdumfanges! Sie zeichnen eine geografische Karte der Menschenbewegungen, der Völkerwanderungen, die das 20. und 21. Jahrhundert symbolisieren.

Die Idee zu “Apriti ai nostri baci – Studie zum Konzept der Mauer” entstand aus dem Bedürfnis und dem Wunsch über den symbolischen Charakter dieser Mauern nachzudenken.

In Wahrheit ist die Mauer schon immer mit einer starken, symbolischen Bedeutung behaftet. Nicht von ungefähr spielte die Mauer schon in der klassischen Mythologie eine wichtige Rolle, etwa in der Sage von Pyramus und Thisbe in Ovids Metamorphosen. Wie der Titel zu vorwegnimmt, inspiriert sich die Inszenierung an Ovids Worten “… Du offen stehst, damit wir uns küssen können”. Immer wieder wird der Stoff verarbeitet, etwa in Shakespeares Sommernachtstraum und bei Sartre, Christa Wolf und Agotha Kristof. In den letzten 50 Jahren aber läuft abseits der literarischen Pfade ein unaufhörlichen Symbolisierungsprozess, der die Mauer zu einer der eindrucksvollen und repräsentativen Ikone unserer Zeit stilisiert hat.

So geht es in der “dramaturgischen Studie” natürlich um einige der realen Mauern, die in großer Zahl rund um den Erdball entstanden sind und weiterhin entstehen. So beispielsweise um die Sandmauer die Marokko von der Sahara trennt, den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA, die Friedensmauern in der Springmartin Road in Belfast, die 12 km Sperrmauer in Evros zwischen Griechenland und Türkei, die Zäune, die die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla von Rest Afrikas trennen oder die 760 km Sperranlage entlang des Westjordanlandes.

In der Aufführung wird aber keine der erwähnten Mauern direkt auf der Bühne dargestellt. Die Mauer, die auf der Bühne des Cristallo-Theaters zu sehen sein wird, ist die Summe aller existierenden Mauern: Das Baumaterial für die Mauern sind die Körper der Darsteller: Sie werden aufbauen und abbauen, hochziehen und einreißen. Die Mauern der Geschichte, ob in Belfast oder im Westjordanland, werden lediglich gezeichnet, auf die Körper der Tänzer projiziert. Die menschlichen Figuren sind also sowohl Leinwand als auch Baumaterial – Spiegelbild der Realität und bewegliche, instabile und beunruhigende Oberfläche.

“Die Vielzahl von Frauen, Männern und Kindern, die in den letzten 50 Jahren durch die Mauern dieser Welt getrennt wurden”, erklären Francesca La Cava und Guido Barbieri, “werden Teil oder viel mehr Essenz dieses deprimierenden, ungerechten und unerträglichen Instrumentes der Trennung”.

Am Mittwoch, 12. Oktober (21.00 Uhr) stehen Sara Catellani, Andrea Di Matteo, Francesca La Cava, Manolo Perazzi und Valeria Russo auf der Bühne. Luca Franzetti (Cello) und Antonio Caggiano (Percussion). Chiara Defant (Bühnenbild und Kostüme), Carlo Oriani Ambrosini (Lichtdesign).

Infos und Kartenvormerkung telefonisch unter 0471 067822 oder  prenotazioni@teatrocristallo.it.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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