"Gelegenheit, die Schule zu erneuern"

Rückkehr auf die Schulbänke mit Spannung und Sorge erwartet

Donnerstag, 27. August 2020 | 11:53 Uhr

Bozen – Der Schulbeginn wird von vielen mit Spannung und Sorge erwartet. Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller sorgt sich um das psychische Wohlbefinden von Jugendlichen: „Schule dient nicht nur der Wissensvermittlung, sondern auch der Entwicklung der Persönlichkeit – sie muss erneuert werden.“

Es wird nicht mehr lange dauern, bis Tausende von Südtiroler Schülerinnen und Schülern wieder zur Schule gehen. “Der Schulbeginn ist auf Montag, den 7. September 2020, angesetzt, und wir sehen diesem Datum mit größerer Unruhe entgegen als sonst: Die Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen unseres Landes sind nämlich seit dem 5. März zu Hause und haben daher das Schuljahr 2019/2020 im Fernunterricht abgeschlossen.” Für den Beginn des Unterrichts seien noch viele Details zu klären, und die Kinder- und Jugendanwaltschaft möchte einige Punkte hervorheben, die ihr besonders am Herzen liegen. „Die Zeit der Isolation und des Fernunterrichts hat dazu geführt, dass wir noch besser verstehen, wie grundlegend die Schule ist. Ich spreche nicht von der Vermittlung von Wissen und Information, sondern von der Entwicklung der Persönlichkeit und des Gemeinschaftssinnes, von der Schule als Ort des Wachsens“, sagt Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller. „Das Recht auf Bildung wird ebenso wie das Recht auf Gesundheit nicht nur von unserer Verfassung, sondern auch von der Kinderrechtskonvention geschützt. Es kann allerdings Situationen geben, wie die aktuelle, wo diese scheinbar in Konflikt zueinanderstehen und ein Gleichgewicht gefunden werden muss. Bei einer Krankheit mit möglichen tödlichen Folgen, ist es klar, dass in einer ersten Phase das Recht auf Gesundheit ein anderes Gewicht hat als das Recht auf Bildung. Nun gilt es aber diese beiden Rechte wieder in einen vernünftigen Ausgleich zu bringen,“ so Höller weiter.

Gerade die aktuelle Situation könne eine gute Gelegenheit sein, die Schule zu erneuern und einige Aspekte zu revolutionieren, so die Kinder- und Jugendanwältin. „Die Schule, wie wir sie kennen, muss revolutioniert werden. Haben Sie jemals ein Foto eines Krankenhauses aus den frühen 1900erer Jahren neben einer Klinik aus den 2000erer Jahren gesehen? Oder eine Fabrik aus dem letzten Jahrhundert und eine Fabrik von heute? Dies sind Orte, die wirkliche Revolutionen erlebt haben, die umgewandelt wurden, um den heutigen Bedürfnissen gerecht zu werden. Wenn wir ein Foto eines Klassenzimmers aus dem letzten Jahrhundert mit dem eines Klassenzimmers aus dem Jahr 2020 vergleichen, sehen wir keine großen Veränderungen, die wir erwarten würden.“ Und Höller weiter: „Wir müssen bereit sein, den Wandel anzunehmen, und wir müssen ihn alle gemeinsam annehmen: Gesellschaft, Familien, Schule, Politik.“ Die Schule sei eine Zeit des Zusammentreffens, in der Kinder und Jugendliche sich mit Gleichaltrigen, jüngeren und älteren Jugendlichen sowie Erwachsenen auseinandersetzen müssen. “Wir sollten über eine dynamischere Schule nachdenken, die sich weniger auf Frontalunterricht stützt und in der nicht in Schubladen gedacht und gelernt wird, sondern in der wichtige Fächer und Themen miteinander verknüpft werden und interdisziplinär angegangen werden können. Mädchen und Jungen brauchen auch einen Ort, an dem ihre Bedürfnisse eine Antwort finden können.”

“Im jüngsten WHO-Bericht über das Gesundheitsverhalten in der Europäischen Region wurde der Schwerpunkt auf ein Thema gelegt, vor dem wir die Augen nicht verschließen können. Psychische Probleme bei Jugendlichen haben im Vergleich zu vor vier Jahren zugenommen. Um besser auf die Bedürfnisse von Mädchen und Jungen eingehen zu können, sollte man sich bewusst sein, dass Unterschiede bei Geschlecht, Alter und sozioökonomischem Status eine Schlüsselrolle bei der Ausarbeitung der besten Strategien zu ihrer Bewältigung spielen“, sagt Höller.

Martin Weber vom WHO-Regionalbüro für Europa sprach von Programmen, die mit einer „Gender-Linse“ umgesetzt werden sollen, wobei älteren Mädchen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. „Die Daten belegen, dass vor allem Mädchen nahe dem Erwachsenenalter mit psychischen Störungen konfrontiert sind und sich von ihrer Familie und der Schule weniger unterstützt fühlen“, so die Kinder- und Jugendanwältin. „Was die Schule tun kann, ist, ein positives Umfeld zu schaffen und Dienste wie die Begleitung von Schülerinnen und Schülern durch Psychologen und Schulsozialpädagogen zu stärken. Es wäre wichtig, ihre Sichtbarkeit in der Schule zu verbessern und die Schülerinnen und Schüler für dieses Angebot zu sensibilisieren“, so Höller abschließend.

Team K: “Zum Schulstart viele offene Fragen und keine klaren Antworten”

Am 7. September öffnen die Schulen ihre Tore. “Die Landesräte und die Landesschuldirektoren üben sich in demonstrativer Gelassenheit, Familien, Eltern, Schuldirektoren und Lehrkräfte, Verantwortliche für Schülertransport und Schulausspeisung stehen vor einem Berg an Fragen”, so fasst das Team K die Situation zusammen.

Die Bewegung hat Anfang Mai die Schulverantwortlichen aufgefordert, frühzeitig mit der Planung für den Herbst zu beginnen. „Wurden diese vier Monate produktiv genutzt”, fragt sich Alex Ploner und fügt hinzu: „Wenn Ende August noch nicht klar ist, wie der Schülertransport funktionieren soll und ob Schüler und Schülerinnen vor oder in der Schule warten müssen, dann liegt einiges im Argen. Gleitende Eintrittszeiten reduzieren das ursprüngliche Stundenkontingent. Ich stelle mir die Frage, ob das Virus am Vormittag weniger ansteckend ist, als am Nachmittag. wo kein Unterricht stattfinden darf. Warum muss die Maske auf dem Weg zur Toilette, nicht aber bei der Tafel getragen werden? Ich verstehe nicht, wie Erstklässler, die sich vielleicht ihre Schuhe noch nicht selbst binden können, selbstbestimmt lernen sollen. Ich verstehe auch nicht, dass im Amateursport nach der Schule die Gruppen bunt zusammengewürfelt Fußballspielen dürfen, in den Klassen die Kinder aber hermetisch voneinander abgeriegelt werden.”

Das Team K zeigt sich enttäuscht darüber, dass in den letzten Monaten die Schulverantwortlichen schwer greifbar waren, aber jetzt, zwei Wochen vor Schulbeginn, die Familien sich darauf einstellen müssen, dass einige Schulen im Fernunterrichtsmodus starten werden. “Unterricht zuhause darf und kann den Unterricht an der Schule nicht ersetzen. Wenn die Probleme im Schülertransport und der Mangel an Unterrichtsräumen die Ursache für den Fernunterricht sind, dann sollten in diesen Bereichen um jeden Preis die Kapazitäten gesteigert werden und nicht die Schüler zuhause gelassen werden.”

„Für die Gesellschaft, mit übermäßig belasteten Frauen zu Hause und in den Familien, oft mit dramatischen Existenznöten, muss die Schule der Ort sein, auf den sich Eltern hundertprozentig verlassen können. Ich sehe den Groll, der sich aufgestaut hat beim Thema Fernunterricht. Im Herbst werden wir diese Unterrichtsform nicht mehr als moderne Form der Didaktik schönreden können. Sie wird entlarvt werden als das, als was sie von vielen Familien heute schon empfunden wird, das Abschieben von Bildungs-Verantwortung weg von der Schule und den Lehrern, hin zu den Eltern der Kinder“, so die Team K-Abgeordnete Maria Elisabeth Rieder.

Die Krise habe auch ein Gutes: “Sie bringt die jahrzehntelangen Versäumnisse bei der Anerkennung des Lehrberufes, der professionellen Schulplanung, der zukunftsweisenden Ausrichtung aller Schulen in Inhalt und Didaktik ans Tageslicht. Wir brauchen eine Alternative zu dieser Politik. Wir fordern mit Nachdruck eine radikale Umkehr zu Gunsten eines adäquaten Bildungsangebots und des Rechts auf Bildung unserer Kinder.”

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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21 Kommentare auf "Rückkehr auf die Schulbänke mit Spannung und Sorge erwartet"


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Nik1
Nik1
Superredner
1 Monat 9 h

Es ist traurig daß Familien Angst und Sorgen haben müssen wie das neue Schuljahr funktionieren soll. Wären Touristen Südtirol belagern dürfen

Waltraud
Waltraud
Universalgelehrter
1 Monat 8 h

Nik1
Da bin ich vollkommen mit Ihnen und vielleicht denkt mal so mancher darüber nach, was an der ganzen Sache nicht stimmen kann.

Traeumerin
Traeumerin
Tratscher
1 Monat 6 h

@Nik1:
In unserem Landl ist NUR der TOURISMUS wichtig! Der Rest geht flöten..

PuggaNagga
1 Monat 5 h

Und die Familie lebt von was? Wie wird das Geld verdient?
Habt ihr den Schuss immer noch nicht gehört?
Wenn keine Gäste mehr kommen sind wir arm drann. Dann ist die stinknormale Durchschnitts-Familie die erste die, die Konsequenzen zu spüren bekommt.

Nik1
Nik1
Superredner
1 Monat 5 h

@Traeumerin da bin ich ganz deiner Meinung.

Nik1
Nik1
Superredner
1 Monat 5 h

@Waltraud das frage ich mich auch langsam.

sophie
sophie
Superredner
1 Monat 8 h

Das ist sowieso die tollste Sache, alles läuft fast wie früher nur noch hecktischer wie früher, Hotels voll Touristen, Geschäfte mit Menschenansammlungen überfüllt, Ausflugsziele, Pragser See, Drei Zinnen, am Dürrensee ist es wie am Strand in Jesolo, nur bei Kindergarten und Schulen wird fast schon nach Problemen gesucht….

Tantemitzi
Tantemitzi
Universalgelehrter
1 Monat 5 h

Und Herr und Frau Südtiroler fährt munter an die verschiedenen Strände ….. und wenn es dann mit der Schule nicht so klappt wie sie es wollen, dann sind alle anderen Schuld nur sie selber nicht!

xyz
xyz
Superredner
1 Monat 7 h

Sicher braucht es Neuerungen…allerdings finde ich, dass es gerade heuer nicht noch mehr Experimente braucht. Es ist schon so vieles neu und unsicher….da tut ein ganz “normaler” Frontalunterricht auch mal ganz gut. Zumal man inzwischen weiß, dass diese Unterrichtsform viel besser ist, als ihr Ruf.

Goggile
Goggile
Tratscher
1 Monat 8 h

Ich finde es schon erstaunlich, dass bei der Materialliste immer noch die 10-er Packung Tempo daraufsteht🙈für was? Schüler dürfen weder Husten, Niesen und wehe die Nase läuft🤦

Gustl64
Gustl64
Tratscher
1 Monat 4 h

Seit Corona kümmern und sorgen sich plötzlich viele Menschen, vor allem Eltern um die Schule. Man schreit förmlich Bach Erneuerung , man verlangt eine zeitgemäße Schule. Vor Corona hat sich kaum jemand darum gekümmert! Man hat all die Reformen der letzten Jahre kaum wahrgenommen, ja überhaupt nicht bemerkt, dass die Schule ständiger Veränderung unterlag.

primetime
primetime
Superredner
1 Monat 1 h

Kann man nichts machen. Heuchlerische Personen halt

Fahrenheit
Fahrenheit
Superredner
30 Tage 7 h

Die Schule in Südtirol? Verändert? NEIN! Der Unterricht in Grund- und Mittelschule wird noch nahezu genauso wie vor 40 Jahren gemacht!

rapunzel191
rapunzel191
Grünschnabel
1 Monat 8 h

Schulstart? Wann ist dann Schulbeginn?

Nik1
Nik1
Superredner
1 Monat 5 h

7. September

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 4 h

Um 8:00

Guennl
Guennl
Tratscher
1 Monat 5 h

In Deutschland sind schon tausende Schüler wieder in Quarantäne.

Gustl64
Gustl64
Tratscher
1 Monat 4 h

In Deutschland müssen ständig Klassen bzw. Schulen geschlossen werden. Viele Eltern und Familien befinden sich in Quarantäne. Bei uns wird es während des Schuljahres sicher nicht anders aussehen. Da helfen all die schlauen Reden einiger Politiker nicht. Es braucht auch niemand beschuldigt werden.

primetime
primetime
Superredner
1 Monat 4 h

Es sollten mal die ganzne Holzstühle erneuert werden. Bei so einem unbequemen Teil darf man sich nicht wundern wenn die meisten nach 10 Minuten sitzen zum Zappfelfilipp werden

wellen
wellen
Universalgelehrter
1 Monat 58 Min

Schulen wie vor 100 Jahren?Unsinn . Und Frontalunterricht ist grade bei begabten Schülern besser als die ewigen zeitfressenden Projekte. Psychische Störungen bei Mädchen? Sind nicht die Buben mehr betroffen? Unverständliches Zeug von der Kinderanwältin…

Gustl64
Gustl64
Tratscher
30 Tage 16 h

Totaler Blödsinn! Frontalunterricht eignet sich besonders bei schwierigen Themen. Vor allem Schülern mit Schwierigkeiten ist damit oft mehr geholfen, als mit Gruppenarbeit.

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