Von: apa
Mit dem Romandebüt “Postmortem” hat Patricia Cornwell 1990 einen Volltreffer gelandet. In den Mittelpunkt des Krimis stellte die US-Autorin die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, die bis dato in 29 Romanen ermittelte. Die Beschreibung der Forensik in den Bestsellern beeinflusste die Darstellung polizeilicher Arbeit im TV. Nun bekommt die Buchreihe eine längst überfällige eigene Serie auf Amazon Prime: “Scarpetta” mit Nicole Kidman erfüllt Erwartungen aber nur bedingt.
Grundlage für die erste, achtteilige Staffel der TV-Adaption, bei der Cornwell als ausführende Produzentin fungiert und in der ersten Folge einen Cameo-Auftritt absolviert, diente “Postmortem” (auf Deutsch als “Post Mortem”, “Ein Fall für Kay Scarpetta” und “Mord am Samstagmorgen” veröffentlicht). Parallel dazu läuft eine Jahre später angesiedelte Handlung. Ständig springt das Geschehen zwischen den Zeiten, daher wurden die Rollen der Hauptfiguren von jeweils unterschiedlichen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt, die einander mehr oder weniger ähneln.
Eine komplett spoilerfreie, kurze Inhaltsangabe: Die neue leitende Gerichtsmedizinerin des Staates Virginia, Kay Scarpetta, ist einem Serienmörder auf der Spur. Nicht nur der Fall bringt sie an Belastungsgrenzen, sie muss sich in einem von Männern dominierten Polizeiapparat durchsetzen, Intrigen überstehen und mit ihrer nervigen Schwester klarkommen. Der Fall begründet ihre Karriere, doch 28 Jahre später könnte er ihr Untergang werden: Bei einem Kapitalverbrechen gibt es einen Hinweis, dass seinerzeit vielleicht ein schwerer Fehler begangen wurde.
Zwei Besetzungen für jede Rolle
Nicole Kidman und Rosy McEwen (“Black Mirror”) verkörpern Scarpetta von heute und einst. Fans der Vorlage werden sich wohl über einige Details in der Darstellung des Charakters wundern, aber Unbedarfte erwartet eine routinierte darstellerische Leistung beider Schauspielerinnen. Die wie auch Kidman als ausführende Produzentin fungierende Jamie Lee Curtis spielt die Figur der schrillen und streitsüchtigen Schwester dagegen unnötig übertrieben und zu laut. Während Bobby und Jake Cannavale als (Ex-)Ermittler Pete Marino in den beiden Zeitebenen überzeugen (und als Vater und Sohn naturgemäß die meisten Ähnlichkeiten aufweisen), wirkt Simon Baker als FBI-Profiler wie ein Mentalist mit Psychoproblemen am falschen Ort.
“Scarpetta” schreckt vor Gewaltdarstellungen nicht zurück und geht auch in Sachen Gerichtsmedizin keine Kompromisse ein: Obduktionen werden teils recht explizit gezeigt. In beiden Fällen wird die Serie den Romanen gerecht. Dass die teils problematischen familiären Hintergründe, zwischenmenschlichen Beziehungen und Machtintrigen genauso eine zentrale Position einnehmen wie der kriminalistische Part, ist den Gestaltern hoch anzurechnen. Aber die Umsetzung ist nicht immer stimmig, vieles wirkt aufgesetzt. Mit elf Produzenten redeten vielleicht zu viele mit.
Es sei Konzentration angeraten: Die vielen Sprünge zwischen den beiden Handlungen und die damit einhergehenden veränderten Konstellationen zwischen den Charakteren erfordern höchste Aufmerksamkeit. Hut ab für das Wagnis, auf diese dramaturgische Form zu setzen. Wenn’s zu wirr wird, könnte man auch nachlesen – die Bücher sind ohnehin besser.
(Von Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E – www.primevideo.com/detail/Scarpetta )




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