Von: apa
Der erste Publikumstag der Kunstbiennale Venedig ist traditionell für die Vergabe der Goldenen Löwen vorgesehen. Heuer wäre der Samstag wohl von der Frage geprägt, ob Florentina Holzingers aufsehenerregende “Seaworld Venice” im Österreich-Pavillon den Preis für den besten Länderbeitrag erhält. Doch das entfällt aufgrund des Jury-Rücktritts. Das Publikum darf diesmal selbst abstimmen. Die Auswertung erfolgt jedoch erst am 22. November. Bis dahin darf spekuliert werden.
In den Previewtagen war Österreich eindeutig vorne in der Publikumsgunst. Doch die Konkurrenz ist groß. Freunde von Wasserspielen können etwa schon wenige Meter weiter bei den “Liquid Tongues” der polnischen Künstler Bogna Burska und Daniel Kotowski einem Unterwasserballett zusehen, das mit Gebärdensprache und der Kommunikation von Walen arbeitet. Den kanadischen Pavillon hat Abbas Akhavan in eine Art Dampfbad mit See und Sprühregen verwandelt, während der rumänisch-israelische Künstler Belu-Simion Fainaru in einer meditativen Rauminstallation mit stetigen Tropfen in ein großes Wasserbecken an Paul Celans “schwarze Milch der Frühe” erinnert. Dass sein leiser Auftritt im Arsenale als “genozidaler Pavillon” diffamiert wird und am Freitag sogar zu einem Streik zahlreicher Pavillons geführt hat, ist ärgerlich.
Wände voller alter Zeitungen oder bunter Ansichtskarten
Poesie und Politik zu verbinden versucht der serbische, vormals jugoslawische Pavillon, in dem Predrag Đaković rund 14.600 Archivstücke zur europäischen Geschichte auf 320 Quadratmetern Wandfläche affichiert hat. Für sein pathetisch mit “Aus Golgotha zur Wiederauferstehung” betiteltes Projekt hat er alte Fotos und historische Ausgaben von Printmedien, in denen jeweils Spuren der Tragödien des 20. Jahrhunderts zu finden sind, zusammengetragen. So entdeckt man etwa Ausgaben der “Grazer Tagespost” aus dem Dritten Reich, in denen die Steirer kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zum Durchhalten aufgefordert werden.
Wohl ähnlich hoch ist die Anzahl an Ansichtskarten, die Oriol Vilanova für sein Projekt “Los restos” (Die Überreste) auf die hohen Wände des nach einer Renovierung wiedereröffneten spanischen Pavillons geklebt hat – eine Sammlung, die er über zwei Jahrzehnte auf Flohmärkten gesammelt haben will und nun nach Farben und Motiven geordnet hat. Das Riesen-Wandbild ergibt bei einem gewissen Abstand hübsche Effekte, lässt jedoch keine darüber hinausgehende künstlerische oder politische Aussage erkennen – anders als die drei Millionen Mosaiksteine mit denen Sung Tieu die faschistische Architektur des deutschen Pavillons zumindest dem Anschein nach in einen DDR-Plattenbau verwandelte. Schriftplatten werden dagegen in dem von der Künstlerin Miet Warlop konzipierten belgischen Pavillon dekorativ zerschlagen – wenn nicht gerade eine der beteiligten Performerinnen erkrankt ist.
Puppen und Pornostars
Mit brennenden demografischen Fragen beschäftigen sich mit Augenzwinkern Dänemark und Japan. Ausgehend von der These, dass das Betrachten von Pornofilmen die Qualität von Samenspenden verbessert, versucht sich Maja Malou Lise im dänischen Pavillon mit einschlägigen Darstellerinnen als Regisseurin ironischer Pornofilme. In einem zweiten Teil ihres Beitrags installiert sie eine futuristische Samenbank, womöglich bereits Ergebnisse ihrer filmischen Bemühungen. An den Previewtagen wurden die Schlangen vor dem Pavillon jedenfalls von Tag zu Tag länger. Schräg gegenüber widmet sich Ei Arakawa-Nash im japanischen Pavillon der frühkindlichen Erziehung. Besucherinnen und Besucher können sich mit 200 queer anmutenden Puppen von Babyzwillingen dabei quasi als Eltern betätigen und sind dazu aufgefordert, diese durch den Pavillon zu tragen.
Im türkischen Pavillon im Arsenale präsentiert die auch in Wien tätige Künstlerin Nilbar Güreş unter dem Titel” A Kiss on the Eyes” vor allem Installationen, die sich ausgehend von Recherchen in Istanbul mit Stoffen, ihren Texturen und Geschichten beschäftigen. In ihrer Buntheit erfreuen Arbeiten wie ein stoffbehangenes, überdimensionales Mobile das Auge, die Bedeutungen der jeweiligen Stoffe erschließen sich dabei auf den ersten Blick jedoch freilich nicht.
Rave-Rummel und Oase der Stille
Die Biennale ist auch ein Ort der Gegensätze. Während für Griechenland Andreas Angelidakis unter dem Titel “Escape Room” einen immersiven Rave-Tanzsaal voll digitaler Tricks installiert hat, in dem es laut hergeht, hat Starkurator Hans Ulrich Obrist den neben dem Bahnhof gelegenen Klostergarten der Unbeschuhten Karmeliter für den Vatikan in eine stille Ambient-Oase verwandelt. Zu Kompositionen unter anderem von Brian Eno und Terry Riley, die über Kopfhörer übertragen werden, lässt sich wunderbar entschleunigen – eine Voranmeldung für einen Slot könnte nötig sein.
Während es sich für den Vatikan um die zweite Biennale-Teilnahme handelt, debütiert das osteuropäische Moldau wenige Gehminuten weiter. In der Chiesa dei Santi Geremia e Lucia hat Pavel Brăila einen kleinen Menschheitstraum realisiert: Bei “In der 1002 Nacht” lässt er Teppiche in der Kirche fliegen. Lärmende Drohnen machen es möglich.
Und auch eine Ergänzung zu Florentina Holzingers Beschäftigung mit menschlichem Urin lässt sich finden. Luxemburg zeigt den Filmessay “La Merde” von Aline Bouvy, in dem ein kleiner Kothaufen auf witzige Weise einiges über Rat und Unrat zu bedenken gibt. In einem Interview auf die Parallele zum Österreich-Beitrag angesprochen, deklariert sich die Künstlerin als Holzinger-Fan. Der Film wurde gemeinsam mit dem Salzburger Kunstverein produziert, wo Bouvy im Dezember ausstellen wird.




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