Desiree Nick: "Reality muss schillern"

Die “Realitystar Academy” bildet den Reality-Nachwuchs aus

Donnerstag, 16. April 2026 | 06:00 Uhr

Von: APA/dpa

“Dschungelcamp”, “Big Brother”, “Promis unter Palmen” und “Temptation Island VIP” – Fernsehen und Streamingdienste sind voll von Reality-TV-Formaten und den zugehörigen Realitystars mit Namen wie Georgina Fleur, Cosimo Citiolo oder Tara Tabitha. Braucht die Medienwelt da wirklich noch mehr davon? Ja, lautet die Antwort auf diese Frage zumindest in der neuen Show “Realitystar Academy”, die jetzt beim Streamingdienst Joyn läuft (Start: 16. April).

Schauspielerin und Reality-Urgestein Désirée Nick moderiert das Ganze und bildet – unterstützt von ihrem Assistenten Gigi Birofio – als Akademie-Direktorin den Reality-Nachwuchs aus. Dem Gewinner winkt die Teilnahme bei “Forsthaus Rampensau”, einem weiteren Beispiel aus der unendlichen Fülle der Trash-TV-Formate. “Reality-TV kann sich nur über seine Protagonisten weiterentwickeln, denn die Bilder wiederholen sich in Varianten seit Jahrzehnten”, sagt Nick im dpa-Interview.

Darum müssen die Kandidaten – wie im “Dschungelcamp” – Ekliges essen und – wie bei “Kampf der Realitystars” – um ihre Schlafplätze kämpfen. “Die Herausforderung dieser Lehreinheiten besteht darin, bekannte Situationen individuell zu interpretieren und sie neu zu gestalten: mit Fantasie, Witz, Humor und persönlicher Note”, sagt Nick.

Format in der Krise?

Aus Sicht der Medienexpertin Joan K. Bleicher von der Uni Hamburg hat das Reality-Fernsehen es längst nicht mehr leicht. Bei den Zuschauern sei “ein wachsender Widerstand gegen Erscheinungsformen psychischer und physischer Gewalt erkennbar”, sagt sie der dpa. “Gleichzeitig droht die wachsende Zahl gleichförmiger Formatkonzepte das Interesse am Reality-TV sinken zu lassen.”

Dass trotzdem noch so viele Sender darauf setzen, führt sie auf vergleichsweise geringe Kosten zurück: “Aus der Perspektive der Sendeanstalten ist die Kosten-Ertrags-Relation des Reality-TV nach wie vor gegeben.”

“Wunderbare Möglichkeiten der Unterhaltungskunst”

Nick sieht sogar nach wie vor “wunderbare Möglichkeiten der Unterhaltungskunst”. “Das Problem ist viel komplexer: Die Protagonisten sind inzwischen alle in denselben Agenturen, kennen sich nicht nur alle von Events und Social Media, nein, sie haben Affären, Kinder, Scheidungen untereinander, werden vom Management gecoacht, haben Angst vor Shitstorms, und leben nicht von ihrem Talent, sondern davon, dass sie ihr Privatleben ausschlachten. Quer durch die Formate”, sagt sie.

Erschwerend komme hinzu, dass die meisten neuen “Stars” ihre Anfänge in Dating-Formaten hätten. Darum seien sie auch fast alle gleich alt.

Das alles soll ihren Schülern nicht passieren: Der Realitystar von morgen müsse “erst mal begreifen, dass eine TV-Realityshow das ganze Gegenteil von Social-Media-Content ist und Qualifikationen, Expertise, Handwerk und Fachkenntnisse, ja eine gewisse kulturelle Bildung erfordert”, betont sie. “Die Akademie verleiht den Protagonisten darstellerische Orientierung und bietet durch Schulungen den Studierenden die Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung.” Die haben einige von ihnen auch dringend nötig. Vielen der Kandidaten merkt man an, dass sie ihre Vorbilder vielleicht etwas zu genau studiert haben. Sie scheinen teils komplette Charaktere zu kopieren.

“Keinerlei Demut oder Bescheidenheit”

“Die Novizen schlagen mit einer immensen Anspruchshaltung auf. Da ist keinerlei Demut oder Bescheidenheit”, kritisiert Nick. “Wir sieben deshalb knallhart aus und formen kein Panoptikum, sondern Persönlichkeiten.” Denn: “Was sind Stars in einer Welt, wo sich jeder Diva, Icon, Legend nennt, nur weil man falsche Wimpern, falsche Nägel und falsche Haare trägt? Diese Ideale sind doch längst inflationär entwertet, weil sich jeder Nobody damit schmücken will.”

Die Direktorin hat hohe Anforderungen an ihre Zöglinge: “Reality muss schillern, immer wieder neu überraschen, es braucht Charaktere und Persönlichkeiten, die “out of the box” denken und agieren, die außergewöhnlich und eben nicht angepasst sind, an die man sich erinnert, die mit Humor und Witz zu amüsieren wissen, die vor allem ehrlich sind und mutig neue Wege gehen”, sagte sie.

“Reality braucht Individualität und vor allem vielfältige Charaktere, die sich für nichts zu schade sind und das Publikum reich beschenken wollen”, betont sie. “Es ist ein Abenteuerspielplatz für Individualisten, die einzigartig sind. Zu denen wir eine Bindung herstellen können. Aber bitte nicht mittels Phrasen, Floskeln und Plattitüden. Ich kann die ewig gleichen Sprüche nicht mehr hören.”

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